Psychiatrie und Psychotherapie, Innere Medizin, Allgemeinmedizin

Benzodiazepinabhängigkeit - wie helfen beim Entzug? 5 Ärzte beteiligen sich an dieser Diskussion, 123 Ärzte verfolgen diese Diskussion

Dr. ...
Dr. ...
Kardiologie, Pneumologie
Berlin
Liebe Kollegen,
folgenden Fall möchte ich vorstellen:
60 jährige Patientin mit hochgradiger Osteoporose und WK Sinterungen und extremen Schmerzen. Um die Schmerzen zuhause zu ertragen nahm sie eine große Menge (- 8 Tabl.) Zoldem. Hierunter entwickelte sie eine starke Abhängigikeit. Die Patientin war bei uns im stationären Verlauf sehr motiviert diese Abhängigkeit zu überwinden. Wir reduzierten auf 1 Zoldem am Abend. Dazu gaben wir ein Antidepressivum um den Entzug zu coupieren. Trotz der hohen Motivation war die Patientin bei Entlassung sehr unglücklich und wir vermuten, dass sie nach der Entlassung nicht durchhält. Der Leidensdruck des Entzuges war einfach zu hoch.
Was hätten wir besser machen können? Haben sie TIPPS , Erfahrungen?

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Dr. ...
Dr. ...
FA für Urologie

Es ist ja sehr schön, daß Sie die Benzodiazepinabhängigkeit behandelt haben, aber was wurde aus den Schmerzen? Solange Sie keine effektive Schmerztherapie einleiten, wird sich der Seelenzustand kaum ändern und ein Rückfall ist wahrscheinlich.


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Zusätzlich wäre eine spezielle schmerztherapeutische Vorstellung ratsam zur effektiven Therapie der Schmerzen unter Angabe der Benzodiazepin-Abhängigkeit. Welches Antidepressivum haben Sie verordnet? Evtl. käme Duloxetin (Cymbalta) in Frage, welches sich in Studien als wirksam bei begleitender Schmerzsymptomatik herausgestellt hat. Im Kontakt mit der Pat. sollten deren Beschwerden validiert werden, evtl. wäre auch eine psychotherapeutische Begleitung indiziert.


Sehr geehrte Kollegen,
selbstverständlich haben wir die Schmerzen der Patientin behandelt (Durogesicpflaster 12,5µg). Diese waren auch deutlich gebessert. Der Entzug jedoch unabhängig von den Schmerzen stark belastend für die Patientin. Wir verordneten Doxepin als antidepressive Therapie. Allerdings nur temporär.
MfG


P.S. Vielen Dank für Ihr Interesse. MfG


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Dr. ...
Dr. ...
FA für

Die Erfahrungen bei Pat.mit multiplen Kompressionsfrakturen d. WS zeigen, daß trotz adäquater Analgesie mit FENTANYL u.Ä. die Schmerzsituation nicht vollständig kompensiert werden kann. Die "gute" Wirkung der Benzo´s liegt hierbei nicht auf der "seelischen" Seite, sondern in der muskelrelaxierenden u.abschaltenden Wirkung z.Nacht,so daß irgendwie der Schlaf ermöglicht wird. Versuchsweise hier zunächst Ersatz des Zoldem durch ähnliches Tetrazepam, vielleicht anfangs parallel (1/2 v.bd.);falls DOXEPIN ohne Alpträume verträglich, 10-25 mg als abendliche Dauertherapie, eigentlich AMITRIPTYLIN z.B. 10-0-10mg/(25 mg)als Adjuvanz besser, allerdings auch hier Mundtrockenheit; Erhöhung auf FENTANYL 25 yg; später Ersatz des TETRAZEPAM evtl.durch KATADOLON/TRANCOLONG als schmerzlinderndes Muskelrelaxans; als Bedarfsmedikation evtl.auch NOVAMINSULFON/PARACETAMOL und auch NSAR/COXIBE ausprobieren.Über den Einsatz der neueren Antidepressiva, wie z.B. CYMBALTA, habe ich selbst keine Erfahrungen.


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Dr. ...
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FA für und Neurologie

Ich benutze ein Anitdepressvum mit sedierender Komponente und /oder ein niedrig potentes Neuroleptikum um die Entzugssymptome zu kupieren. Den Ersatz einer "Z-Substanz" durch ein Benzodiazepin halte ich für nicht wirklich gut überlegt.
Im Übrigen ist eine Schmerztherapie (wie beschrieben) erforderlich. Duloxetin kann unterstützend auch schmerzreduzierend wirken, aber nicht als Ersatz für Schmerzmittel. Da ein Teil der Schmerzempfindung serotonerg vermittelt wird, darf ein Gruppeneffekt für alle serotonerg wirksamen AD angenommen werden, allerdings nur in WIRKSAMER DOSIS, d.h. nicht 10-25 mg eines Trizyklikums.


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Dr. ...
Dr. ...
FA für Allgemeinmedizin

Diese Benzodiazepindiskussion gab es in esanum schon mal.
Das Problem ist, dass sie nur kurz (max. 4 Wochen)sinnvoll wirken, total ruhig machen (leider über "betonieren" der Gefühle). Anfänglich ist das sehr angenehm, für Patient und Therapeut.
Nach kurzer Zeit jedoch fangen die "einbetonierten" Gefühle an im Untergrund zu rotieren bzw. somatoforme Kontexte flackern gewaltig auf, dem Patienten geht es immer schlechter, er chronifiziert gnadenlos, ggf. nach Jahrzehnten bis zum Krebstod z. B..
Das gilt füe alte und neue Benzos gleichsam, z. B. Lorazepam oder Zolpidem.
Helfen kann beim Absetzen eine Kombination aus Antidepressiva und Neuroleptika, dazu Opipramol (atypischer Angstlöser - ist kein trizyklisches Antidepressivum, wie früher behauptet). Meistens gebe ich z. B. Citalopram 10-60mg (langsam hoch, nach Bedarf), zusätzlich abends Opipramol/Perazin Kombi, anfänglich je 50mg. In schwierigen Fällen muss man hier bis je 200mg gehen - aufbauen, langsam. Das Benzo evt. langsam vermindern, viele Leute lassen es aber sofort weg, wenn man erklärt, welchen Ruin es bedeutet. Es kann 1/2 Jahr dauern, bis die Leute endgültig weg sind vom Benzo und zufrieden sind, meist reicht dann auch nur noch Opipramol 50mg zur Nacht. Da diese Leute meistens auch hirnstrukturell chronisch verändert sind und höchstens teilreversibel, kommt man hier meistens nicht aus ohne dauerhaft Antidepressiva (weiter Citalo)zusätzlich, meist lebenslang.