Lepra, dies ist ein Wake-Up-Call

Noch vor einigen Jahrhunderten war Lepra in Europa weit verbreitet. Doch auch heute ist die Problematik trotz großer medizinischer Fortschritte nicht gelöst.

Noch vor einigen Jahrhunderten war Lepra in Europa weit verbreitet. Doch auch heute ist die Problematik trotz großer medizinischer Fortschritte nicht gelöst.

Lepra war vor einigen Jahrhunderten bei uns in Europa endemisch gewesen. Die Krankheit trat in diesen Zeiten fast täglich in unsere europäische Realität und es gab keine gedanklichen Ausflüchte oder Verbarrikadierungen vor ihr. Erst im Jahr 1873 -das ist ja noch nicht so lange her- konnte der Wissenschaftler Armauer Hansen beweisen, dass der Ursprung der Lepra das Mycobacterium leprae ist und nicht etwa eine "Strafe Gottes". Die wahrscheinlich älteste Erkrankung der Menschheit hält uns auch heute noch auf Trab.1

Die Immunkompetenz des Individuums und der Erregertropismus sind entscheidend

Heutzutage kommt die Lepra am häufigsten in Indien, Indonesien und Brasilien vor. Wir wissen bisher, dass die Ansteckung vermutlich über die Nasenschleimhäute stattfindet. Sie ist eine schwach kontagiöse Erkrankung. Damit eine Infektion zustande kommt, ist eine hohe Erregerdichte und ein langanhaltender Kontakt notwendig. Die betroffenen Patientinnen und Patienten sind auch nur in bestimmten Erkrankungsphasen ansteckend für andere Menschen. In der Initialphase der Erkrankung, in der nur ein geschultes Auge die Anzeichen der Infektion erkennen kann, besteht kaum eine Ansteckungsgefahr. Das höchste Ansteckungsrisiko geht von Patientinnen und Patienten mit lepromatöser Lepra aus, da in sich in den Infiltraten eine hohe Erregeranzahl befindet.2

Hypopigmentierte, sensibilitätsgestörte Maculae sind das erste morphologische Anzeichen

Das Mycobacterium leprae löst nur bei 5-10% der Infizierten das erschreckende Krankheitsbild aus. Der Grund dafür ist die variierende Genetik des jeweiligen Wirtsorganismus sowie der Erregertropismus. Die Diagnosestellung im Frühstadium gestaltet sich oft schwer, da meist nur wenige hypopigmentierte Maculae in Erscheinung treten. Erfolgt die Therapie in diesem initialen Stadium, so heilt die Erkrankung folgenlos aus. Die restlichen 90% der Infizierten in Endemiegebieten zeigen eine inapparent-klinischen Verlauf.2

Beim Blick in den Spiegel zeigt sich ein Löwe

Abhängig von der Leistungsfähigkeit und der Verfassung des Immunsystems des infizierten Individuums kann die Lepra unterschiedliche Gesichter haben. Solange sich das Immunsystem zur Wehr setzen kann, tritt die Lepra in ihrer tuberkuloiden Form ans Tageslicht. Scharf begrenzte erythematöse Plaques dominieren ihr Erscheinungsbild. Anders sieht das Ganze aus, wenn die Front der T-Zellen schlapp macht. Hier zeigt die Lepra ihr lepromatöses Gesicht, das seit jeher Angst und Schrecken unter den Menschen verbreitet hat. Aus Mensch wird Löwe: Das Gesicht und die Ohren sind übersäht von rotbraunen, knotigen Lepromen. Das menschliche Gesicht gleicht durch die aufpolsternde Wirkung der Leprome dem eines Löwen, Facies leonina. Das Bakterium stiehlt den Betroffenen nicht nur ihr Gesicht, sondern raubt ihnen auch ihr Augenlicht. Es lässt sie zurück in einer dunklen Gefühllosigkeit. Die Nervenbeteiligung, die zur Reduktion der Thermo-, Mechanorezeption und Nozizeption führt, kann die tuberkuloide und die lepromatöse Form betreffen. Die mimische Starre, die die Infektion hinterlässt erinnert an einen Rundgang durch Madame Tussauds. Bei der Borderline-Lepra sind Merkmale der tuberkuloiden und der lepromatösen Form gemeinsam anzutreffen. Sie liegt bei der Mehrheit der Patientinnen und Patienten mit apparentem Verlauf vor. Tritt die Erkrankung in Erscheinung, so pendelt sie sich bei den meisten nach dem Initialstadium als Borderline-Lepra ein.2

Von Mäusepfoten und neunbändigen Gürteltieren

Das Mycobacterium leprae hat seit Jahrtausenden schon der Menschheit gezeigt, dass es auf die Größe nicht ankommt. 4-7µm reichen aus, um Leben zu zerstören. Das störrische Stäbchen, das in keinem Nährmedium zu kultivieren ist, lässt sich lediglich in Mäusepfoten und neunbändigen Gürteltieren anzüchten. Es hört sich an wie ein Relikt aus vergangener Zeit und dennoch ist die Problematik aktueller, als sie je sein könnte.2

Mission: Impossible - Stopping the Transmission

Wie in Mission: Impossible - Fallout, befinden sich anstatt des Hauptdarstellers die Ärzte und Ärztinnen in einem Wettlauf gegen die Zeit. Denn die Zeit bis zur Diagnosestellung und Therapie entscheidet über den Behinderungsgrad der Opfer. Anfang der 90er steckte sich die WHO das Ziel bis zur Milleniumswende die Lepra eliminiert zu haben. Ein ambitioniertes Ziel, was leider nicht erreicht wurde. Aber lieber steckt man sich zu hohe, unmöglich erscheinende Ziele und schafft auf dem Weg dorthin eine bessere Welt. So war es auch mit der WHO. Seit der Einführung der antibiotischen Kombinationstherapie ist die Welt um einiges besser geworden. Die Rate an Neuerkrankungen mit Grad-2-Behinderungen konnte deutlich gesenkt werden. Die hohe Inzidenzrate ist weltweit dennoch geblieben, sodass wir uns fragen müssen, wieso das der Fall ist und was wir dagegen in Zukunft tun können.3

Nächstes Mal erfahren wir, welche Einflussgrößen der WHO im Weg stehen und wieso es gerade die Kinder sind, die es am härtesten trifft.

Referenzen:
1.) Chaudhuri S. et al. (2015). Chronicles of Gerhard-Henrik Armauer Hansen's Life and Work. Indian J Dermatol. 2015 May-Jun; 60(3): 219–221. 
2.) Fischer M. (2017). Lepra - Ein Überblick über Klinik, Diagnose und Therapie. J Dtsch Dermatol Ges. 2017 Aug;15(8):801-829.
3.) Welt-Lepra-Tag 2019. (2019). Ein Jahr vor dem Ende der globalen Lepra-Strategie 2016-2020: Gelingt der erhoffte Durchbruch? Epidemiologisches Bulletin 4/2019.

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