Corona-Überraschung: Aerosole, Schule, Reha

Die COVID-19-Pandemie ist nicht im Sommerloch verschwunden, auch wenn man das im Bildungswesen offenbar gehofft hat. Der schulische Regelbetrieb wird zur Herausforderung – und der pneumologische Reha-Betrieb für viele Corona-Patienten zur Notwendigkeit.

Die COVID-19-Pandemie ist nicht im Sommerloch verschwunden, auch wenn man das im Bildungswesen offenbar gehofft hat. Der schulische Regelbetrieb wird zur Herausforderung – und der pneumologische Reha-Betrieb für viele Corona-Patienten zur Notwendigkeit.   

Zu unserem Corona-Kreuzworträtsel von Ende Juli hätte noch gut der folgende Ort gepasst: das älteste deutsche Seebad. Laut Wikipedia handelt es sich bei dem 1793 gegründeten Seebadeort sogar um den ältesten in ganz Kontinentaleuropa. Wegen der von der See aus sichtbaren weißen Häuserreihe in Strandnähe wird die gesuchte Destination auch die "Weiße Stadt am Meer" genannt. Letzter Tipp: Im Juni 2007 fand hier ein G8-Gipfel mit Strandkorb-Foto statt. Alles klar?

Auf den gesuchten Namen kommen wir im weiteren Verlauf des Beitrags noch zurück. Und ganz am Ende gibt es auch des Kreuzwortsrätsels Lösung wie gewünscht – sie war zwischenzeitlich verschwunden, wir bitten um Entschuldigung!

Corona verschwindet nicht im Sommerloch – eher umgekehrt

Das Sommerloch in seiner üblichen Form ist ja in diesem Corona-Jahr irgendwie ausgefallen. Nicht nur für Prof. Christian Drosten war es ein "sehr arbeitsreicher Sommer". Deutschlands Chefvirologe von der Charité konnte nur wenig Urlaub machen und hat diesen – wie viele Zeitgenossen – für einen Familienbesuch bei Oma und Opa genutzt. Jetzt steht er wieder für neue Folgen des mit dem Grimme Online Award ausgezeichneten „Coronoavirus-Update“-Podcasts bereit und wird sich dabei künftig mit der Virologin Prof. Sandra Ciesek von der Medizinischen Virologie am Uniklinikum Frankfurt wochenweise abwechseln.

Ein dritter mittlerweile landesweit bekannter Virologe, Prof. Hendrik Streeck von der Uni Bonn, antwortete gerade im Interview mit der Fuldaer Zeitung auf die Frage, was ihn in den vergangenen Monaten bis heute im Umgang mit dem Virus am meisten überrascht habe: "Für mich war es als Virologe am überraschendsten, dass die Übertragung durch Aerosole in geschlossenen Räumen so eine bedeutende Rolle spielt."

Lüftungssysteme in Klassenzimmern: kein Thema für die Schulverwaltung?

Mit Aerosolen haben pneumologisch tätige Ärzte von Berufs wegen zu tun und jetzt ist man gerade in Schulkreisen ein noch gefragterer Ansprechpartner als vor der Pandemie. Das wird Ihnen so ähnlich gehen, wenn Sie schulpflichtige Kinder haben und nicht in Bayern oder Baden-Württemberg leben, wo die Rückkehr in den schulischen Regel(panik)betrieb noch aussteht. Als Vater kann man sich in Berlin nur wundern, wie wenig den Schulen im Umgang mit Hygienekonzepten, Schutzmaßnahmen und Corona-Fällen geholfen wird (vom digitalen Unterricht ganz zu schweigen).

Dass den Schulen nicht wenigstens geeignetes Informationsmaterial seitens Schulverwaltung und Gesundheitsämtern zur Verfügung gestellt wurde, um die Elternschaft schon vor Beginn des Regelbetriebs und erst recht beim Auftreten der ersten Fälle mit positiv getesteten Schülern und Lehrern adäquat zu informieren und für mehr Wissen und Orientierung statt Panik und Verunsicherung zu sorgen, erscheint völlig unverständlich und inakzeptabel. Auch die Unklarheiten, was eine Schule selbst entscheiden darf und was nicht, zehren an den zeitlichen und nervlichen Ressourcen. Das Desaster des Personal-, (Digital-) Kompetenz-, Konzept- und Infrastrukturmangels wird durch die Kommunikationsinsuffizienz noch gesteigert.

Beispiel Raumlüftung: Der Sommer geht spürbar zu Ende und die Fenster und Türen wird man nicht mehr lange sperrangelweit offenstehen lassen können. Über Aerosolbildung in gefüllten Klassenräumen und geeignete Lüftungsgeräte zerbrechen sich engagierte Eltern die Köpfe – von der Schulverwaltung hat die Schulleitung zum Thema technische Lüftungssysteme dagegen noch kein Sterbenswörtchen gehört.

Individueller Krankheitsverlauf kaum vorhersagbar

Vom persönlichen Corona-Schulalltagsirrsinn zurück zur öffentlichen Diskussion über die COVID-19-Pandemie, an der sich auch zunehmend Pneumologen beteiligen, vor allem, wenn es um die möglichen Spätfolgen der Viruserkrankung geht. Ebenfalls in der Fuldaer Zeitung sprach vor wenigen Tagen der Direktor der Pneumologie am Klinikum Fulda, Prof. Philipp Markart, "Klartext zu Corona-Lockerungen", wie es in der Überschrift des Interviews heißt.

