Wie gefährlich ist die E-Zigarette?

Die E-Zigarette ist stark im Kommen und heftig umstritten. Eine wichtige Frage lautet dabei: Wie giftig ist Nikotin?

Die E-Zigarette ist stark im Kommen und heftig umstritten. Eine wichtige Frage lautet dabei: Wie giftig ist Nikotin?

Kennen Sie Juuling? Das ist einer neuer Hype, der aus den USA, genauer von den dortigen Highschools, zu uns schwappen könnte. Bei Juul handelt es sich um eine neuartige elektronische Zigarette. Innerhalb weniger Monate hat sie ihren Anteil "am hart umkämpften, rund zwei Millliarden Dollar schweren amerikanischen E-Zigarettenmarkt von 5 % auf mehr als 50 % gesteigert", wie auf Spiegel Online zu lesen war. Besonders unter Jugendlichen ist dieses extrem nikotinhaltige "iPhone der E-Zigaretten" gerade heftig angesagt. Wie groß ist die Gefahr?

Die Dosis macht das Gift

Die Dosis macht bekanntlich das Gift. In der Praxis kommt diese Erkenntnis beispielsweise in Form der therapeutischen Breite eines Wirkstoffs zum Tragen. Ein ähnliches Sicherheitsmaß ist die Dose Ratio (DR). Sie entspricht dem Quotienten aus typischer Tagesdosis (TD) und minimaler letaler Dosis bei einmaliger Verabreichung (LDmin). Für drei allseits bekannte Substanzen gelten folgende Werte:

Handelt es sich bei einem der drei Stoffe um ein "Gift"? Am giftigsten erscheint Substanz C, denn bei ihr ist der Sicherheitsabstand zwischen typischer Tagesdosis und potenziell letaler Dosis am niedrigsten. Am wenigstens giftig ist der DR zufolge Substanz B.

Die Preisfrage (leider ohne Preis) lautet: Um welche Wirkstoffe handelt es sich?

Toxikologe Bernd Mayer: "Dampfen statt Rauchen!"

Bevor wir das Rätsel auflösen, widmen wir uns kurz seinem Schöpfer: Prof. Bernd Mayer leitet seit 2004 den Bereich Pharmakologie und Toxikologie am Institut für Pharmazeutische Wissenschaften der Universität Graz. Fast genauso lang währt seine Beschäftigung mit den gesundheitlichen Aspekten der E-Zigarette. Er tritt öffentlich sehr engagiert für deren Akzeptanz als weniger schädliche Alternative zu Tabakzigaretten ein.

Neben dem griechischen Kardiologen Dr. Konstantinos Farsalino (E-Zigarette und chronische Bronchitis: Wer ist hier auf dem Holzweg?) wird der österreichische Pharmakologe von der "Dampfer"-Community als europäische "Speerspitze in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung zur E-Zigarette" wahrgenommen. So steht es jedenfalls im Internetportal vapers.guru, in dem sehr viel und durchaus Interessantes zu lesen ist über das Dampfen, seine Vorteile und die verfügbaren Produkte, aber auch über die Gegenpositionen und Anfeindungen durch die Dampfgegner.

So auch über einen Shitstorm, in den der österreichische Experte, der "als Österreicher vorm Ausschuss des deutschen Bundestages zur Regulierung der E-Zigarette ausgesagt" hat, auf Facebook geraten ist.

E-Zigarette: kontroverse Debatte und Studienlage

Mutig ist Mayer allemal, denn der Wissenschaftler scheut nicht davor zurück, sich mit dem DKFZ anzulegen. Dessen E-Zigaretten-kritische Stellungnahme vom Juni 2014 hat die DGP in ihr 2015 veröffentlichtes Positionspapier1 integriert. Darin fordert die pneumologische Fachgesellschaft, dass Zigaretten genau wie Tabakprodukte als gesundheitsgefährdende Suchtmittel zu behandeln sind.

In einer Pressemitteilung hat die DGP im März dieses Jahres erneut ein umfassendes Werbeverbot gefordert – für Tabakprodukte ebenso wie für E-Zigaretten. Die Fachgesellschaft beruft sich dabei auf die aktuelle Studienlage. Diese ist allerdings, ebenso wie der wissenschaftliche und öffentliche Disput zur Causa, durchaus als kontrovers zu bezeichnen. Eine schöne Presseübersicht findet sich auf infoset.ch, dem Informationsportal von Infodrog, der Schweizerischen Koordinations- und Fachstelle Sucht.

