Rauchstopp: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Nikotinpflaster als Schutz gegen COVID-19? Diese gewagte Hypothese kommt aus Frankreich. In Südafrika ist Rauchen dagegen jetzt ganz verboten.

Nikotinpflaster als Schutz gegen COVID-19? Diese gewagte Hypothese kommt aus Frankreich. In Südafrika ist Rauchen dagegen jetzt ganz verboten.   

In den meisten Bundesländern ist jetzt Sommerferienzeit und wir reisen nach Südafrika. Allerdings nur virtuell mit unserer Aufmerksamkeit, denn es besteht natürlich weiterhin die COVID-19-bedingte Reisewarnung des Auswärtigen Amts, die Landesgrenzen sind geschlossen und internationaler Flugverkehr findet so gut wie nicht statt. Südafrika hat aber im Kampf gegen das neuartige Coronavirus noch eine andere, aufsehenerregende Maßnahme ergriffen: Mit dem südafrikanischen Lockdown, der Ende März erfolgte, wurde u.a. neben dem Verkauf von Alkohol auch ein landesweites Tabak-Verbot verhängt, vom einen Tag auf den anderen.

"Größte Raucher-Entzugskur der Geschichte"

Damit befindet sich "eine ganze Nation seit mehr als drei Monaten in der wohl größten Raucher-Entzugskur der Geschichte", wie es in der zugehörigen dpa-Mitteilung heißt. Vom "weltweit einmaligen sozialen Experiment" ist die Rede. Und davon, dass die zuständige Ministerin Nkosazana Dlamini-Zuma den Bann mit der höheren Gefährdung von Rauchern durch COVID-19-Komplikationen und der möglichen Belastung für das Gesundheitssystem begründet hat. Während die Tabakindustrie auf die Barrikaden geht, Verbraucherschützer "schwere Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte" kritisieren und Ökonomen vor dem Ausfall an  Steuereinnahmen warnen, glaubt die Regierung offenbar, "dass gut 10% der Raucher ihr Laster aufgeben". Bei knapp zehn Millionen Tabakkonsumenten in Südafrika wären das eine Million Menschen.

Diese Einschätzung korrespondiert mit dem Ergebnis einer Umfrage, das der Autor eines Artikels auf standard.at mit leichten Zweifeln an der Richtigkeit erwähnt und in Beziehung setzt zu den "mindestens 90 % der Raucher", die "mittlerweile schlechte Kippen zum fünffachen Preis" rauchen – oder in Zeitungspapier eingewickelte Rooibos-Teeblätter, da auch der Verkauf von Zigarettenpapierchen verboten wurde. Der Schwarzmarkt blüht, was sich nicht gerade gesundheitsfördernd auswirken dürfte: "Wer diese Dinger auf Dauer raucht, braucht bald auch ohne Virus ein Beatmungsgerät. NDZ sei Dank", so der Standard-Korrespondent.

Die Politikerin und ausgebildete Ärztin Nkosazana Dlamini-Zuma (NDZ), die angeblich Beziehungen zur Schmugglermafia pflegen soll, setzte sich schon als Gesundheitsministerin im Kabinett von Nelson Mandela für ein strenges Rauchverbot an öffentlichen Plätzen ein. Dieses Engagement wurde 1999 mit dem Tobacco Free World Award der Weltgesundheitsorganisation gewürdigt. Was jetzt die "größte Raucher-Entziehungskur aller Zeiten" (Betitelung der dpa-Meldung auf aerztezeitung.de) bringen wird, muss sich zeigen. Während die Ausgangssperre in Südafrika – trotz hoher vierstelliger Zahl an täglichen Neuinfektionen mit SARS-CoV-2 – mittlerweile ebenso wieder aufgehoben ist wie das Alkoholverbot und die Spielcasinoschließung, bleibt der Tabak-Bann jedenfalls erstmal bestehen.

Hilft Nikotin gegen Corona?

Dabei geistert seit ein paar Wochen die Frage durch die Gegend, ob das Rauchen nicht sogar vor Corona schützen kann. Vielleicht sind Sie damit ja auch schon konfrontiert worden. Google spuckt dazu jedenfalls über 16 Millionen Ergebnisse aus, die Raucher- und Dampferszene brodelt. Ein "Run auf Nikotinpflaster, die angeblich gegen die Infektion helfen sollen" (br.de) – man möchte es nicht glauben. Die Aufsehen und Verwirrung stiftende Meldung kommt aus Frankreich, von dessen größtem Krankenhaus, der renommierten  La Pitié Salpetrière. Forscher des Lehrkrankenhauses der Universität Sorbonne stellten einen deutlich geringeren Anteil an Rauchern unter den COVID-19-Patienten als in der Gesamtbevölkerung fest. Ihre Hypothese: Die kontrollierte Anwendung von Nikotin, etwa als Pflaster, Schnupftabak oder Kaugummi, könnte durch kompetitive Bindung an die nikotinischen Acetylcholinrezeptoren (nAChR) vor der Virusinfektion schützen.  

