Rauchzeichen aus Thüringen

Führen Schockbilder auf Zigarettenpackungen zur Ab- oder Zunahme des Rauchens?

Führen Schockbilder auf Zigarettenpackungen zur Ab- oder Zunahme des Rauchens?

Der Karneval ist vorbei, jetzt kann es mit dem (Zigaretten-) Fasten weitergehen – und natürlich auch mit den ganz alltäglichen Narrheiten. Wir waren beim Krebs und beim Rauchen. Glauben Sie, dass Schockbilder auf Zigarettenschachteln Menschen vom Rauchen abhalten? Diese Frage fanden wir kürzlich in einer Schnellumfrage-Box (Quick-Poll) unter einem Beitrag mit dem Titel "Gesundheitsministerium sieht wenig Nutzen in Schockfotos auf Tabakwaren", vermeldet auf aerzteblatt.de.

"Wissenschaftliche Evidenzen belegen" wirkungsloses Abschreckungskonzept

Gemeint ist das thüringische Gesundheitsministerium (TMASGFF), das offenbar eine entsprechende Mitteilung über den dpa-Kanal verschickte, die etwa auch auf sueddeutsche.de landete. "Wissenschaftliche Evidenzen belegen, dass das Abschreckungskonzept keine langfristige Wirkung hat und sogar gegensätzliche Ergebnisse verursacht", wird ein Sprecher des Ministeriums zitiert. Das haben wir uns, ehrlich gesagt, auch schon gedacht.

Damit befinden wir uns in mehrheitlicher Gesellschaft. Das Quick-Poll-Ergebnis: "Ja, auf jeden Fall" 2,0%; "eher ja" 8,0%; "unentschieden" 5,9%; "eher nein" 36,6%; "nein, auf keinen Fall" 47,5%. Das Ergebnis, das laut Quick-Poll-Info repräsentativ sein soll, deckt sich mit einer Forsa-Umfrage von 2016 im Auftrag der DAK, bei der 81% der Befragten die Ekelfotos auf den Verpackungen nicht als wirksame Maßnahme gegen das Rauchen betrachteten. Unabhängig von der vermeintlichen Wirkungslosigkeit stimmten dennoch zwei Drittel der Befragten und unter den Nichtrauchern sogar 73% der Gruselfoto-Darstellung zu. Diese ist, wie Sie vermutlich wissen, nicht auf dem Mist der Bundesregierung gewachsen, sondern fußt auf der Umsetzung einer EU-Leitlinie.

Am meisten erwarten die Bürger von der Schule

Bei den vielen Todesfällen (laut DAK-Angabe 110.000 pro Jahr), die weltweit und auch hierzulande unmittelbar auf das Rauchen zurückzuführen sind, besteht unbestreitbar Handlungsbedarf. Auch dazu äußerten sich die Forsa-Befragten:

  1. verstärkte Aufklärungsarbeit an Schulen (89%);
  2. verstärkter Schutz vor dem Passivrauchen (83%);
  3. totales Rauchverbot in öffentlichen Gebäuden (77%);
  4. Verbot von Tabakwerbung (62%);
  5. höhere Tabaksteuer (60%);
  6. beschränkte Vertriebsmöglichkeiten (59%);
  7. Förderung von Rauch-Stopp-Seminaren (47%).

Zumindest beim letzten Punkt sind auch wir Ärzte gefragt. Interessanterweise fehlt in der Auflistung das Elternhaus, das noch vor Freundeskreis und Schule eine entscheidende Rolle als Faktor für das spätere Rauchverhalten von Kindern und Jugendlichen spielt. Wenn nicht die Eltern für biopsychosoziale Gesundheitskompetenz ihrer Kinder sorgen, werden Schule, Staat und Arztpraxen das später nicht ausbügeln können, jedenfalls nicht vollumfänglich.

Tabakwerbeverbot soll kommen

Warum sich das thüringische Gesundheitsministerium in politisch schwieriger Zeit zu den Schockbildern äußert, ist uns nicht ganz klar. Das mag an unserem Unwissen liegen, könnte aber auch kommunikationsstrategisch begründet sein. In der Mitteilung heißt es, "Thüringens ehemalige Gesundheitsminis­terin Heike Werner (Linke) hatte sich in der Vergangenheit unter anderem für ein gene­relles Werbeverbot für Tabakprodukte ausgesprochen. Dies sei längst überfällig, sagte sie."

Am meisten Raucher in Mecklenburg-Vorpommern und Bremen

Nach Mecklenburg-Vorpommern und Bremen (jeweils 28%) gab es bei den Mikrozensus-Erhebungen im Jahr 2017 in Thüringen mit 26,2% überdurchschnittlich viele Raucher. Der Bundesdurchschnitt lag bei 22,4%, Bayern und das Saarland lagen mit 20,5% bzw. 20,6% am deutlichsten darunter. Insgesamt geht die Tendenz bei der Entwicklung der Raucherzahlen, mit oder ohne Ekelfotos, weiter nach unten. Das ist gut so und mit allen Kräften zu fördern.

Nach dem Ende der Blockadehaltung von CDU und CSU könnte ein Tabakwerbeverbot tatsächlich Realität werden. Ein Positionspapier der Unionsfraktion sieht vor: beginnend ab 1. Januar 2021 keine Kinowerbung mehr bei allen Filmen, die für Jugendliche unter 18 Jahren freigegeben sind;  ab 1. Januar 2022 ein Verbot der Plakatwerbung für klassische Tabakprodukte; ab 1. Januar 2023 ein weitgehendes Außenwerbeverbot für Tabakerhitzer und ab 1. Januar 2024  für E-Zigaretten.

"Konterintuitive Wirkung": Wenn Aufklärungsmaßnahmen nach hinten losgehen

Welche "wissenschaftlichen Evidenzen" der TMASGFF-Sprecher meint, wird übrigens nicht näher erläutert. Eine kurze Recherche hat uns ein widersprüchliches Bild beschert, demzufolge bei der Wirksamkeit oder Nichtwirksamkeit der Schockbilder nach Alter, Raucherstatus und vermutlich weiteren Begleitfaktoren zu differenzieren ist. Ein aktueller systematischer Review1 attestiert den bildlichen Warnelementen insgesamt eine positive Wirkung.

Es gibt aber auch Publikationen, in denen von einer "konterintuitiven Wirkung" die Rede ist. In diesem Fall würden die Schockbilder gefährdete Teenager zum Rauchen paradoxerweise anspornen, nach dem Motto: "Jetzt erst recht!". Ein Effekt, der auch in anderen Lebenssituationen beobachtet wird …

Falls Sie sich schon mal gedacht haben, dass der Warnhinweis, wenn schon, gleich direkt auf jeder einzelnen Zigarette platziert werden müsste: Auch das wurde untersucht – und könnte eventuell helfen.2 

Was wirklich spürbar etwas gebracht hat, und auch in der gesundheitsministeriellen Mitteilung erwähnt wird, ist das Nichtraucherschutzgesetz. Das gilt nach dem Ende der fünften Jahreszeit nun auch in NRW wieder uneingeschränkt.

Referenz:
1. Francis DB et al. Impact of tobacco-pack pictorial warnings on youth and young adults: A systematic review of experimental studies. Tob Induc Dis 2019;17:41
2. Moodie C et al. The Response of Young Adult Smokers and Nonsmokers in the United Kingdom to Dissuasive Cigarettes: An Online Survey. Nicotine Tob Res 2019;21(2):227-33

Abkürzungen:
NRW = Nordrhein-Westfalen
TMASGFF = Thüringer Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie

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