Gehört Vitamin D zur Therapie bei (Prä-) Diabetes?

Aus Beobachtungsstudien ist ein inverser Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Blutspiegel und Diabetes-Prävalenz bekannt. Ist bei Prädiabetes also die Zufuhr des Sonnenvitamins zu empfehlen?

Aus Beobachtungsstudien ist ein inverser Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Blutspiegel und Diabetes-Prävalenz bekannt. Ist bei Prädiabetes also die Zufuhr des Sonnenvitamins zu empfehlen?

Im letzten Beitrag ging es um den Prädiabetes. Natürlich macht man sich zu diesem Thema nicht nur beim britischen NHS Gedanken, sondern auch bei uns in Deutschland. Am Rande des diesjährigen DGIM-Kongresses äußerte sich etwa Prof. Jochen Seufert vom Universitätsklinikum Freiburg in einem Interview dazu (Titel: "Glukosetoleranzstörungen: Prädiabetes auch schon in jungen Jahren bekämpfen!"). Der Experte verwies auf Präventionsstudien, denen zufolge ein manifester Diabetes in 60–70% der Fälle durch Ernährungs- und Bewegungstherapie für eine gewisse Zeit zurückgedrängt oder ganz vermieden werden kann.

Vitamin D wirkt antidiabetisch – auch im RCT-Design?

Gelingt das auch mit einer Vitamin-D-Supplementation? Dieser Fragestellung wurde am Tufts Medical Center in Boston (USA) klinisch forschend nachgegangen. Schließlich hat man in Beobachtungsstudien einen klaren Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel und erhöhter Prävalenz von Typ-1- und Typ-2-Diabetes gesehen. Im Tiermodell erwies sich einerseits ein Mangel an dem Vitamin-Hormon als prädisponierend für beide Diabetes-Typen und andererseits die hoch dosierte Gabe von nativem oder aktivem Vitamin D als krankheitsvermeidend.1

Zur Beantwortung der Frage wurde in den USA eine Prädiabetes-Kohorte mit 2.423 Teilnehmern für die multizentrische und randomisiert-kontrollierte "Vitamin D and Type 2 Diabetes (D2d) Study" rekrutiert.2,3

Zur Aufnahme in die Studie mussten die Erwachsenen mindestens zwei von drei Bedingungen für einen Prädiabetes erfüllen:

Unabhängig vom 25(OH)Vitamin-D3-Spiegel zu Studienbeginn erhielten die Probanden entweder 4.000 IE Vitamin D3 täglich (n = 1.211) oder Placebo (n = 1.212). Primäres Outcome war die Erstmanifestation der Blutzuckerkrankheit nach vollen Diagnosekriterien. Als Zielgröße für dieses Ereignis wurden 508 Diabetes-Fälle festgelegt. Während der durchschnittliche Vitamin-D-Spiegel in der Placebogruppe nach 2 Jahren erwartungsgemäß in etwa im Ausgangsbereich lag (28,8 vs. 28,2 ng/ml), betrug er im Verumarm fast das Doppelte (54,3 vs. 27,7 ng/ml). Die Supplementation hatte also schon mal funktioniert. Dabei gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen beiden Studienarmen hinsichtlich unerwünschter Ereignisse.3

Weniger Diabetes-Fälle, aber nicht statistisch signifikant

Gleiches galt allerdings auch für das Primärergebnis: Nach im Median 2,5-jährigem Follow-up waren in der Vitamin-D-Gruppe zwar weniger Diabetes-Fälle zu verzeichnen als in der Placebo-Gruppe (293 vs. 323). Die relative Risikoreduktion um 12% war aber statistisch nicht signifikant. Absolut betrachtet handelte es sich übrigens um 9,4 bzw. 10,7 Ereignisse pro 100 Personenjahre. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit der Krankheitsmanifestation bei Prädiabetes, zumindest gemäß dieser Studie, bei etwa 10% pro Jahr liegt.3

Keine ausreichende Evidenz für pauschale Empfehlung

Dass eine Supplementation mit Vitamin D bei prädiabetischer Stoffwechsellage nichts bringt, kann man aus dieser Ergebnisdarstellung allerdings nicht ableiten. Sondern höchstens, dass für eine allgemeine Empfehlung dieser Art kein statistisch signifikanter Evidenzbeleg produziert werden konnte. Unklar bleibt, wie sich die Vitamin-D-Zufuhr bei einer Mangelsituation (< 20 ng/ml) auf das Risiko einer Diabetes-Manifestation auswirkt. Das ist sehr zu bedauern, angesichts des hochwertigen RCT-Designs der Studie, die für eine entsprechende Subgruppen-Analyse offenbar nicht ausgelegt war.

Bei welchem 25(OH)Vitamin-D3-Serumspiegel kann man überhaupt von einer ausreichenden Versorgungssituation ausgehen? Dazu gibt es nach wie vor unterschiedliche Ansichten bzw. Angaben, die von 20 über 25 bis 30 ng/ml bzw. µg/l reichen. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die häufig zitierte Klassifizierung des Institute of Medicine (IOM) die 25(OH)D-Konzentration nach ihrer Auswirkung auf die Knochengesundheit bewertet (Mangel: < 12 ng/ml; suboptimal: ≥ 12 bis < 20 ng/ml; ausreichend: ≥ 20 ng/ml). Die nichtskelettalen Effekte von Vitamin D bleiben dabei unberücksichtigt.

Mehr dazu im zweiten Teil des Beitrags.

Referenzen:
1. Mathieu C. Vitamin D and diabetes: Where do we stand? Diabetes Res Clin Pract. 2015;108(2):201-9
2. LeBlanc ES et al. Baseline Characteristics of the Vitamin D and Type 2 Diabetes (D2d) Study: A Contemporary Prediabetes Cohort That Will Inform Diabetes Prevention Efforts. Diabetes Care 2018;41(8):1590-9
3. Pittas AG et al. Vitamin D Supplementation and Prevention of Type 2 Diabetes. N Engl J Med 2019 ;381(6):520-30

Abkürzungen:
IE = Internationale Einheiten (engl. IU)
NHS = National Health Service

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