Ab wann wird die Göre zum Krankheitsfall?

Prof Dr. Günter Esser von der Uni Potsdam erklärt das Krankheitsbild “Expansive Verhaltensstörungen”. Wutausbrüche, Lügen, Streiten, Schlagen – wann wird aus nervigen Verhaltensauffälli

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Prof Dr. Günter Esser von der Uni Potsdam erklärt das Krankheitsbild “Expansive Verhaltensstörungen”.

Wutausbrüche, Lügen, Streiten, Schlagen – wann wird aus nervigen Verhaltensauffälligkeiten eine Krankheit, die therapeutisch behandelt werden sollte? Ein Kriterium für die Expansive Verhaltensstörung im Kinder und Jugendalter ist sicher die Häufigkeit der Symptome. Zu den massiven Problemen gehören auch körperliche Grausamkeit, Tierquälerei, Destruktivität, Feuerlegen, Stehlen, Schwänzen, Tyrannisieren anderer Kinder, aber auch Erwachsener. Ein bis zwei Prozent der Kinder im Grundschulalter sind betroffen – überwiegend Jungen, sowie vier bis sechs Prozent der Jugendlichen.

Wer ist gefährdet? Zu den Persönlichkeitsfaktoren der Kinder mit expansiven Verhaltensstörungen gehören ein schwieriges Temperament des Kleinkindes, geringes Selbstwertgefühl, ein negatives Selbstkonzept, unzureichende Impulskontrolle, mangelnde Emotionsregulation, verzerrte soziale Informationsverarbeitung, geringes Einfühlungsvermögen, niedrige Intelligenz. Aber die psychosozialen Faktoren überwiegen ganz klar gegenüber hirnorganischen Faktoren, die eine eher geringe Bedeutung haben. Dabei werden beengte, ungünstige Wohnverhältnisse und ein insgesamt  schwieriges soziales Umfeld als riskant ausgemacht.

Was läuft falsch in der Kindheit? Vor allem Kinder in chronischen Streitbeziehungen, von Eltern mit Partnerproblemen sind größeren Risiken zu erkranken ausgesetzt. Wenn Wärme, Akzeptanz und emotionale Unterstützung fehlen und gemeinsame Aktivitäten in der Familie selten oder gar nicht unternommen werden, sind das alles ungünstige Entwicklungsvoraussetzungen. Zum besonderen Risiko werden aber auch psychiatrisch auffällige Familienmitglieder.

Was fehlt nun in der Erziehung? Prof. Esser fasst zusammen: Fehlen eindeutiger Regeln, unzureichende Informationen der Bezugsperson über den Aufenthalt und das Verhalten des Kindes außerhalb der Familie, inkonsistente pädagogische Führung, mangelnde Fähigkeit mit familiären Konflikten adäquat umzugehen. Und im ungünstigsten Fall: aggressives Verhalten Erwachsener.

Als entscheidenden Schutzfaktor gegen eine Erkrankung identifiziert Esser die positive Mutter-Kind-Interaktion (MKI), zu der eine hohe Reaktivität der Mutter gehört, sowie eine positive Einstellung der Eltern zu Schwangerschaft und Geburt. Zur Prävention gehören folgerichtig eine Behandlung der Wochenbettdepression, die Anleitung zur Verbesserung der MKI bei Risikogruppen, sowie zur Verbesserung elterlicher Erziehungskompetenz. Besonders wichtig sind die frühe Behandlung von Kindern mit Formen oppositionellen und hyperaktiven Verhaltens und die Anleitung der Erzieherinnen bei der Früherkennung von Entwicklungsstörungen. Je eher eine sinnvolle Therapie startet, desto besser die Prognosen.

Text und Video: Vera Sandberg