Wieviele Rheumatologen braucht das Land?

Die derzeitig 1,06 Rheumatologen pro 100.000 Einwohner sind zu wenig und werden den zukünftigen Bedarf nicht decken können. In den kommenden Jahrzehnten wird sich das Bild von Deutschland auch aus

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Die derzeitig 1,06 Rheumatologen pro 100.000 Einwohner sind zu wenig und werden den zukünftigen Bedarf nicht decken können.

In den kommenden Jahrzehnten wird sich das Bild von Deutschland auch aus medizinischer Sicht dramatisch verändern. Patienten werden älter und damit steigt die Zahl derer mit altersbedingten Erkrankungen wie Rheuma. Doch schon heute sehen Experten eine Unterversorgung auf dem Gebiet der Rheumatologie in Deutschland.

Dank einer weltweit anerkannten Erweiterung des Begriffes der rheumatischen Erkrankungen auf die sogenannten RMD (rheumatic and musculoskeletal diseases) kennt die Rheumatologie heute bereits etwa 200 Entitäten, die zum rheumatischen Formenkreis zählen. Die bekanntesten davon sind sicher RA, Arthrose oder die Sklerose. Hinzugekommen sind aber darüber hinaus beispielsweise Stoffwechselerkrankungen der Knochen, tumoröse Läsionen oder der gesamte Bereich der Sportmedizin. Gerade letzteres ist jedoch weiterhin Gegenstand von Diskussionen.

Aufgrund der neuen Definition als RMD finden sich ganz neue Inzidenzwerte für die Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises. In Europa leiden oder litten demnach etwa 22 % der Menschen an einer RMD. Jeder Dritte hat im Alltag mit Schmerzen zu kämpfen, woraus weitere Einschränkungen resultieren. Muskuloskeletale Erkrankungen sind zudem führend in der Liste der Entitäten mit der geringsten Lebensqualität. Mit einem Fünftel Betroffener in der europäischen Gesamtbevölkerung liegen die rheumatischen Erkrankungen heute auf Platz 1 der in Europa häufigsten Erkrankungen noch vor Hypertonie (17 %) und Allergien (16 %). Blickt man dahingegen auf die Versorgungssituation in Europa, so zeichnet sich ein ganz anderes und zum Teil sehr heterogenes Bild. Während in Frankreich noch circa 4,2 Rheumatologen auf 100.000 Einwohner kommen, liegt der europäische Durchschnitt bei 1,7 zu 100.000. Deutschland rangiert mit seinen derzeit erzielten 1,06 Rheumatologen sogar im unteren Drittel in Europa. Das ist zu wenig und wird weder dem jetzigen noch dem zukünftigen Bedarf in irgendeiner Weise gerecht werden können.

Ein aktueller systematischer Literatur-Review1 hat einmal eine Auswahl verfügbarer Studien zusammengetragen, die sich mit dem Bedarf an Rheumatologen in Kanada, den USA sowie Europa und Deutschland beschfäftigt haben. Besonders wichtig bei Studien zur Bedarfsermittlung ist, dass Angebot und Nachfrage beachtet werden. Nur so lässt sich dynamischen Prozessen, wie z. B. dem Älterwerden der Menschen, ausreichend Rechnung tragen. Aus alten Studien für Deutschland allein wurden Werte von einem Rheumatologen auf 50.000 Einwohner ermittelt. Werden die Modelle der anderen oben genannten Länder und Regionen mit berücksichtigt, erhält man für die Versorgung erwachsener Patienten einen Schlüssel zwischen 0,7 und 3,5 Rheumatologen pro 100.000. Neuere Studien gehen aber bereits von höheren Bedarfswerten aus. In der Kinderrheumatologie hingegen scheint ein Facharzt pro 100.000 ausreichend zu sein.

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Quellen:

  1. Dejaco C. et al., Arthritis Care Res (Hoboken) 2016 [epub ahead of print]
  2. Buttgereit F. Lunchsymposium “Therapieeinsatz von Biosimilars in der rheumatoiden Arthritis – Aktuelles Verständnis heute, notwendiges Verständnis morgen.” (Veranstalter: Hexal AG), Frankfurt 2016

Text: Dr. Marcus Mau

Foto: Image Point Fr / Shutterstock.com