COVID-19-Impfung bei genetischer Prädisposition für Autoimmunkrankheiten

Im Jahr 2020 und 2021 gibt es kein anderes Thema, dass intensiver beobachtet und diskutiert wird als COVID-19-Impfstoffe. Mittlerweile gibt es einige wissenschaftliche Publikationen zu dieser Thematik. Ein ganz wichtiger Themenpunkt inmitten dieser Thematik ist die Effektivität und die Sicherheit von COVID-19-Impfstoffen bei Personen mit autoimmunen Vorerkrankungen.

Im Jahr 2020 und 2021 gibt es kein anderes Thema, dass intensiver beobachtet und diskutiert wird als COVID-19-Impfstoffe. Mittlerweile gibt es einige wissenschaftliche Publikationen zu dieser Thematik. Ein ganz wichtiger Themenpunkt inmitten dieser Thematik ist die Effektivität und die Sicherheit von COVID-19-Impfstoffen bei Personen mit autoimmunen Vorerkrankungen. Bei den aktuell erhältlichen COVID-19-Impfstoffen handelt es sich um eine ganz neue Generation von Impfstoffen. Welche Daten aktuell hierzu vorliegen, erfahren wir im heutigen Immunologie-Blogbeitrag.

Was sagt das RKI dazu?

Das Robert-Koch-Institut hat sich am 16.07.2020 zur generellen Immunisierung von Personen mit Autoimmunerkrankungen wie folgt geäußert: "Autoimmunerkrankungen (z. B. Myasthenia gravis, Multiple Sklerose) oder chronisch-entzündliche Erkrankungen (z. B. Rheumatoide Arthritis, chronisch entzündliche Darmerkrankungen) stellen grundsätzlich keine Kontraindikation für Schutzimpfungen dar. Studien konnten bisher keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen einer Impfung und einer neu aufgetretenen Autoimmunkrankheit bzw. einer chronisch-entzündlichen Erkrankung oder einem Schub einer bereits bestehenden Erkrankung belegen. Impfpräventable Infektionen können dagegen bei nicht-geimpften Personen mit Autoimmunkrankheiten oder chronisch-entzündlichen Erkrankungen Morbidität und Mortalität erhöhen und z. B. einen Schub auslösen. Auch haben diese Personen durch die Grunderkrankung und/oder deren Therapie ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf. Impfungen können somit das Risiko für symptomatische Erkrankungen durch die jeweiligen Erreger und für infektionsgetriggerte Schübe der Grunderkrankung verringern."1

Wie sieht es nun aus mit den neuartigen COVID-19-Impfstoffen? Können die aktuellen wissenschaftlichen Daten diese Aussage bestätigen? Handelt es sich bei der äußerst seltenen Impfnebenwirkung (einiger COVID-19-Impfstoffe) Immunthrombozytopenie nicht auch um eine autoimmunbedingte Impfreaktion? 

Einem Review der Cochrane Library zufolge handelt es sich bei dieser Immunthrombozytopenie um eine Autoimmunerkrankung, die bereits zuvor in zeitlicher Assoziation zu einer Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln beschrieben wurde. Die Idiopathische Thrombozytopenische Purpura - auch bekannt unter dem Namen Immunthrombozytopenie - wurde in zeitlicher Assoziaton zur MMR-Impfung beschrieben, tritt jedoch bei einer Infektion mit einem dieser Viren mit einer deutlich höheren Wahrscheinlichkeit auf. Die Pathogenese beruht unter anderem auf einer Immundysregulation, der Bildung von Autoantikörpern gegen die Thrombozyten sowie einer gehemmten Thrombozytopoese.2 Ähnlich verhält es sich mit der Immunthrombozytopenie nach COVID-19-Infektion bzw. COVID-19-Impfung. Das Risiko für das Auftreten einer Immunthrombozytopenie ist - verglichen mit dem Risiko nach einer COVID-19-Impfung - deutlich erhöht nach COVID-19-Infektion. Sars-CoV-2 kann zu einer Überreaktion des Immunsystems führen.3 

Akuter Schub einer rheumatoiden Arthritis in zeitlichem Zusammenhang mit einer BNT162b2-Impfung (BioNTech-Pfizer)

