Wie wirkt sich ein Prädiabetes auf die vaskuläre Morbidität aus?

Prädiabetes – mehr als ein "Zwischending"

Prädiabetes – mehr als ein "Zwischending"

Beim gelegentlichen Blick in Patientenforen oder vielleicht auch im Patientengespräch entsteht der Eindruck, dass vielen Menschen mit Prädiabetes nicht klar ist, was dies pathophysiologisch bedeutet, außer dass es die Vorstufe zu einem Diabetes Typ 2 sein kann. Wie bei Diabetes selbst sind es die damit assoziierten Begleiterkrankungen, die für die langfristigen Resultate relevant sind.

Auftreten mikro- und makrovaskulärer Komplikationen möglicherweise stark abhängig vom Blutzucker-Status vor Diabetes-Diagnose

Frühere Arbeiten konnten zeigen, dass Prädiabetes zu makrovaskulären Pathologien beitragen kann und auch mit generalisierter mikrovaskulärer Dysfunktion einhergeht – vergleichbar den für Diabetes Typ 2 charakteristischen vaskulären Schädigungen.1,2
Dies lässt annehmen, dass die Entwicklung von diabetischen mikrovaskulären Komplikationen der klinischen Diagnose eines Diabetes Typ 2 vorausgehen könnte.
Frühe Stadien von Retinopathie, Neuropathie oder Nephropathie sind bei Patienten mit Prädiabetes beschrieben, auch wenn zumeist milder ausgeprägt als bei bestehendem Diabetes.3

Dass Prädiabetes ein erhöhtes Risiko für mikro- und makrovaskuläre Komplikationen mit sich bringt, unterstreicht auch eine große, aktuell im British Medical Journal (BMJ) erschienene Studie.3 Diese konzentrierte sich auf Patienten, die letztendlich einen Diabetes Typ 2 entwickelten.
Hierfür erhoben die Autoren bei fast 160 Tsd. zwischen 2004 und 2017 neu diagnostizierten Typ‑2-Diabetikern mithilfe der Datenbank UK Clinical Practice Research Datalink das Vorliegen mikrovaskulärer (Retinopathie und Nephropathie) und makrovaskulärer Störungen (akutes Koronarsyndrom, cerebrovaskuläre Erkrankungen und periphere arterielle Verschlusskrankheit) sowie den glykämischen Status in den drei Jahren vor der Diagnosestellung.

Prädiabetes hat Auswirkungen auf mikro- und makrovaskuläre Pathologien und somit auf die Outcomes von Diabetikern

Bei der Hälfte der Studienpopulation (49,9%) bestand mindestens eine vaskuläre Diagnose.
Über ein Drittel (37,4%) litt bereits zum Zeitpunkt der Diabetes-Diagnose an mikrovaskulären, knapp ein Viertel (23,5%) an makrovaskulären Komorbiditäten.

Patienten mit Prädiabetes hatten (im Vergleich zu Patienten mit vor der Diagnosestellung unauffälligen Blutzucker-Werten) ein um 76% erhöhtes Retinopathie-Risiko sowie ein 14% höheres Nephropathie-Risiko. Auch war die Wahrscheinlichkeit für das Auftreten eines akuten Koronarsyndroms bei diesen Patienten bereits zum Zeitpunkt der Diabetes-Erstdiagnose um 7% erhöht (nach Korrektur für mögliche Störvariablen). Bis zur Erstdiagnose bereits stattgehabte Myokardinfarkte waren in dieser Population ebenfalls häufiger.
Auch bei Diabetikern, deren Blutzucker-Werte bis zur Diagnosestellung nicht gemessen worden waren (betraf über die Hälfte der Patienten), lagen zum Diagnosezeitpunkt mit höherer Wahrscheinlichkeit bereits mikrovaskuläre Pathologien vor.

Potenziale in der Prävention

Diese Beobachtungen stehen in Einklang mit früheren Arbeiten, die ebenfalls eine hohe Rate vaskulärer Erkrankungen unter neu diagnostizierten Typ‑2-Diabetikern berichteten.4–6

Der Schluss der Autoren: In der Erkennung eines Prädiabetes könnte eine Gelegenheit liegen, die mikro- und makrovaskuläre Erkrankungslast zu senken. Sie betonen die Relevanz eines frühzeitigen Screenings auf vaskuläre Komplikationen, aber vor allem das präventive Potenzial: denn hier handelt es sich um eine Population, die am meisten von vorbeugenden Interventionen profitieren würde. Präventionsstudien haben aufgezeigt, dass Lebensstilinterventionen (Ernährung und körperliche Aktivität) bei Menschen mit gestörter Glukosetoleranz das Eintreten eines Diabetes Typ 2 aufhalten und die Inzidenz kardiovaskulärer Ereignisse und mikrovaskulärer Komplikationen senken, die kardiovaskuläre und Gesamtmortalität reduzieren und die Lebenserwartung verlängern können.7

Während die Debatten um die pathophysiologischen Unterschiede zwischen Prädiabetes-Subtypen weiter laufen, gibt es Stimmen, die sich dafür aussprechen, sich von einer Blutzucker-zentrierten Definition weg- und zu einer multifaktoriellen Erkennungsstrategie hinzubewegen, die dem Vorliegen anderer Risikofaktoren für einen Diabetes Typ 2 sowie frühen Manifestationen vaskulärer Pathologien Sorge trägt.3

Referenzen:
1. Tabák, A. G., Herder, C., Rathmann, W., Brunner, E. J. & Kivimäki, M. Prediabetes: a high-risk state for diabetes development. Lancet 379, 2279–2290 (2012).
2. Ali, M. K., Bullard, K. M., Saydah, S., Imperatore, G. & Gregg, E. W. Cardiovascular and renal burdens of prediabetes in the USA: analysis of data from serial cross-sectional surveys, 1988-2014. Lancet Diabetes Endocrinol 6, 392–403 (2018).
3. Palladino, R. et al. Association between pre-diabetes and microvascular and macrovascular disease in newly diagnosed type 2 diabetes. BMJ Open Diabetes Research and Care 8, e001061 (2020).
4. Kostev, K. & Rathmann, W. Diabetic retinopathy at diagnosis of type 2 diabetes in the UK: a database analysis. Diabetologia 56, 109–111 (2013).
5. Spijkerman, A. M. W. et al. Microvascular Complications at Time of Diagnosis of Type 2 Diabetes Are Similar Among Diabetic Patients Detected by Targeted Screening and Patients Newly Diagnosed in General Practice: The Hoorn Screening Study. Diabetes Care 26, 2604–2608 (2003).
6. Koopman, R. J. et al. Evidence of Nephropathy and Peripheral Neuropathy in US Adults With Undiagnosed Diabetes. The Annals of Family Medicine 4, 427–432 (2006).
7. Gong, Q. et al. Morbidity and mortality after lifestyle intervention for people with impaired glucose tolerance: 30-year results of the Da Qing Diabetes Prevention Outcome Study. The Lancet Diabetes & Endocrinology 7, 452–461 (2019).

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