Verschärfung in Berlin, Wandel in England

In Berlin wurde gerade eine Verschärfung des Nichtraucherschutzes unter ausdrücklicher Einbeziehung von E-Zigaretten, Tabakerhitzern und E-Wasserpfeifen beschlossen. In England hat sich dagegen der politische Wind offenbar gedreht. Dort sind E-Zigaretten zum beliebtesten Hilfsmittel für die Rauchentwöhnung avanciert. Public Health England, eine Unterabteilung des englischen Gesundheitsministeriums, hat 2015 mit einer Review-Publikation zu E-Zigaretten eine "neue Grundlage für evidenzbasierte Politik und Praxis" geliefert, wie schon der Titel proklamiert. Nach dieser Erkenntnislage gilt als aktuell beste Schätzung ("current best etimate"): Der Gebrauch von E-Zigaretten ist um etwa 95 % weniger schädlich als das Rauchen.

Letale Nikotindosis liegt zehnmal höher als bislang angenommen

Nochmal zum Grazer Toxikologen Mayer: Er hat sich in einer 2014 publizierten Arbeit2 mit der letalen Nikotindosis für den Menschen beschäftigt. Sein Ergebnis: Der bis dahin allgemein akzeptierte Grenzwert von 50–60 mg beruht letztlich auf der Beschreibung fragwürdiger Selbstversuche aus dem 19. Jahrhundert. Tatsächlich wirkt orales Nikotin erst ab einer Untergrenze von mindestens 0,5 g tödlich für einen erwachsenen Menschen.

Im Schweizer Dampfer-Blog E-Smoking.ch schreibt Mayer in einem Beitrag mit dem Titel "Ist Nikotin ein Gift?": "Zusammenfassend können wir also festhalten, dass Nikotin im wissenschaftlichen Sinn kein Gift ist, weil es 'Gifte an sich' nicht gibt, aber auch im allgemeinen Sprachgebrauch nicht als 'Gift' zu bezeichnen ist, weil es in üblicher Dosierung positive Effekte hat und die 'Giftwirkung' erst bei massiver Überdosierung auftritt, die nur durch Missbrauch erreicht wird."

Im Anhang dieses Beitrags findet sich das eingangs zitierte Substanzrätsel. Und die Auflösung lautet:

Paracetamol ist gut verträglich und auch für schwangere Frauen und Kleinkinder zugelassen. Allerdings besteht bereits bei vergleichsweise geringer Überdosierung die Gefahr einer potenziell tödlichen Hepatotoxizität.

Die Moral von der Geschicht: "Ohne Bezug auf eine Dosis ist es weder möglich noch sinnvoll, Stoffe als 'giftig' oder 'ungiftig' zu bezeichnen." Das erscheint nachvollziehbar – gleichwohl ist ein Leben ohne Nikotinsucht vermutlich gesünder als mit.

Belastung der Umgebungsluft mit Feinstaub?

In seinem Facebook-Account (Posting vom 15. 05.2018) schreibt Mayer: "Der einzige Stoff, der von Dampfern in relevanter Konzentration an die Umgebungsluft abgegeben wird, ist Propylenglykol, dem die strenge europäische Chemikalienagentur ECHA auch bei Inhalation Unbedenklichkeit bescheinigt hat. Zur angeblichen Belastung der Umgebungsluft mit Feinstaub, mit der das deutsche BfR gerne argumentiert, sage ich nichts mehr. Der Unterschied zwischen den Abgasen von Verbrennungsmotoren, die feste Partikel enthalten, und der Emission von Aerosolen mit Flüssigkeitströpfchen durch Verdampfer (oder Asthmainhalatoren) sollte mittlerweile allgemein bekannt sein."

Damit sind wir beim Lungentag 2018, dessen Zentralveranstaltung am 29.09.2018 in Berlin unter dem Motto "Dicke Luft – Gefahr für die Lunge" stattfindet (siehe auch Pneumologen fordern härtere Maßnahmen gegen Luftverschmutzung). Der Lungentag findet bereits zum 21. Mal statt. Viel mitbekommen haben wir davon, ehrlich gesagt, bisher nicht. Ein paar über Deutschland verteilte Veranstaltungen, vor allem an Kliniken, scheint es aber zu geben. Falls Sie sich noch kurzfristig anschließen wollen:  Allein mit Juuling und dem Dampf-Thema gibt es genügend Stoff …

Referenzen:
1. Nowak D et al. Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e. V. (DGP) zur elektronischen Zigarette (E-Zigarette). Pneumologie 2015; 69:131-4
2. Mayer B. How much nicotine kills a human? Tracing back the generally accepted lethal dose to dubious self-experiments in the nineteenth century. Archives of Toxicology 2014;88(1):5-7

Abkürzungen:
DKFZ = Deutsches Krebsforschungszentrum
DGP = Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e.V.

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