Ängste sind mit schnellerer Entwicklung eines M. Alzheimer verbunden

Angstsymptome gingen in einer neuen, größeren MRT-Studie mit einem beschleunigten Fortschreiten einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (MCI) zu einer Demenz einher.

Angstsymptome gingen in einer neuen, größeren MRT-Studie mit einem beschleunigten Fortschreiten einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (MCI) zu einer Demenz einher.

Die Zahl der Demenzkranken wird derzeit weltweit auf 50 Mio. geschätzt. Prognosen gehen von einer Verdreifachung dieser Zahl bis zum Jahre 2050 aus.1 Das entspräche etwa der jetzigen Gesamtbevölkerung Frankreichs und Deutschlands zusammen.
Wie die Gesundheitssysteme weltweit damit umgehen sollen, ist unklar – klar ist nur, dass unser Fokus vor allem auf der Prävention und Früherkennung liegen muss, insbesondere, so lange keine ursächliche Therapie existiert. Hierzu hatten wir schon einige Beiträge und auch spannende Kommentare von Ihnen, den Lesern (in den Neurologie-Rubriken Blog und Journalclub).

Oft geht einer demenziellen Entwicklung ein leichtes kognitives Defizit (MCI) voraus. Bei Patienten in diesem Stadium sind häufig Ängste zu beobachten, was Wissenschaftler der Medical University of South Carolina dazu veranlasste, zu untersuchen, ob Ängste strukturelle Auswirkungen auf das Gehirn haben, die einen schnelleren kognitiven Abbau begünstigen könnten. Die Ergebnisse wurden anlässlich des Jahreskongresses der Radiological Society of North America (RSNA) Ende 2020 präsentiert.2

Spielen Angstzustände eine Rolle in der Erkrankungsprogression?

"Wir wissen, dass ein Volumenschwund in bestimmten Hirnarealen ein prädiktiver Faktor für die Progression zu Alzheimer ist", sagt eine der Autoren, Prof. Maria Vittoria Spampinato.

Das Forschungsteam untersuchte 339 Patienten (mit einem mittleren Alter von 72 Jahren) aus der 'Alzheimer’s Disease Neuroimaging Initiative 2'-Kohorte, bei denen zum Ausgangszeitpunkt ein MCI bestand.
Per MRT bestimmten sie das Volumen des Hippocampus und des entorhinalen Kortex, zwei für die Gedächtnisfunktion besonders wichtige Bereiche. Sie testeten auch auf das Vorliegen des ApoE4-Allels, dem häufigsten genetischen Risikofaktor für Alzheimer. Ängstlichkeit wurde mittels etablierter klinischer Fragebögen erfasst.

Während 267 der Patienten im Verlauf stabil blieben, entwickelten 72 Patienten einen M. Alzheimer. Wie erwartet, wiesen diese Patienten signifikant geringere Volumina im Hippocampus und im entorhinalen Kortex sowie eine größere Häufigkeit des ApoE4-Allels auf.
Vor allem aber fanden die Forscher heraus, dass Angst als unabhängiger Faktor mit einer kognitiven Verschlechterung assoziiert war. Personen mit MCI und Angstsymptomen schritten also schneller zu einer Alzheimer-Krankheit voran als Personen ohne Ängste, unabhängig davon, ob bei ihnen ein genetisches Risiko für Alzheimer oder eine Verringerung des Gehirnvolumens bestanden.

Henne oder Ei?

Die Wissenschaftler beschäftigt nun die Frage, ob Angst ein Symptom des kognitiven Verfalls ist (wenn das Gedächtnis mehr und mehr nachlässt, können Betroffene ängstlicher werden) oder eine zur neurologischen Verschlechterung beitragende Ursache.
Einem Teil dieser interessanten Frage waren wir in einem früheren Beitrag nachgegangen, als wir uns damit befassten, wie chronischer Stress und Ängste mit Inflammation und Erkrankungen zusammenhängen.

"Die geriatrische Population wird in vielen Krankenhäusern routinemäßig auf Depressionen gescreent, aber vielleicht sollte diese vulnerable Population auch auf Angststörungen untersucht werden", schlägt Erstautorin Jenny L. Ulber vor. Erwachsene und ältere Menschen mit hohen Angst-Pegeln würden möglicherweise von Interventionen profitieren, und zwar nicht nur im Hinblick auf die Prävention oder die Verlangsamung des kognitiven Abbaus.

Eine Limitation der Studie lag insbesondere darin, dass die zerebrale Bildgebung nur einmalig (zum Ausgangszeitpunkt) durchgeführt wurde. Das Team möchte in zukünftigen Arbeiten auch Verlaufsbildgebungen anschließen, um die zeitliche Relation zwischen strukturellen Effekten und Angstsymptomen näher zu beleuchten.
Ein besseres Verständnis des Zusammenhangs stellt eine Gelegenheit dar, das Screening und die Behandlung von Patienten mit frühem MCI zu verbessern, schließen die Autoren.

Zunehmende Relevanz von Ängsten und Depressionen

Dies scheint aktuell relevanter denn je. Bereits 2015 prognostizierten Experten und Gesundheitsorganisationen wie die WHO, dass Depressionen und Ängste bis 2020 weltweit die Behinderung Nummer 1 sein würden. Bereits 2015 standen Depressionen an Platz 2 der führenden Ursachen für gesundheitliche Probleme und Behinderung weltweit, 2018 rückten sie auf Platz 1.

Die in den letzten Dekaden drastisch gestiegenen Tendenzen haben sich seit letztem Jahr im Kontext der Corona-Krise nochmals verstärkt. Einer sehr großen Erhebung aus den USA mit 336,5 Tsd. Befragten zufolge screenten im Frühjahr 2020 bereits mehr als drei Mal so viele Erwachsene positiv auf Depressionen, Angststörungen oder beides, als noch im Vorjahr.3
In einer weiteren aktuellen Untersuchung berichteten 40,9 % der Befragten mindestens eine mentale Problematik oder Verhaltensstörung, davon entfielen 30,9 % auf Angststörungen und Depressionen.4,5

Referenzen:
1. Global prevalence. Dementia Statistics Hub https://www.dementiastatistics.org/statistics/global-prevalence/.
2. RSNA. RSNA Press Release: Anxiety Associated with Faster Alzheimer’s Disease Onset. https://www.rsna.org/www2/head.
3. Twenge, J. M. & Joiner, T. E. U.S. Census Bureau-assessed prevalence of anxiety and depressive symptoms in 2019 and during the 2020 COVID-19 pandemic. Depression and Anxiety 37, 954–956 (2020).
4. Czeisler, M. É. Mental Health, Substance Use, and Suicidal Ideation During the COVID-19 Pandemic — United States, June 24–30, 2020. MMWR Morb Mortal Wkly Rep 69, (2020).
5. Der Zusammenhang zwischen Stress, Angst und Inflammation. https://www.esanum.de/blogs/neurologie-blog/feeds/today/posts/der-zusammenhang-zwischen-stress-angst-und-inflammation.

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