Am Ende nicht aufgeben: jeder vierte ältere Mensch leidet an einer Altersdepression

Altersdepression und Demenz sind die häufigsten psychiatrischen Erkrankungen bei älteren Menschen. Oft überlappen sich beide und haben einen deletären Effekt auf Gesundheitszustand, Lebensqualität und Pflegeaufwand.

Altersdepression und Demenz sind die häufigsten psychiatrischen Erkrankungen bei älteren Menschen. Oft überlappen sich beide und haben einen deletären Effekt auf Gesundheitszustand, Lebensqualität und Pflegeaufwand.

Das weltweite Phänomen einer alternden Bevölkerung in Verbindung mit der steigenden Prävalenz von Depression und Demenz in höherem Alter stellt eine bislang zu wenig adressierte Herausforderung dar. In einer populationsbasierten Studie litten 25% der über 74‑Jährigen an einer Depression (für alle Schweregrade zusammengefasst) und weitere 6% an subklinischen depressiven Symptomen.1

Wie könnten mehr Menschen möglichst gesund und glücklich alt werden?

Basale Maßnahmen – wie regelmäßige Bewegung, Optimierung der Ernährung (hierzu gehört auch Verzicht auf verarbeitete Lebensmittel), Verbesserung des Schlafes, Meditation, Ausgleich von Mangelzuständen (insbes. Vitamin D) – können zu einem erheblichen Unterschied beitragen und möglicherweise sogar Symptome einer Demenz im Frühstadium umkehren.2 Ein spannendes Pilotprojekt dazu hatten wir in diesem Beitrag vorgestellt.

Doch wir kennen es alle: Lebensstiländerungen sind bei diesem Patientenkollektiv oft schwierig oder schlichtweg nicht umsetzbar. Fast immer sind weitere Faktoren präsent, die die Situation noch zementieren: Begleiterkrankungen, Inaktivität, Bewegungsmangel, Lichtmangel, inadäquate Ernährung und Einsamkeit. Möglicherweise bestehen Schwierigkeiten hinsichtlich der häuslichen Versorgungssituation oder der Betroffene musste sein gewohntes Umfeld bereits gegen ein Pflegeheim eintauschen, was viele ebenfalls in eine Abwärts-Spirale versetzt.

"Mentaler Schmerz ist weniger dramatisch als körperlicher, aber er ist häufiger und auch schwerer zu ertragen." (C. S. Lewis)

In solch einer Situation können das Umfeld und die Behandler die Lebensqualität des Patienten, der sich selbst nicht mehr helfen kann, verbessern, indem sie auf die Faktoren fokussieren, die potenziell modifizierbar sind, selbst wenn dies nicht viele sind.

Gerade die psychische Verfassung sollte dabei nicht weniger Aufmerksamkeit erhalten als die möglicherweise lange Liste an Medikamenten und Vorerkrankungen, da Depressionen und Ängste mindestens genauso viel dazu beitragen können, dass der Betroffene seinen Radius immer weiter einschränkt, vielleicht gar nicht mehr aufsteht und somit ein körperlicher und geistiger Verfall einsetzt.
Studien zeigen immer wieder, dass Depressionen und Funktionseinschränkungen Hand in Hand gehen. Es bestehen Assoziationen zur kognitiven Leistungsfähigkeit (Stichwort Pseudodemenz), Aktivität, Mobilität und Behinderung.1

Eine Depression sollte auch nicht als Nebenwirkung des Sterbens hingenommen werden, aber oft sind die Interventionsmöglichkeiten begrenzt, eine Psychotherapie abhängig vom kognitiven Zustand schwierig und je nach Begleiterkrankungen und Dauermedikationen scheiden viele Psychopharmaka-Optionen aus oder weisen ein ungünstiges Nutzen-/ Risiko-Verhältnis auf.

Sind Nähe und Zuwendung die beste Medizin?

Mit Ausnahme der Angehörigen fehlt den Betroffenen oft der Kontakt zur Außenwelt. Eine Anbindung an bspw. die "Grünen Damen oder Herren" kann eine wertvolle Bereicherung sein. Dies sind geschulte ehrenamtliche Helfer, die Patienten in Einrichtungen oder auch zu Hause besuchen, Gespräche führen, mit ihnen Gedächtnistraining machen, Basteln, Spielen, Vorlesen, oder (wenn es der Zustand des Patienten zulässt) mit demjenigen spazieren oder Kaffee trinken gehen. Auch Begleitungen zu Veranstaltungen oder Untersuchungen sind möglich, ebenso wie Sitzwachen bei Sterbenden oder Betreuung von Angehörigen.
In Altenheimen bauen sich oft langfristige Beziehungen auf, da die Bewohner in der Regel über lange Zeiträume von demselben Ehrenamtlichen besucht werden.