Dabei geht der Lungenarzt auch auf die bis dato unvollständigen Kenntnisse über die Risikofaktoren für ungünstige COVID-19-Verläufe ein: "Es ist praktisch nicht möglich, den individuellen Verlauf vorherzusagen. Diese Erfahrungen haben wir auch am Klinikum Fulda gemacht: Es sind eben nicht nur ältere Patienten mit schweren Vorerkrankungen, bei denen sich der Verlauf ungünstig entwickelt, sondern auch Patienten, die diesem Risikoprofil nicht entsprechen. Hier ist mir besonders aufgefallen, dass auch bis dato gesunde, sportliche, relativ junge Menschen – selbst wenn eine intensivmedizinische Behandlung nicht notwendig war – eine erhebliche Krankheitsschwere aufwiesen und stark beeinträchtigt waren."

Mit dieser Beobachtung ist der Fuldaer Klinikchef nicht allein und damit kommen wir zu dem im Beitragsentrée gesuchten Ort: Es handelt sich um Heiligendamm, einen Stadtteil von Bad Doberan an der Ostseeküste Mecklenburg-Vorpommerns in der Mecklenburger Bucht. Dort ist die Pneumologin Dr. Jördis Frommhold als Chefärztin der Abteilung für Atemwegserkrankungen und Allergien an der Median Klinik Heiligendamm tätig. In der 1997 neu errichteten Rehaklinik hat man inzwischen Dutzende Patienten nach einer COVID-19-Erkrankung intensiv betreut. Über die Post-Corona-Reha wurde auch schon in den Publikumsmedien berichtet, wie man der Klinik-Homepage entnehmen kann.

Vielfältiges Beeinträchtigungsspektrum auch nach „Genesung“

In einem Webinar auf springermedizin.de hat Frommhold kürzlich über neun Corona-Fälle aus ihrer Abteilung berichtet. Die MEDIAN Klinik verfügt über 120 Betten Pneumologie und 135 Betten Psychosomatik, was die Pneumologin als "sehr gelungene Mischung" bezeichnete, "da viele pneumologische Patienten durchaus von der psychosomatischen Konsilbehandlung profitieren können". Die beobachteten Reha-Verläufe der "genesenen" COVID-19-Patienten und die sich daraus ergebenden Überlegungen der behandelnden Reha-Kollegen sind sehr interessant und für die eigene Arbeit in Klinik und Praxis beachtenswert.

Zu den möglichen Spät- bzw. Langzeitfolgen der COVID-19-Erkrankung mangelt es noch an Evidenz. Darüber haben wir schon in einem Blog-Beitrag berichtet, ebenso über den erhöhten pneumologischen Reha-Bedarf infolge der Pandemie. Bekanntermaßen weisen etwa 80% der mit SARS-CoV-2 infizierten Menschen keine bzw. milde Symptome auf und erholen sich schnell. Dagegen erkranken 14% schwer, aber nicht lebensbedrohlich, und 6% kritisch bis lebensbedrohlich mit Lungenversagen, septischem Schock oder mutliplem Organversagen. Die beiden letzten Patientengruppen benötigen nach der akutmedizinischen Behandlung eine weiterführende rehabilitative Versorgung – also etwa jeder fünfte COVID-19-Betroffene.

Das bekannte Spektrum an unspezifischen, variierenden, vielfältigen und mitunter multisystemischen Krankheitsverläufen spiegelt sich auch in der Post-Corona-Phase wider. Dabei berichten nach Frommholds Beobachtung die Patienten zunehmend häufiger über Wortfindungsstörungen und Koordinationsstörungen als Ausdruck einer schweren neuronalen Beteiligung.

Schon vor der Reha mit unterstützenden Maßnahmen beginnen!

Was die Reha-Expertin im Webinar ebenfalls betonte: Den krankheits- und behandlungsbedingten Beeinträchtigungen der Patienten sollte schon im akutstationären Verlauf mit Atemtherapie (Cave: Aerosol-Bildung bei infektiösen Patienten!), Mobilisation und unterstützender Physiotherapie entgegengewirkt werden.

Nach einem Aufenthalt auf der Intensivstation gibt es einen großen Bedarf an psychischer, kognitiver und physikalischer Stabilisierung, die eine gut konditionierte Rückkehr in das häusliche Umfeld ermöglicht. Deshalb wird bei schweren Krankheitsverläufen und älteren sowie multimorbiden Patienten ein multiprofessioneller Reha-Ansatz empfohlen. Der Aspekt der sozialen Wiedereingliederung spielt in der Post-Corona-Reha angesichts eines Altersmedians der Patienten von 50 Jahren oder darunter eine besondere Rolle, so Frommhold.

Und hier die Lösung zum Corona-Kreuzworträtsel:

Kreuzwort lösung.PNG

Sprachlicher Hinweis:
Für eine bessere Lesbarkeit verwenden wir im Pneumologie Blog die männliche Form (z. B. "Patienten", "Ärzte"). Es sind stets alle Personen unabhängig vom Geschlecht gemeint.

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