Televisite im Heim erspart lange Fahrtwege

Die Televisite ist wie eine Live-Schaltung im Fernsehen. Arzt und Patient sehen sich über eine Webcam und den Computerbildschirm. In NRW gibt es gute Erfahrungen damit. Rita Stumpf ist 89, aber noc

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Die Televisite ist wie eine Live-Schaltung im Fernsehen. Arzt und Patient sehen sich über eine Webcam und den Computerbildschirm. In NRW gibt es gute Erfahrungen damit.

Rita Stumpf ist 89, aber noch richtig gut drauf. Fröhlich schiebt sie ihren Rollator in ihr Appartement in der Seniorenresidenz “Klosterbauerschaft” im ländlichen Kirchlengern. Auf dem Wohnzimmertisch wird ein tragbarer Computer mit Webcam aufgestellt – und schon ist die Seniorin als Patientin Teil des nordrhein-westfälischen Modellprojekts zur elektronischen Gesundheit, kurz eGesundheit. Die Untersuchungen per Mausklick und mit Bildschirm gibt es derzeit in elf Pflegeeinrichtungen in der Region um das westfälische Bünde. Hunderte Televisiten sind seit Projektstart im Mai bereits abgehalten worden.

Rita Stumpf macht eine kleine Hautveränderung Sorgen. Hautarzt Marcus Nippesen nimmt die Stelle aus seiner Praxis im benachbarten Bünde unter die Lupe. “Das müsste man schon herausschneiden und untersuchen”, rät er seiner Patientin. Und Rita Stumpf will es sich überlegen. Für ein anschließendes EKG plaziert die Pflegerin Christin das handgroße Gerät auf das Dekolleté Stumpfs, der mobile Apparat überträgt die Daten auf den Computer und der Telearzt kann das Ergebnis vom Schirm ablesen.

Patientin Stumpf ist zufrieden. “Die Fahrt nach Bünde ist mir erspart geblieben”, sagt sie. Sie hätte sonst mit dem Taxi oder dem Bus aus Kirchlengern zur Praxis von Nippesen fahren müssen. Für weniger mobile Patienten hätte extra eine Krankenfahrt organisiert werden müssen. Und benötigt die 89-Jährige einen praktischen Arzt, so ist dieser wie viele andere Hausärzte auch im Modell vernetzt. Mit den Televisiten sind Arzt und Leiterin der Residenz zufrieden. “Jede zweite Fahrt fällt etwa weg”, sagt Mediziner Peter Rosellen. Er ist in das Projekt eingebunden.

Natürlich geht es vor allem um weniger ernste Fälle. Die Pflegeeinrichtung ruft dann beim Arzt an, Patient und Mediziner sehen sich kurz darauf über den Bildschirm, der Doktor kann ein EKG prüfen oder dem Personal Pflegetipps geben. “Das gibt ein Stückchen Sicherheit für das Wochenende”, sagt Leiterin Sabine Bolte. Muss behandelt werden, wird ein Termin vereinbart.

“Wir in NRW sind bundesweit Vorreiter bei der Einführung der Telematik und der Telemedizin”, sagt Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) zu den Projekten. “Dabei steht für uns immer im Vordergrund: Die Technik muss den professionellen Anwendern und vor allem den Patientinnen und Patienten dienen.”

Auch das Patienten-Netzwerk NRW sieht in der Televisite Chancen und Risiken. “Gut ist, dass man in Zeiten von Hausärztemangel überhaupt einen Arzt zu Gesicht bekommt, wenn auch nur per Monitor”, sagt Sprecherin Manuela Anacker. Beim persönlichen Kontakt könne der Arzt aber ganz genau hinsehen und kleinste Veränderungen feststellen, was er über den Bildschirm in der Form nicht könne.

Ob sich das Modell Televisite auf alle Pflegeeinrichtungen und überhaupt auf alle Patienten übertragen lässt, ist noch offen. Zurzeit ist die sogenannte Fernbehandlung für neue Erkrankungen verboten. Die Ärzte im Modell kennen die meisten Leiden aber schon. Und bei der Televisite sprechen sie nicht von einer Behandlung. Es wird vielmehr sondiert, ob eine solche überhaupt notwendig wird. “Wir gehen aber davon aus, dass das Fernbehandlungsverbot 2017 fällt”, sagt Hans-Jürgen Beckmann, Arzt und Chef der Projektgesellschaft Medizin und Mehr.

Text und Foto: dpa /fw