CBD‑Öl: Eine alte Pflanze wird erst richtig entdeckt

Cannabidiol (CBD) ist eine der in Hanfpflanzen natürlich vorkommenden chemischen Verbindungen. Obwohl das Stigma seines psychoaktiven Gegenstücks Tetrahydrocannabinol (THC) auf CBD abgefärbt hat, sind beachtliche Gesundheitsnutzen für CBD gezeigt bzw. werden seit etlichen Jahren zunehmend entdeckt.3

CBD hat antipsychotische und anxiolytische Effekte4, wirkt aber weder sedierend, noch psychoaktiv ("high" machend) wie THC.5 CBD-Öl kann depressive Symptome und die Lebensqualität signifikant verbessern, auch wenn es nicht als kurative Therapie zu verstehen ist.6 Die antidepressive Wirkung wird vermutlich über die Interaktion von CBD mit dem Serotonin-Rezeptor 5-HT1A vermittelt.7,8 Cannabispflanzenextrakte wirken an einer Reihe verschiedener Rezeptoren und möglicherweise sind es gerade diese polypharmazeutischen Eigenschaften, die entscheidende Vorteile gegenüber "single-target" Medikamenten erbringen könnten.9

Auch bei unterschiedlichen Demenzformen5,9 und weiteren neurodegenerativen Erkrankungen10 ist das Potenzial vielversprechend. Für einige Indikationen sind THC- bzw. CBD‑haltige Arzneimittel bereits zugelassen (bspw. Spastiken bei MS11 oder die seltenen Epilepsieformen Dravet- und Lennox-Gastaut-Syndrom12).

Die WHO bestätigte, dass "keine öffentlichen Gesundheitsprobleme mit dem Gebrauch von purem CBD assoziiert sind" und nach jetzigem Wissensstand besteht kein Missbrauchs- oder Abhängigkeitspotential, wie bei vielen pharmakologischen Alternativen.5
Während Cannabis in vielen Ländern bereits legalisiert ist, ist die Rechtslage in Deutschland entspannt, aber nicht ganz eindeutig und ändert sich häufig. Dieser CBD­‑Ticker gibt jeweils Aufschluss über den aktuellen Stand. Für Endverbraucher ist CBD‑Öl über das Internet frei zu erwerben und (in für den Eigenbedarf üblichen Mengen) derzeit legal, solange der THC‑Grenzwert nicht überschritten ist.13

Möglicherweise betreuen auch Sie viele geriatrische Patienten oder haben vielleicht einen Angehörigen, über den Sie sich diesbezüglich viele Gedanken gemacht haben. Teilen Sie gern über die Kommentarfunktion mit uns und Ihren Kollegen, was in Ihrem Setting funktioniert hat (oder auch nicht)!

Referenzen:
1. Forlani, C. et al. Prevalence and gender differences in late-life depression: a population-based study. Am J Geriatr Psychiatry 22, 370–380 (2014).
2. Aging | Reversal of cognitive decline: A novel therapeutic program. Available at: https://www.aging-us.com/article/100690. (Accessed: 19th December 2018)
3. The Many Benefits of Cannabis and Cannabidiol (CBD). Mercola.com Available at: http://articles.mercola.com/sites/articles/archive/2019/02/02/cannabis-cannabidiol-benefits.aspx. (Accessed: 12th February 2019)
4. Schier, A. R. de M. et al. Cannabidiol, a Cannabis sativa constituent, as an anxiolytic drug. Braz J Psychiatry 34 Suppl 1, S104-110 (2012).
5. CBD (Cannabidiol) as Medication for Alzheimer’s & Dementia. Available at: https://www.dementiacarecentral.com/aboutdementia/treating/cbd/. (Accessed: 12th February 2019)
6. CBD Oil: A Cure for Depression? - Depression Alliance. Available at: https://www.depressionalliance.org/cbd-oil/. (Accessed: 12th February 2019)
7.de Mello Schier, A. R. et al. Antidepressant-like and anxiolytic-like effects of cannabidiol: a chemical compound of Cannabis sativa. CNS Neurol Disord Drug Targets 13, 953–960 (2014).
8. Zanelati, T. V., Biojone, C., Moreira, F. A., Guimarães, F. S. & Joca, S. R. L. Antidepressant-like effects of cannabidiol in mice: possible involvement of 5-HT1A receptors. Br. J. Pharmacol. 159, 122–128 (2010).
9. Russo, E. B. Cannabis Therapeutics and the Future of Neurology. Front Integr Neurosci 12, (2018).
10. Pellati, F. et al. Cannabis sativa L. and Nonpsychoactive Cannabinoids: Their Chemistry and Role against Oxidative Stress, Inflammation, and Cancer. Biomed Res Int 2018, 1691428 (2018).
11. Cannabis-Spray: Zulassung von Sativex verlängert. Leafly Deutschland (2018). Available at: https://www.leafly.de/cannabis-spray-zulassung/. (Accessed: 12th February 2019)
12. Dr Bettina Jung. Erstes Arzneimittel aus der Cannabis-Pflanze in den USA zugelassen. DAZ.online (2018). Available at: https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/news/artikel/2018/06/27/usa-erstes-arzneimittel-aus-der-cannabis-pflanze-zugelassen. (Accessed: 12th February 2019)
13. Ist CBD legal in Deutschland? Neues zur Legalität von Cannabisöl (2019). Cannabidiol (CBD) Erfahrungen und Informationen rund um Wirkung & Anwendung (2016). Available at: https://cbd360.de/legal-deutschland/. (Accessed: 12th February 2019)

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