Weltweite Entwicklung der Asthmaprävalenzen

Besonders in den 70er bis 90er Jahren hat Asthma weltweit an Häufigkeit zugenommen. Jüngste Daten der größten jemals durchgeführten face-to-face-Gesundheitserhebung beschreiben die aktuellen Trends weltweit.

Besonders in den 70er bis 90er Jahren hat Asthma weltweit an Häufigkeit zugenommen. Jüngste Daten der größten jemals durchgeführten face-to-face-Gesundheitserhebung beschreiben die aktuellen Trends weltweit.

Eine Auswertung des deutschen Versorgungsatlas vor einigen Jahren hatte ergeben, dass die Asthma-Zahlen bei Erwachsenen in Deutschland über den Beobachtungszeitraum von knapp acht Jahren um 35% angestiegen sind (von 4,3% im Jahr 2009 auf 5,9% 2016). Bei Kindern und Jugendlichen blieben sie dagegen nahezu konstant  (4,9% 2009 resp. 5,1% 2016).Auch auf regionaler Ebene zeigten sich Unterschiede. So wurden in Großstädten rund 25% mehr Menschen wegen Asthma behandelt als auf dem Land.

Doch solche Erhebungen oder auch die Global Burden of Disease (GBD) Studie haben ein Problem: sie erfassen nur, wer (im Fall des Versorgungsatlas) aufgrund eines Asthmas in ärztlicher Behandlung war oder für wen (im Fall der GBD) eine ärztlich bestätigte Asthma-Diagnose erfasst ist. Wir wissen jedoch aus anderen Arbeiten, dass gerade viele Kinder undiagnostiziert bleiben, auch in den Industrienationen. Querschnittsvergleiche der Prävalenz von Asthma in der Bevölkerung erfordern daher standardisierte Methoden, die in einem breiten Spektrum von Umfeldern akkurate Daten liefern. Die 'Internationale Studie zu Asthma und Allergien im Kindesalter' (ISAAC) ist die bislang einzige weltweite Studie, die dies erreicht.

Anderen Schätzungen zufolge erkranken etwa 10 bis 15% der Kinder und etwa 5 bis 7% der Erwachsenen in Deutschland – das wären rund 8 Mio. Menschen. Anders ausgedrückt: etwa jedes 8. Kind unter 10 Jahren und jedes 10. Kind unter 15 Jahren leidet in Deutschland unter Asthma. In Neuseeland und Australien sind es sogar 15% der Heranwachsenden, in armen Entwicklungsländern hingegen 2%.2

Weltweit erhebliche Unterschiede in der Asthmaprävalenz

Das 'Global Asthma Network' (GAN) hat die weltweiten Veränderungen der Asthma-Prävalenzen in den letzten drei Jahrzehnten unter Verwendung ähnlicher standardisierter Methoden wie die 'ISAAC' unter die Lupe genommen. Im Rahmen der 'GAN'-Studie wurden die weltweiten Erhebungen der 'ISAAC' Phase I und III über einen Zeitraum von 27 Jahren fortgesetzt (zwischen 1993 und 2020) und 120.000 Kinder (im Alter von 6–7 Jahren) und Jugendliche (13–14 Jahren) aus 27 Zentren in 14 Ländern nachbeobachtet. Statt sich auf Einträge in Patientenakten oder Versicherungsdaten zu verlassen, wurden die Kinder persönlich mittels Fragebögen nach Kernsymptomen wie Keuchen/ Pfeifgeräuschen beim Atmen, schweren Asthmasymptomen, Asthma überhaupt, Anstrengungsasthma und Nachthusten befragt.

Die ersten jemals publizierten Daten aus dieser ersten GAN-Phase erschienen aktuell in der Fachzeitschrift 'Lancet'.3,4 Aus diesen geht hervor, dass die Asthmaprävalenz bei Kindern in Ländern mit niedrigem Einkommen zurückgegangen ist, während sie Ländern der mittleren Einkommensgruppe (unterer Bereich) zugenommen hat. Die Prävalenz in Ländern mit mittlerem Einkommen (hoher Bereich) und hohem Einkommen, also insbesondere in westlichen Ländern, war stabil.