Am 30.März dieses Jahres wurde in der renommierten Fachzeitschrift "The Lancet" ein wissenschaftlicher Artikel publiziert, der von einem Ausbruch eines Schubes einer rheumatoiden Arthritis nach COVID-19-Impfung berichtet hat. Bei den beiden COVID-19-Impfstoffen BNT162b2 (BioNTech-Pfizer) und mRNA-1273 (Moderna) handelt es sich um mRNA-Impfstoffe, die mittels Lipid-Nanopartikel über Endozytose in das Zytosol der Zelle gelangen. Personen mit einer rheumatoiden Arthritis wurden erst zu einem späteren Zeitpunkt in die klinischen Studien miteingeschlossen. Eine Therapie mit Immunsuppressiva hingegen stellte ein Ausschlusskriterium dar. Bis dato ist noch nicht ganz klar, ob bei rheumatischer Prädisposition eine rheumatoider Arthritis entweder als Ergebnis einer Immunreaktion oder des nichtspezifischen adjuvanten Effekts auftreten kann. Von einem möglichen Zusammenhang zwischen einer Impfung als triggernden Faktor und der Auslösung eines Schubs einer rheumatoiden Arthtitis wurde zwar bereits bei Impfstoffen gegen Tetanus, Rubella, Hepatitis B und Influenza berichtet, doch groß angelegte klinische Kontrollstudien blieben bis dato aus. Ein autoimmuner Mechanismus könnte das molekulare Mimikry sein. Hierunter versteht man folgendes: Die viralen Peptide ähneln körpereigenen Peptiden und können so eine Immunreaktion auslösen. Diese Hypothese wurde jedoch bisher für die rheumatoide Arthritis noch nicht bewiesen. Theoretisch ist das Risiko der Auslösung eines autoimmun bedingten Krankheitsschubs bei genetischer Prädisposition nach COVID-19-Impfung nicht ganz auszuschließen. Dies hat auch das "American College of Rheumatology" anerkennend am 08. Februar 2021 mitgeteilt. Terracina et al. berichten in ihrer Publikation von einem interessanten Fall: Bei einem 55-jährigen Mann kaukasischen Ursprungs mit einer nicht-erosiven rheumatoiden Arthritis bestand eine 2 Jahre anhaltende klinische Remission seiner rheumatoiden Symptomatik. Bereits 12 Stunden nach einer BNT162b2-Impfung kam es zu einem akuten Schub der rheumatoiden Arthritis. Ob und welche Komponente des BNT162b2-Impfstoffes den akuten Schub ausgelöst haben könnte, ist für Katherine Terracina noch unklar. Die Forscherin vermutet, dass dem Ganzen entweder ein molekulares Mimikry zwischen dem viralen Spike-Protein und körpereigenen Peptiden vorliegt oder eine nichtspezifischen adjuvanten Effekt durch eine Komponente des BNT162b2-Impfstoffs. Es könnte sich auch um einen zeitlichen Zufall handeln. Neue Forschungsergebnisse aus Deutschland führten dazu, dass die Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie e.V. (DGRh) am 12.05.21 Stellung zur COVID-19-Impfung von Personen mit rheumatoider Vorerkrankung nahm. Anna Julia Voormann von der Geschäftsstelle der DGRh äußerte sich wie folgt: "Menschen mit rheumatischen Erkrankungen können und sollten sich gegen COVID-19 impfen lassen. Zwei in Deutschland durchgeführte Studien zeigen, dass die Impfung mit einer mRNA-Vakzine für Menschen mit Rheuma sicher ist und in der Regel gut vertragen wird. Auch kann nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie e.V. (DGRh) von einer guten Schutzwirkung ausgegangen werden. Jedenfalls legen das die Messungen der schützenden Antikörper nahe, die nach der Impfung von fast allen Rheumapatienten gebildet werden."4-6

Den Inhalt dieser beiden deutschen Studie, sowie weitere interessante immunologische Fälle lernen wir im kommenden Beitrag kennen.

Referenzen:
1. https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/Impfen/AllgFr_Kontraindi/FAQ01.html
2. Di Pietrantonj. C. et al. (2020). Vaccines for measles, mumps, rubella, and varicella in children. Cochrane Database of Systematic Reviews 2020, Issue 4, Art. No.: CD004407.
3. Taquet M.  et al. (2021). Cerebral venous thrombosis: a retrospective cohort study of 513,284 confirmed COVID-19 cases and a comparison with 489,871 people receiving a COVID-19 mRNA vaccine. OSFHOME.
4. https://idw-online.de/de/news768694
5. Geisen U. M. et al. (2021). Immunogenicity and safety of anti-SARS-CoV-2 mRNA vaccines in patients with chronic inflammatory conditions and immunosuppressive therapy in a monocentric cohort. Annals of the Rheumatic Diseases 2021.
6. Simon D. et al. (2021). SARS-CoV-2 vaccination responses in untreated, conventionally-treated and anti-cytokine-treated patients with immune-mediated inflammatory diseases. Ann Rheum Dis Epub ahead of print.

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