Psychedelische Psychotherapie in der Schweiz

LSD, Psilocybin und MDMA in der Psychotherapie? Im Universitätsspital Genf ist die psychedelisch-unterstützte Psychotherapie bereits eine etablierte Behandlungsalternative.

Interview mit Federico Seragnoli

Übersetzt aus dem Französischen

Herr Seragnoli, welche Rolle spielen die psychedelischen Substanzen in der Psychotherapie?

Es geht darum, die Wirkung der Psychotherapie zu verstärken, indem die Wahrnehmung des Patienten vorübergehend verändern wird. Die psychedelischen Substanzen "öffnen" quasi den Vorstellungshorizont des Patienten, der dadurch deutlich mehr psychologische Flexibilität erhält.

Süchte oder Ängste sind eher Möglichkeiten, den eigenen Emotionen aus dem Weg zu gehen, an statt sich mit ihnen auseinander zu setzen. Mit psychedelischen Substanzen ist es möglich, sich eben diesen Emotionen zu stellen und diese intensiv zu erleben – ohne eine Flucht in alternative Verhaltensweisen. Wenn die Patienten mit ihren Emotionen konfrontiert werden, können sie auf traumatische Erinnerungen zugreifen und somit bestimmte Automatismen ändern. Darüber hinaus wird die therapeutische Vertrauensbasis zwischen Patient und Therapeut gefördert.

Mehrere Studien haben gezeigt, dass eine Psychotherapie mit psychoaktiven Substanzen Angstzustände oder depressive Symptome lindern oder bestimmte Abhängigkeiten reduzieren kann. Diese Substanzen wirken nicht auf die gleiche Weise auf das Gehirn: Psilocybin wird hauptsächlich zur Behandlung von Depressionen und LSD zur Behandlung von Angstzuständen eingesetzt.

Was ist die spezifische Indikation für MDMA?

In der Schweiz verwenden wir MDMA1 – auch bekannt als Ecstasy – zur Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS). Diese Substanz befindet sich als Medikament in Phase 3 der Entwicklung, weshalb wir sie im Rahmen eines "compassionate use" einsetzen. Da die Food and Drug Administration (FDA) den Status eines Therapiedurchbruchs gewährt hat2, rechnen wir damit, dass die Verwendung von MDMA für die Behandlung von PTBS bereits 2024 zugelassen wird. Es wird erwartet, dass die Europäische Arzneimittelagentur diesem Beispiel folgen wird. Damit wäre MDMA die erste psychedelische Substanz, die offiziell als Medikament betrachtet wird.

PTBS ist das Ergebnis einer Störung der Stressreaktion von Menschen, die sehr schwierige bis stark traumatisierende Zeiten erlebt haben. Da sie nicht in der Lage sind, diese Ereignisse zu "verstoffwechseln", hat ihre Psyche sehr starke Abwehrmechanismen entwickelt. Oft haben die Patienten keinen Zugang mehr zu ihren Erinnerungen, auch nicht während der Therapiesitzung. Stattdessen erleben sie schwere biopsychologische Krisen mit Flashbacks, die durch triviale Ereignisse ausgelöst werden. Diese Patienten leben daher mit einem Gefühl der ständigen Bedrohung. Einige erleben sogar Episoden von Depersonalisation.

Durch die Aktivierung eines Kerns der Amygdala fördert MDMA die Regulierung der Stressreaktion und ermöglicht so den Zugang zu traumatischen Erinnerungen während der Therapie. Dies scheint wirksamer zu sein als die EMDR-Methode (Eye Movement Desensitization and Reprocessing), eine klassischerweise bei PTBS angewandte Technik.

Beim Freizeitkonsum vermittelt MDMA die Erfahrung, mit anderen zusammen zu sein. In einer therapeutischen Umgebung wendet es den Patienten zu sich selbst. Er kann auf seine Erinnerungen zugreifen und seine Wut und seine Gefühle der Ungerechtigkeit zum Ausdruck bringen.

Welche Ergebnisse können wir von diesen psychedelisch unterstützten Therapien erwarten?

Wie bei der konventionellen Therapie – in der es ja um den Prozess geht, durch den eine Person einen Aspekt ihrer eigenen psychischen Dynamik erfasst, der ihr zuvor unbekannt war – kann die Intensität der Einsicht variieren. Doch die Erfahrung ist immer etwas Interessantes, da die Patienten etwas über sich selbst erfahren.

Wir konnten die Wirksamkeit der psychedelisch-augmentierten Psychotherapie (PAP) beim Alkoholentzug nachweisen. Ein Patient hatte jahrelang fünf- bis sechsmal am Tag lähmende Angstattacken gehabt. Nach der Sitzung hatte er einige Tage lang keine Anfälle, dann kehrten sie zurück, allerdings mit geringerer Intensität. Manchmal ist das Ergebnis unmittelbar und spektakulär: Ein weiterer Patient hatte 20 Jahre lang versucht, mit dem Rauchen aufzuhören, und schaffte es schließelich am Tag nach der Sitzung.

Manche Patienten spüren die Wirkung nicht, aber wir sehen, dass die Sitzung dennoch einen Unterschied gemacht hat. In jedem Fall werden keine weiteren Sitzungen angeboten, wenn kein eindeutiger Nutzen erkennbar ist.

Wie funktionieren diese Sitzungen?