Die Erhebung kommt zu dem Schluss, dass sich insgesamt an der weltweiten Tendenz in den letzten 27 Jahren wenig geändert hat. Asthma ist weltweit für eine große Krankheitslast verantwortlich, wobei etwa 10–15% der Kinder weltweit im letzten Jahr Asthmasymptome hatten. Die Prävalenz ist in Europa alle 10 Jahre um etwa 1% gestiegen und in Afrika und dem Nahen Osten um mehr als 2%, während sie im asiatisch-pazifischen Raum um etwa 1% zurückging und in Nord- und Südamerika unverändert blieb.5

Asthma ist die häufigste nicht übertragbare Krankheit bei Kindern und eine der häufigsten chronischen Krankheiten im Erwachsenenalter

Zu der Frage, warum das Auftreten von Asthma beispielsweise in den 70er bis 90er Jahren so deutlich an Häufigkeit zugelegt hat, gibt es viele Erklärungsansätze. "Wenn sich die Inzidenz einer Krankheit von einer Generation zur anderen ändert, deutet das darauf hin, dass der Schuldige eher in der Umwelt und nicht in etwas Biologischem zu suchen ist", formulierte einst Prof. Kimmie Ng, Harvard Medical School, Boston (nicht nur über diese Erkrankung).6

Auch, wenn genetische Faktoren eine Rolle spielen, kommen für diesen Trend eigentlich nur Veränderungen in den Lebensbedingungen ursächlich in Frage, meinen auch die 'Lungenärzte im Netz':7 "Dazu zählt paradoxerweise die zunehmende Hygiene, die zu einer völlig neuen Beanspruchung des Immunsystems führt. Schließlich war der Mensch über Jahrmillionen gewohnt, auch verderbliche Nahrung zu essen, die mit Bakterien und Pilzen belastet war. Auch seine Umgebung (zum Beispiel das Wohnumfeld) war früher mit mehr Keimen verunreinigt als heutzutage. Andererseits treten heute aber sehr viel mehr Virusinfekte auf, da infolge der ansteigenden Häufigkeit des Reisens in den letzten 100 Jahren die Kontakte mit fremdartigen Virusstämmen explosionsartig zugenommen haben. Die heutigen, verbesserten hygienischen Verhältnisse haben zwar die Infektionskrankheiten (wie Tuberkulose, Pest, Cholera usw.) eingedämmt, das Immunsystem wird dadurch aber quasi unterfordert, so dass es zu einer Überbewertung anderer Fremdstoffe kommen kann. Offenbar deshalb zeichnet sich in den letzten Jahrzehnten die Tendenz ab, dass Allergie auslösende Stoffe (Allergene) im häuslichen und beruflichen Umfeld eine immer größere Rolle spielen."7

Der 'Gesundheitsatlas' bestätigt noch einen weiteren Zusammenhang, der bereits aus anderen Studien bekannt ist: in Regionen mit einem hohen Anteil von Menschen mit krankhaftem Übergewicht (Adipositas) ist auch die Rate der Asthmaerkrankungen erhöht.8

Die Autoren der 'GAN'-Studie schließen, dass insbesondere für Kinder im Schulalter mehr getan werden muss, um die hohe weltweite Belastung durch schwere Asthmasymptome zu verringern. Asthma ist weiterhin ein großes globales Gesundheitsproblem mit schätzungsweise 495.100 Todesfällen und 22,8 Mio. behinderungsbereinigten Lebensjahren durch Asthma im Jahr 2017. "Mehr als 1.000 Todesfälle durch Asthma pro Tag sind vergleichbar mit der Zahl der Todesfälle durch Malaria", schreiben die Wissenschaftler.4
"Strategien zur Reduktion der Prävalenz und Schwere von Asthmasymptomen (und der assoziierten vermeidbaren Morbidität und Mortalität und konsekutiven Belastung durch damit verknüpfte Erkrankungen, einschließlich COPD) sollten eine Priorität für das 21. Jahrhundert sein."4

Referenzen: 
1. Versorgungsatlas Asthma-Häufigkeit in Deutschland.
2. Asthma bei Kindern "Wie häufig ist Asthma bei Kindern?" Lungenaerzte-im-Netz.
3. Pijnenburg, M. W. & Nantanda, R. Rising and falling prevalence of asthma symptoms. The Lancet 398, 1542–1543 (2021).
4. Asher, M. I. et al. Worldwide trends in the burden of asthma symptoms in school-aged children: Global Asthma Network Phase I cross-sectional study. The Lancet 398, 1569–1580 (2021).
5. Childhood asthma rates stable in Western countries but increasing in lower-middle income countries.
6. Colorectal Cancer Rising among Young Adults - National Cancer Institute.
7. Asthma bronchiale "Häufigkeit". Lungenaerzte-im-Netz.
8. Ärzteblatt, D. Ä. G. 3,5 Millionen Menschen in Deutschland wegen Asthma in Behandlung. Deutsches Ärzteblatt

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