Sozioökonomische Umstände und Lungengesundheit

Sozioökonomische Benachteiligung im Laufe des Lebens geht mit einer niedrigeren Lungenfunktion einher und ist prädiktiv für eine signifikante Anzahl von Jahren mit Lungenfunktionsverlust im Erwachsenen- und höheren Alter.

Sozioökonomische Benachteiligung im Laufe des Lebens geht mit einer niedrigeren Lungenfunktion einher und ist prädiktiv für eine signifikante Anzahl von Jahren mit Lungenfunktionsverlust im Erwachsenen- und höheren Alter. 

Sozioökonomische Bedingungen schlagen sich auch auf die Lungenfunktion nieder. Dies ergab eine Studie aus vier europäischen Ländern, die 70,5 Tsd. Personen zwischen 18–93 Jahren einschloss (51% Frauen).1
Die Mitte März 2021 im European Respiratory Journal erschienene Arbeit geht aus einem Projekt namens 'Lifepath' hervor.

'Lifepath' ist ein von der Europäischen Kommission gefördertes Forschungskonsortium, das die Auswirkungen von sozioökonomischen Umständen auf gesundes Altern untersucht. Das Projekt berücksichtigt die relative Bedeutung von Auswirkungen auf das Leben und vergleicht Studien zu Risiken in Kindheit und Erwachsenenalter. Nach vier Jahren Arbeit wurden bereits mehr als 50 Artikel in wichtigen wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht. Aus den Daten geht einmal mehr hervor, dass die sozioökonomische Position ein unabhängiger Risikofaktor für vorzeitigen Tod und gesundheitliche Probleme ist.2

Sozioökonomische Benachteiligung im Lebensverlauf mit schlechterer Lungenfunktion assoziiert

Schwierige sozioökonomische Bedingungen über den Lauf des Lebens waren mit einer reduzierten Einsekundenkapazität (FEV1) verbunden. Mit dem Erreichen des 45. Lebensjahres hatten Betroffene bereits 4–5 Jahre an gesunder Lungenfunktion im Vergleich zu ihren besser gestellten Altersgenossen verloren.
Nach Korrektur für andere Faktoren, welche die Lungenfunktion beeinflussen (wie Rauchen, Übergewicht, körperliche Inaktivität, kardiovaskuläre und respiratorische Erkrankungen), schien ein niedriger Bildungsgrad die größte Rolle zu spielen, gefolgt von einer niedrigen beruflichen Position.

Mit dem Erreichen des 65. und 85. Lebensjahres holten die Lungenfunktionswerte wieder ein klein wenig auf, lagen aber immer noch um 2–4 Jahre (abhängig vom sozioökonomischen Indikator) hinter Gleichaltrigen mit hohem sozioökonomischem Status zurück. Eine Sensitivitätsanalyse mit der forcierten Vitalkapazität (FVC) lieferte ähnliche Ergebnisse wie für die FEV1.

Lungenfunktion ist ein wichtiger Prädiktor für die Gesundheit und ein Marker für die körperliche Funktionsfähigkeit im höheren Alter

Evidenz aus drei großen Kohortenstudien zeigt, dass Menschen mit reduzierter Lungenfunktion im frühen Erwachsenenalter (FEV1 < 80% mit 25–40 Jahren) eine höhere Inzidenz respiratorischer, kardiovaskulärer und metabolischer Erkrankungen, eine höhere Anzahl von Komorbiditäten sowie eine erhöhte frühzeitige Sterblichkeit (aus jeglicher Ursache) verzeichnen.3

"Die Lunge reagiert extrem empfindlich auf die Lebenserfahrungen des Einzelnen, insbesondere auf Umwelteinflüsse wie Umweltverschmutzung, Armut, berufliche Exposition und Rauchen. Das Verständnis der Faktoren, die mit einer Verringerung der Lungenfunktion verbunden sind, kann neue Erkenntnisse über die Auswirkungen sozialer Faktoren auf die allgemeine Gesundheit liefern. Soziale Determinanten der Gesundheit sind eng mit der sozioökonomischen Position und systembedingten Ungleichheiten verbunden, sowohl innerhalb als auch zwischen Ländern", resümiert die auf respiratorische Erkrankungen spezialisierte Forscherin Prof. Sanja Stanojevic, PhD, in einem redaktionellen Kommentar.4

Verlorene Lebensjahre: fast ein Jahrzehnt Unterschied aufgrund des sozialen Status

Die Daten der eingangs genannten 'Lifepath'-Studie stammen aus Frankreich, Großbritannien, der Schweiz und Portugal.
Ein kürzlicher Beitrag im British Medical Journal5 titelte: "Wenn soziale Faktoren für die Gesundheit so wichtig sind, sollten wir die Patienten dann nicht danach fragen?" und nannte harte Zahlen für Großbritannien, die den Gesamteffekt der Lebensumstände zu beziffern versuchen: Daten der Office for National Statistics (ONS) zufolge sterben Männer in den unterprivilegiertesten Gegenden 9,5 Jahre eher als Männer in wohlhabenden Gegenden, bei Frauen waren es 7,5 Jahre.
Männer aus den sozial schwächsten Gegenden konnten außerdem erwarten, 18,9 Jahre weniger in "guter" Gesundheit zu leben, bei den Frauen lag die Differenz hier bei 19,4 Jahren.6

Der Beitrag hob das Problem hervor, dass zwar gerade Hausärzte viel Konsultationszeit nicht mit rein medizinischen, sondern sozioökonomischen Schwierigkeiten ihrer Patienten verbringen, aber diese oft nicht ausreichend und nicht einheitlich dokumentiert werden. "Wenn Ärzte Patienten nicht nach ihren sozialen Verhältnissen fragen oder sozioökonomische Daten nicht erfassen, tragen sie dazu bei, diese Probleme vor der Öffentlichkeit und der politischen Agenda zu verbergen", befürchten die Autoren.

Referenzen: 
1. Rocha, V. et al. Life-course socioeconomic disadvantage and lung function: a multicohort study of 70 496 individuals. European Respiratory Journal 57, (2021).
2. LP HP | Lifepath. https://www.lifepathproject.eu/.
3. Agustí, A., Noell, G., Brugada, J. & Faner, R. Lung function in early adulthood and health in later life: a transgenerational cohort analysis. Lancet Respir Med 5, 935–945 (2017).
4. Stanojevic, S. Socioeconomic disadvantage and lung health: accumulating evidence to support health policy. European Respiratory Journal 57, (2021).
5. Moscrop, A., Ziebland, S., Bloch, G. & Iraola, J. R. If social determinants of health are so important, shouldn’t we ask patients about them? BMJ 371, m4150 (2020).
6. Health state life expectancies by national deprivation deciles, England - Office for National Statistics. https://www.ons.gov.uk/peoplepopulationandcommunity/healthandsocialcare/healthinequalities/bulletins/healthstatelifeexpectanciesbyindexofmultipledeprivationimd/2016to2018.

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