ESC-Kongress 2020: Übergewicht ist ein stärkerer Risikofaktor für Diabetes als genetische Prädisposition

Vom 29.8.–1.9.20 fand der Kongress der ESC (European Society of Cardiology) statt – in diesem Jahr virtuell. Ein diabetologisches Highlight bringen wir Ihnen nach Hause.

Vom 29.8.–1.9.20 fand der Kongress der ESC (European Society of Cardiology) statt – in diesem Jahr virtuell. Ein diabetologisches Highlight bringen wir Ihnen nach Hause.

Der Kongress der ESC ist jährlich das weltweit größte Treffen von Spezialisten für kardiovaskuläre Erkrankungen. Anlässlich der diesjährigen Tagung präsentierte Daten einer sehr großen Biobank-Studie sprechen einmal mehr dafür, dass das Halten eines Körpergewichtes unter einem gewissen Schwellenwert die Entwicklung eines Diabetes verhindern oder sogar umkehren kann.1

Nicht oft genug zu betonen: um Diabetes vorzubeugen, sollten sowohl BMI als auch Blutzucker regelmäßig kontrolliert werden

Für die Studie wurden 445.765 Teilnehmer der britischen Biobank, die zum Ausgangszeitpunkt im Durchschnitt 57 Jahre alt waren, bis zu einem Alter von 65 Jahren nachverfolgt. Etwa die Hälfte (54%) waren Frauen. Innerhalb des Beobachtungszeitraumes entwickelten 31.298 Personen einen Diabetes Typ 2.

Der BMI und ein polygener Risikoscore wurden evaluiert, um das Lebenszeitrisiko für Diabetes zu bestimmen und Therapieziele zu identifizieren, die geeignet wären, Diabetes vorzubeugen oder umzukehren.
In die Auswertung des ererbten Risikos gingen 6,9 Mio. Gene ein. Alle Teilnehmer wurden nach genetischem Risiko in fünf Subgruppen stratifiziert. Zudem wurden zum Ausgangszeitpunkt Größe und Gewicht festgehalten und die Teilnehmer nach ihrem Body-Mass-Index (BMI) ebenfalls in fünf Gruppen eingeteilt.

Im Vergleich zur niedrigsten BMI‑Gruppe (im Durchschnitt 21,7 kg/m2) war für Menschen in der höchsten BMI‑Gruppe (34,5 kg/m2) die Wahrscheinlichkeit, an Diabetes zu erkranken, 11‑fach erhöht. Unabhängig von der genetischen Prädisposition bestand für die höchste BMI‑Kohorte ein größeres Diabetesrisiko als für alle anderen BMI‑Gruppen.

Überschreiten einer bestimmten BMI‑Grenze scheint mit bleibender Risikoerhöhung assoziiert

Die Untersucher wollten außerdem überprüfen, ob die Erkrankungswahrscheinlichkeit sich bei Personen mit hohem BMI zusätzlich erhöht, wenn das Übergewicht über lange Zeiträume besteht. Doch das Ergebnis ihrer statistischen Modellierung deutete nicht darauf hin, dass die Dauer der BMI‑Erhöhung einen Einfluss hat.

Der Leiter der Studie, Professor Brian Ference von der Universität Cambridge und der Universität Milano, zieht daraus folgende Schlüsse: "Es sieht so aus, dass die Wahrscheinlichkeit für einen Diabetes ansteigt, wenn Menschen einen bestimmten BMI‑Schwellenwert überschreiten und es scheint bei diesem hohen Risikolevel zu bleiben, unabhängig davon, wie lange sie übergewichtig sind."

Er geht davon aus, dass die Gewichtsgrenze, ab der eine Person beginnt, krankhafte Blutzuckerwerte zu entwickeln, individuell unterschiedlich sein kann. "Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die meisten Fälle von Diabetes vermeidbar wären, indem der BMI unter dem Grenzwert gehalten wird, der abnormale Blutglukose-Spiegel auslöst. Dies bedeutet, dass zur Diabetes-Prävention sowohl der BMI als auch der Blutzucker regelmäßig kontrolliert werden sollten. Anstrengungen, Gewicht abzubauen, sind wesentlich, wenn eine Person beginnt, Blutzuckerprobleme zu entwickeln."

Die Botschaft steht im Einklang mit der zahlreicher weiterer Arbeiten: Remissionen durch Gewichtsreduktion scheinen möglich, idealerweise in frühen Stadien, bevor es zu persistierenden Begleitschäden kommt.
Im vergangenen Jahr waren weltweit 463 Millionen Menschen an Diabetes erkrankt, die überwiegende Mehrheit (90%) an einem Diabetes Typ 2.2 Eine Metaanalyse von 102 prospektiven Studien ergab, dass ein Diabetes – unabhängig von anderen klassischen Risikofaktoren – mit einer Verdopplung des Risikos für koronare Herzkrankheit, Apoplex und Tod durch kardiovaskuläre Erkrankungen einhergeht.3 Übergewicht ist die wichtigste modifizierbare Ursache eines Typ‑2-Diabetes, auch wenn genetische Merkmale ebenfalls dabei helfen könnten, Menschen mit einer erhöhten Erkrankungswahrscheinlichkeit zu identifizieren.

Referenzen:
1. Body mass index is a more powerful risk factor for diabetes than genetics. https://www.escardio.org/The-ESC/Press-Office/Press-releases/Body-mass-index-is-a-more-powerful-risk-factor-for-diabetes-than-genetics, https://www.escardio.org/The-ESC/Press-Office/Press-releases/Body-mass-index-is-a-more-powerful-risk-factor-for-diabetes-than-genetics.
2. IDF Atlas 9th edition and other resources. https://www.diabetesatlas.org/en/resources/?gclid=EAIaIQobChMIgdrw6daa6wIVFeDtCh0_7ARzEAAYASAAEgJvLfD_BwE.
3. Collaboration, T. E. R. F. Diabetes mellitus, fasting blood glucose concentration, and risk of vascular disease: a collaborative meta-analysis of 102 prospective studies. The Lancet 375, 2215–2222 (2010).

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