Die auf br.de zitierte Pneumologin Dr. Marion Heiß-Neumann (Asklepios Fachkliniken München-Gauting) hält das für eine "mutige These" und meint: "Ich persönlich würde mich nicht darauf verlassen, dass das Virus nicht den Rezeptor überwinden kann." Das sehen wir auch so. Es darf u.a. angesichts des Mangels an einer systematischen Erfassung und belastbaren Zahlen bezweifelt werden, ob das französische Studiendesign tatsächlich valide Rückschlüsse auf die Gesamtzahl der an COVID-19 erkrankten Raucher zulässt.

Unzweifelhaft: Rauchstopp lohnt sich immer

Dagegen lohnt es sich unzweifelhaft immer, mit dem Rauchen aufzuhören. So freut sich etwa das Bronchialepithel, wie kürzlich berichtet. Aktuelle Registerdaten aus den USA belegen in Einklang mit bisheriger Evidenz zudem, dass das durch Rauchen verursachte kardiale Risiko nach einiger Zeit der Abstinenz kaum noch besteht.1 In einer Kohorte mit mehr als 2.000 Patienten, die bei ihrem ersten Herzinfarkt ein Alter von höchstens 50 Jahren aufwiesen, waren knapp über die Hälfte (53%) aktive Raucher. Ein Jahr nach dem Infarkt setzte die deutliche Mehrheit von ihnen den Nikotinabusus weiter fort, nur etwas mehr als ein Drittel (38%) hatte damit aufgehört. Während eines im Median 10-jährigen Beobachtungszeitraums betrug die Sterberate in der Rauchstopp-Gruppe 4,7%, bei den weiterhin aktiven Rauchern dagegen 13,2%. Mit dem Tabakausstieg sank das adjustierte Mortalitätsrisiko um 70%.

Patienten, die nach einem Infarkt das Rauchen aufgaben, hatten in dieser Untersuchung sogar eine niedrigere Langzeitmortalität als Nieraucher. Diesen Vorteil erklären sich die Wissenschaftler von der Harvard Medical School mit dem Umstand, dass frühe Herzinfarkte bei Menschen ohne jeglichen Nikotinabusus auf weniger gut beeinflussbare Risikofaktoren wie z. B. eine genetische Prädisposition zurückgehen. "Die Ergebnisse unterstreichen die kritische Bedeutung der Raucherentwöhnung, besonders für diejenigen, die schon in jungen Jahren einen Herzinfarkt erleiden", so die Autoren.1

Erhöhte Gefahr für Raucher während der Corona-Pandemie

Gerade in Corona-Zeiten lohnt sich der Rauchstopp. So stellen Forscher vom Klinikum der Universität Mainz in einer Metaanalyse nicht nur fest, dass sowohl E-Zigaretten als auch Wasserpfeifen die Gefäße in ähnlichem Ausmaß wie Tabakrauch schädigen können.2 Vielmehr ist auch das Risiko für einen schlimmeren COVID-19-Verlauf und das damit verbundene Sterberisiko erhöht, unabhängig von der Art des Tabakprodukts.

Laut der Mainzer Analyse wird das COPD-Risiko im Vergleich zu Nichtrauchern durch Tabakkonsum um 704%, durch Wasserpfeifen um 218% und durch E-Zigaretten um 194% gesteigert. Beim Lungenkrebs-Risiko betragen die Steigerungsraten 1.210% (Tabakzigaretten) bzw. 122% (Wasserpfeifen; für E-Zigaretten keine verlässlichen Aussage möglich), bei der Arterienversteifung 10%, 9% und 7%.2

Diverse Metaanalysen weisen auf ein erhöhtes Risiko für Raucher hin, schwerer an Covid-19 zu erkranken bis hin zu intensivmedizinscher Indikation oder tödlichem Verlauf. Zwar betonen alle Autoren, dass noch mehr Daten erhoben werden müssen und die Schlüsse nur vorläufig sind. Dafür zählt auch das Robert-Koch-Institut Raucher zur Risikogruppe für eine COVID-19-Infektion und der Pneumologe Prof. Stefan Andreas (Lungenfachklinik Immenhausen und Uniklinik Göttingen) stellt klar: "Wir wissen, dass jede Art von Lungenerkrankung bei Rauchern häufiger und meist schwerer auftritt."

Wir sollten die Raucherentwöhnung in diesen Corona-Zeiten noch stärker forcieren als sonst – wenn nicht jetzt, wann dann?

Referenzen:
1. Biery DW et al. Association of Smoking Cessation and Survival Among Young Adults With Myocardial Infarction in the Partners YOUNG-MI Registry. JAMA Network Open 2020;3(7):e209649
2. Münzel T et al. Effects of tobacco cigarettes, e-cigarettes, and waterpipe smoking on endothelial function and clinical outcomes. Eur Heart J 2020:ehaa460

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