Kein substanzieller Effekt von täglichem niedrig dosierten Aspirin auf das Demenzrisiko von Diabetikern

Vor wenigen Tagen fanden die 'American Heart Association’s Scientific Sessions 2021' statt. Hier gab es als diabetisches Kongress-Highlight auch ein Update aus der 'ASCEND'-Studie (A Study of Cardiovascular Events in Diabetes).

Vor wenigen Tagen fanden die 'American Heart Association’s Scientific Sessions 2021' statt. Hier gab es als diabetisches Kongress-Highlight auch ein Update aus der 'ASCEND'-Studie (A Study of Cardiovascular Events in Diabetes).

Niedrig dosiertes Aspirin wird häufig zur Prävention eines zweiten Myokardinfarktes oder eines thrombotisch bedingten Schlaganfalls eingesetzt, ist jedoch auch mit einem erhöhten Risiko für schwere innere und zerebrale Blutungen verbunden. Der Nettoeffekt von Aspirin auf Demenz und kognitive Beeinträchtigung ist ungewiss – und bleibt es nach neuesten Daten einer großen prospektiven Studie weiterhin. 

Längeres Follow-Up und randomisierter Vergleich findet keinen eindeutig protektiven Effekt

Im Rahmen der 'ASCEND'-Studie wurden 15,4 Tsd. Typ-2-Diabetiker in Großbritannien ohne kardiovaskuläre Erkrankungen oder Demenz in der Vorgeschichte entweder zu 100 mg Aspirin täglich oder zu Placebo für 7,4 Jahre randomisiert.
Der Punkt des Interesses war das Neuauftreten einer Demenz, eines kognitiven Abbaus oder Verwirrtheit innerhalb eines Nachbeobachtungszeitraums von durchschnittlich neun Jahren. Der Prozentsatz der hiervon betroffenen Studienteilnehmer unterschied sich nicht signifikant zwischen den Kohorten: mit Aspirin waren es 7,1% (n = 548) und ohne 7,8% (n = 598). Die Rate Ratio (RR) lag somit bei 0,91 (95% KI: 0,81–1,02), was bedeutet, dass die Unsicherheit in Bezug auf den 9%igen Unterschied von einer 19%igen Verringerung des Demenzrisikos bis zu einer 2%igen Erhöhung reicht.1

Studienautorin Prof. Jane Armitage von der Universität Oxford hält den Gesamteffekt für unsicher. Sie äußerte sich anlässlich der 'American Heart Association’s Scientific Sessions 2021' zu den Daten: "Aspirin könnte protektiv gegen Demenz sein, indem es einige Schlaganfälle aufgrund von Verschlüssen verhindert oder es könnte das Risiko erhöhen, aufgrund von Blutungen ins Gehirn."2
Denn die Wissenschaftler begegneten in ihrer Studie beidem: bei Studienteilnehmern, die ein schwerwiegendes vaskuläres Ereignis erlitten (n = 990), war die Wahrscheinlichkeit für Demenz oder Gedächtnisverlust fast zweieinhalb Mal höher als bei denjenigen ohne schwerwiegendes vaskuläres Ereignis. Aber bei jenen, die eine größere Blutung entwickelten (n = 496), war die Wahrscheinlichkeit für Demenz und kognitivem Abbau ebenfalls doppelt so hoch wie bei Patienten ohne Blutungsereignis.

Die Risiken abwägen

Eventuell seien Studien oder Metaanalysen mit einer größeren Zahl neu aufgetretener Demenzfälle vonnöten, um vielleicht doch noch einen moderaten Nutzen zu detektieren (im Nachbeobachtungszeitraum von 'ASCEND' traten 1.146 Demenzfälle auf).

Fast ein Déjà-vu-Erlebnis zur 'ASPREE'-Studie3 an über 19 Tsd. älteren Menschen, welche der primärpräventiven Gabe von 100 mg ASS über knapp fünf Jahre keine Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse attestieren konnte, aber 50% höhere Raten intrakranieller Blutungen, wir berichteten.

Dies spiegelt sich auch in den Empfehlungen zur Primärprävention wieder. Beispielsweise empfehlen das American College of Cardiology/ die American Heart Association den Einsatz von Aspirin zur Herzinfarkt- und Apoplex-Prävention bei kardiovaskulär nicht Vorerkrankten nur in Ausnahmefällen, nämlich für Erwachsene mit dem höchsten Risiko für solche Ereignisse und einem sehr niedrigen Blutungsrisiko.
Auch in einem aktuellen Entwurf der U.S. Preventive Services Task Force heißt es, dass bei Patienten ohne bestehende kardiovaskuläre Erkrankungen kein Aspirin verordnet werden soll. Davon unbenommen bleibt, dass Patienten nach bereits stattgehabtem kardialen Ereignis oder Apoplex weiterhin niedrig dosiertes Aspirin einnehmen sollten, wenn ihr Arzt es ihnen verschrieben hat.2

Referenzen:
1. Effects of Aspirin on Dementia and Cognitive Impairment in the ASCEND Trial. https://eventpilotadmin.com/web/page.php?page=IntHtml&project=AHA21&id=6383.
2. Long-term, low-dose aspirin did not affect risk of dementia in adults with type 2 diabetes. EurekAlert! https://www.eurekalert.org/news-releases/934983.
3. McNeil, J. J. et al. Effect of Aspirin on Cardiovascular Events and Bleeding in the Healthy Elderly. New England Journal of Medicine DOI: 10.1056/NEJMoa1805819, September 16, 2018 (2018).

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