Es finden immer ein oder zwei Vorbereitungssitzungen statt, in denen Bluttests und ein EKG durchgeführt werden. Die üblichen Behandlungen sollten fortgesetzt werden, außer bei Triptanen und Antiepileptika. Bei Antidepressiva beurteilen wir die Situation gemeinsam mit dem Patienten, und wenn dieser einverstanden ist, wird die Einnahme vorübergehend eingestellt.

Danach beantragen wir beim Bundesamt für Gesundheit eine Behandlungsbewilligung. Jeder Patient hat Anspruch auf drei PAP-Sitzungen pro Jahr. Der Kauf der Substanzen geht allerdings auf Kosten des Patienten.3

Am Tag der Augmentierten Psychotherapie ist das Betreuungsteam immer anwesend und greift nur auf Wunch des Patienten ein. Es handelt sich lediglich um eine introspektive Erfahrung, eine Psychotherapie findet zu diesem Zeitpunkt nicht statt. Der Patient liegt in einem sicheren Bett, mit einer Maske über den Augen und Musik, wenn er dies wünscht. Die Sitzung dauert zwischen sechs und zehn Stunden, je nach Substanz.

Am nächsten Tag findet in Anwesenheit der HUG-Therapeuten und eventuell des Therapeuten, der den Patienten normalerweise begleitet, eine "Integrationssitzung" statt. Der Patient spricht über seine Erfahrungen während des Sitzung. Das Gespräch wird aufgezeichnet, damit der Patient es sich später noch einmal anhören kann, entweder allein oder gemeinsam mit dem Therapeuten.

Schließlich findet vier bis sechs Wochen später eine "Verstärkungssitzung" in unserer Abteilung statt. Wir besprechen die Auswirkungen, die der Patient in seinem täglichen Leben als Folge des Erlebnisses beobachtet haben könnte. Diese Sitzung ist auch eine Gelegenheit, die nächsten Schritte zu besprechen und gegebenenfalls die nächste PAP-Sitzung zu planen.

Gibt es Gegenindikationen?

Im Freizeitkontext lösen Psychedelika nur sehr selten psychotische oder manische Zustände aus. Alle Sicherheits- und Überwachungsmaßnahmen, die in einem therapeutischen Kontext ergriffen werden, verhindern dieses Risiko. Als Vorsichtsmaßnahme ist eine persönliche oder familiäre Vorgeschichte mit einer bipolaren Störung oder einer psychotischen Episode eine absolute Kontraindikation.

Ansonsten gibt es mit Ausnahme von schweren und unkontrollierten Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Anfallsleiden oder schwerer Leberzirrhose keine Kontraindikationen.

Gibt es irgendwelche Risiken?

Während der Sitzung kann der Psychotherapeut in die Position eines "Gurus" geraten, weil der Patient möglicherweise große Bilder auf ihn projiziert. Es ist daher notwendig, auf ethischer Ebene sehr wachsam zu sein.

Darüber hinaus können einige Stunden nach der Einnahme der Substanz leichte und vorübergehende körperliche Nebenwirkungen auftreten. Die verwendeten Dosierungen sind relativ niedrig und bergen kein Risiko der Toxizität. Es besteht auch keine Gefahr der Abhängigkeit.

Wir achten sehr auf die psychischen Nebenwirkungen, die von der psychischen Verfassung des Patienten zum Zeitpunkt der Sitzung abhängen. Psychedelische Substanzen können Angstzustände oder sogar Verfolgungsgefühle hervorrufen, oft unmittelbar nach der Einnahme. Aus diesem Grund findet die Sitzung in einer sehr ruhigen Umgebung und in Anwesenheit von professionellen Betreuern statt.

Im Vorfeld wird gemeinsam mit dem Patienten entschieden, wie weit der Körperkontakt während der Sitzung gehen soll: eine Hand auf die Schulter legen, die Hand nehmen usw. Falls erforderlich, können wir den Patienten mit Lorazepam oder Risperdon beruhigen.

Außerhalb des therapeutischen Kontextes sind weitere unerwünschte Wirkungen möglich. Sie können auftreten, wenn die Konsumenten mehrere Substanzen mischen. Im Rahmen der psychedelisch unterstützten Psychotherapie wurden jedoch keine schwerwiegenden Nebenwirkungen beobachtet, die durch diese Substanzen ausgelöst wurden.


Über Federico Seragnoli

Federico Seragnoli ist Psychologe und Doktorand am Universitätsspital Genf (HUG). Seine Arbeit konzentriert sich auf den therapeutischen Einsatz psychedelischer Substanzen. Am HUG können Schweizer Einwohnende von einer psychedelisch unterstützten Psychotherapie profitieren. Rund 50 Patientinnen und Patienten sind bereits behandelt worden. Die Schweiz ist eines der wenigen Länder, in denen die drei Substanzen, LSD, Psilocybin und MDMA, im Rahmen eines "compassionate use" eingesetzt werden.

Anmerkungen

  1. MDMA (Methylendioxy-N-Methylamphetamin) ist ein psychostimulierendes Molekül aus der Klasse der Amphetamine.
  2. "Bahnbrechende Therapie". Vorrangiger Status, der von der US Food and Drug Administration einem Arzneimittel gewährt wird, das sich in der Validierungsphase befindet und wahrscheinlich einen entscheidenden therapeutischen Fortschritt bringt.
  3. Der Preis hängt von der Dosierung ab (1 Schweizer Franken oder CHF entspricht etwa 1 Euro): 15mg Psilocybin: 225 CHF / 25mg Psilocybin: 375 CHF / 100mcg LSD: 128.40 CHF / 200mcg LSD: 256.80 CHF.