Ein subkutaner Untermieter ist wieder auf dem Vormarsch

Eine parasitäre Erkrankung ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten und wird oft erst spät korrekt diagnostiziert: Die Krätze wird hierzulande oft mit einer Vielzahl von Krankheitsbildern verwechselt.

Eine parasitäre Erkrankung ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten und wird oft erst spät korrekt diagnostiziert: Die Krätze, auch als Skabies oder Akrodermatitis bekannt, wird hierzulande oft mit einem atopischen Ekzem (Neurodermitis), einem bullösen Pemphigoid, einem Kontaktekzem, einem systemischem Lupus erythematodes, einer Pyodermie, einem pruriginösem Ekzem oder auch einer Histiozytose verwechselt.

In den letzten Jahren sind gehäuft endemische Ausbrüche dieser längst vergessenen parasitären Erkrankung in Seniorenwohnheimen, Pflegeeinrichtungen, Krankenhäusern, Obdachlosenasylen und Kindertagesstätten aufgetreten. Die Skabiesmilbe kann auch als ein ungeliebtes Mitbringsel aus dem Urlaub ihren Weg in die menschliche Epidermis finden. In Ländern mit tropischem Klima liegt die Prävalenz der Skabies bei 15%. Vor allem Kinder sind in diesen Ländern von der Skabies betroffen. In vulnerablen Bevölkerungsschichten kann die Prävalenz einen Wert von 70% erreichen.1

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Abbildung 1: Die weibliche Skabiesmilbe gräbt ihre Tunnel in der Epidermis und legt hier ihre Eier ab, aus denen nach 2-3 Tagen Larven schlüpfen. (Bildquelle2)

Die Skabiesmilbe infiziert schichtübergreifend

Skabies kann sich durch alle Bevölkerungsschichten ziehen. Normale Hygienemaßnahmen haben oft wenig Auswirkung auf diesen arachnoiden Parasiten, der sich Tunnelsysteme durch die menschliche Epidermis gräbt. Für eine Infektion reicht nur eine befruchtete weibliche Milbe aus. Die Übertragung kann direkt erfolgen durch einen längeren intensiven Körperkontakt im Rahmen von Pflegetätigkeiten oder einem Sexualkontakt. Indirekt kann eine Ansteckung mit dieser Ektoparasitose über kontaminierte Textilien zustande kommen. Die Inkubationszeit liegt zwischen 7 Tagen und einem Monat: Je nach Immunstatus und ob es sich um eine Primär- oder um eine Sekundärinfektion handelt, kann sich die immunologische Reaktion auf die Skabiesmilbe und auf ihren Kot nach einigen Tagen oder erst mit Zeitverzögerung nach 4-6 Wochen bemerkbar machen. Die Skabies tritt vor allem im Frühjahr und Herbst auf. Urlaubsreisen in Länder mit tropischem Klima und die Migrationsbewegungen der letzten Jahre können ihre Verbreitung begünstigen. Meist handelt es sich bei den Migranten um Kinder und Jugendliche. Sie gehören in Hinblick auf die Skabies zu der vulnerablen Bevölkerungsgruppe und sind möglicherweise auf ihrer Flucht in Kontakt mit der Skabiesmilbe gekommen.1

Die Spinnentiere verbreiten sich in einem epidermalen Tunnelsystem

Unter adäquaten Bedingungen bohrt sich dieser auf den Menschen spezialisierte, obligate Parasit in nur 20 bis 30 Minuten seinen Weg in die Epidermis. Die weibliche Skabiesmilbe dringt nie tiefer als in das Stratum granulosum ein. Der Grund hierfür ist, dass eine Sauerstoffversorgung über Diffusion über die Körperoberfläche des Menschen gewährleistet bleiben muss. Die höchstens 0,5 mm große weibliche Skabiesmilbe gräbt pro Tag das Zehnfache ihrer Körpergröße an Tunnellänge. Hier kann sie bis zu 60 Tage überleben. Aus ihren Eiern schlüpfen Larven, die an der Hautoberfläche reifen. Die Behandlung der Skabies findet genau in dieser Reifungsphase der Skabiesmilben statt, da die verfügbaren Medikamente nicht ovizid sind. Je länger Skabiesmilben von ihrem Wirt getrennt sind, desto geringer ist ihre Infektiosität. Ihr Überleben hängt stark von der Umgebungstemperatur und der Luftfeuchtigkeit ab. Bei 34°C liegt ihre Überlebensdauer bei höchstens 24 Stunden. Bei 50°C sinkt diese bereits auf unter 10 Minuten ab. Bei 16°C ist die Bewegungsfähigkeit der Skabiesmilben soweit reduziert, dass sie sich nicht mehr in die Epidermis bohren können. Immunsuppression prädisponiert zu der Entwicklung einer Scabies crustosa. Bei der Scabies crustosa können Tausende bis Millionen von Milben die Haut besiedeln. Diese Form geht mit einer besonders hohen Infektiosität einher. In Seniorenheimen kann es bereits nach einem kurzen Haut-zu-Haut-Kontakt zwischen dem Pflegepersonal und dem infizierten Patienten zu einer Übertragung des Parasiten und zu einem Skabiesausbruch kommen. Bei der gewöhnlichen Skabies liegt die Anzahl an Skabiesmilben bei rund 15 Parasiten pro Person.1,4

Steigender Antiskabiosaverbrauch in Deutschland

Die fehlende Meldepflicht für die Skabies in Deutschland erschwert den Erhalt valider epidemiologischer Daten. Dennoch lassen Daten aus unterschiedlichen Quellen eine Tatsache stark vermuten: Die Anzahl an Skabies-Fällen hat in Deutschland zugenommen. Der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein zufolge kam es in ihrem Bezirk innerhalb der Jahre 2014 bis 2016 zu einer 200%-igen Zunahme der Prävalenz von Skabies. Auch in vollstationären Einrichtungen wurden vermehrt Skabies-Fälle gemeldet. Die Anzahl der verschriebenen Antiskabiosa stieg in Deutschland innerhalb eines Jahres im Mittel um 60% an. Dies ergab sich aus einer internen Untersuchung der Barmer Krankenversicherung für die Jahre 2016 und 2017. Hier fielen deutliche regionale Unterschiede auf: Schleswig‐Holstein war mit einer Zunahme von 129% der Antiskabiosa-Spitzenreiter. In Berlin kam es lediglich zu einem Anstieg um 35%.3

Nächstes Mal schauen wir uns die immunologische Reaktion auf die Skabiesmilbe an und diskutieren über eine mögliche Ausbreitung einer resistenten Skabiesmilbe.

Referenzen:
1. https://www.rki.de/DE/Content/Infekt/EpidBull/Merkblaetter/Ratgeber_Skabies.html
2. Linsenmaier W. et al. (1950). Laminas entomologicas por E Handschin. Servicio Cientifico de Laboratorios Roche.
3. Sunderkötter C. (2019). Zunahme von Skabies in Deutschland und Entwicklung resistenter Krätzemilben? Evidenz und Konsequenz. Journal of the German Society of Dermatology.
4. Bhat S.A. et al. (2017). Host immune responses to the itch mite, Sarcoptes scabiei, in humans. Parasit Vectors. 2017;10(1):385. Published 2017 Aug 10.

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