Grenzwert-Diskussion: "lokale Maßnahmen und kurzfristiger Aktionismus wenig hilfreich"

Die Leopoldina hat sich geäußert und wir schließen damit unsere kleine Beitragsreihe zum Lungenärzte-Grenzwerte-Hype ab.

Die Leopoldina hat sich geäußert und wir schließen damit unsere kleine Beitragsreihe zum Lungenärzte-Grenzwerte-Hype ab.

"Wo bleibt die Diskussion um eine nachhaltige Gesamtstrategie?" fragten wir im Februar in einem Blog-Beitrag zur medialen Aufregung über die lungenärztliche Luftschadstoff-Grenzwert-Diskussion. Die altehrwürdige Leopoldina – 1652 in Schweinfurt gegründet und laut Wikipedia "die älteste dauerhaft existierende naturforschende Akademie der Welt" – hat reagiert. Nicht auf uns, sondern auf die Ende Januar erfolgte Bitte der Bundeskanzlerin, sich zur Angelegenheit klärend zu äußern.

Interdisziplinäre Leopoldina-Arbeitsgruppe mit 20 Professoren

Daraufhin hat die Nationale Akademie der Wissenschaften im Februar eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe mit 20 Professoren aus zwölf Fachgebieten (Medizin, Toxikologie, Biologie, Chemie, Epidemiologie, Statistik, Technik-, Wirtschafts-, Material- und Rechtswissenschaften, Soziologie und Verkehrsforschung) eingerichtet. Die Zusammenstellung von Leopoldina-Arbeitsgruppen erfolgt nach eigenen Angaben gemäß persönlicher Kompetenz und nicht im Interessengruppenvertretungsmodus.

Im April hat nun diese Arbeitsgruppe, deren Sprechertrio der Präsident und der Vizepräsident der Leopoldina angehören, eine Ad-hoc-Stellungnahme veröffentlicht. Wir zitieren:

"Um die Luftqualität nachhaltig zu verbessern, sind lokale Maßnahmen und kurzfristiger Aktionismus wenig hilfreich. Sinnvoller ist eine längerfristige Perspektive, die neben dem Straßenverkehr weitere relevante Schadstoffquellen in den Blick nimmt. Ziel sollte eine bundesweite, ressortübergreifende Strategie zur Luftreinhaltung sein, die neben Stickstoffoxiden und Feinstaub weitere Schadstoffe und Treibhausgase aus allen Quellen berücksichtigt. Sie soll den Akteuren in Politik und Wirtschaft Orientierung und Hilfestellung geben und Grundlage lokaler und regionaler Luftreinhaltungspläne sein."

"Nachhaltige Verkehrswende" gefordert

Isolierte Diesel-Fahrverbote sind eben nicht zielführend, die vom Wissenschaftlergremium geforderte "nachhaltige Verkehrswende" dagegen schon. Zu den vorgeschlagenen Optionen zählen alternative Antriebe wie Elektromotoren, ein besseres Verkehrsmanagement und der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Deutlich gefährlicher als die Stickoxide sind nach bisherigem Kenntnisstand die Feinstäube, vor allem die ultrafeinen Partikel mit einem Durchmesser zwischen 1 und 100 Nanometer.

Als besonders wichtig wird zudem eine Verringerung des Ausstoßes von Treibhausgasen wie Kohlenstoffdioxid erachtet. Die 28 EU-Mitgliedstaaten haben vor zwei Wochen nach politischem bzw. lobbyistischem Ringen neue Vorgaben für den CO2-Ausstoß von Neuwagen beschlossen. Dieser soll bis 2030 um 37,5% bei im Vergleich zu 2021 sinken, bei leichten Nutzfahrzeugen um 31% und in beiden Fahrzeugklassen um 15% bis 2025 als Zwischenziel. Mal schauen, ob das klappt …

Schadstoffwirkung hängt auch vom Genprofil ab

Die DGP begrüßt in einer Pressemitteilung die Leopoldina-Empfehlung als "Rückkehr zur Sachlichkeit". Prof. Vogelmeier (Marburg) weist als Vorsitzender der Deutschen Lungenstiftung zudem darauf hin, dass Luftschadstoffe "vor allem labile Patientengruppen, also Kinder, Ältere und chronisch kranke Menschen", beeinträchtigen. Und solche mit sensiblem Genstatus, wie die Ergebnisse einer australischen Kohortenstudie1 zeigen.

Die analysierte Studienpopulation umfasste 709 Teilnehmer der Tasmanian Longitudinal Health Study mit Follow-Ups im Alter von 45 Jahren und 50 Jahren. Bei ihnen wurden der Wohnabstand zu einer Hauptstraße (< oder > 200 m), die NO2-Exposition, FEV1 und FEV1/FVC, Atembeschwerden und Asthma im Vorjahr sowie der Genotyp der Glutathion-S-Transferase (GST) bestimmt.

Die hauptstraßennahe und verkehrsbelastete Wohnsituation mit erhöhter NO2-Exposition war erwartungsgemäß mit einer gesteigerten Prävalenz von Asthma und nicht erkältungsbedingten Atembeschwerden sowie mit verschlechterten Lungenfunktionswerten assoziiert. Die Auswirkungen wurden offensichtlich durch den GST-Polymorphismus beeinflusst und waren bei Trägern des GSTT1-Null-Genotyps und der Genotypen GSTP1 val/val und ile/val verstärkt zu beobachten. Dem Glutathion-Stoffwechsel kommt bekanntlich eine wichtige Schutzfunktion gegenüber oxidativem Stress zu, wobei verschiedene GST-Varianten reaktive Sauerstoffspezies unterschiedlich effektiv deoxigenieren.

Grenzwerte sind politisch, Gefährdungspotenzial ist individuell

Interessant an der australischen Studie ist auch der Umstand, dass die Feinstaubbelastung mit maximalen jährlichen Durchschnittswerten von 23,8 und 22,9 ppb zu beiden Zeitpunkten gering war und die internationalen Grenzwerte unterschritt. Die dennoch zu beobachtende Risikosteigerung verdeutlicht die Relevanz auch einer geringen Schadstoffexposition für die pulmonale Gesundheit bei gefährdeten Personen(gruppen).

Referenz:
1. Bowatte G et al. Traffic-related air pollution exposure over a 5-year period is associated with increased risk of asthma and poor lung function in middle age. Eur Respir J 2017;pii: 1602357. doi:10.1183/13993003.02357-2016

Abkürzungen:
DGP = Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V.

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