Aufgehobene Fahrtauglichkeit: Vom ärztlichen Umgang mit älteren Autofahrern

Hausärzten und Neurologen kommt eine zentrale Rolle bei der Untersuchung, Aufklärung und ggf. der Aussprache eines ärztlichen Fahrverbotes zu. Fehler und Unterlassungen können unter Umständen juristische Konsequenzen nach sich ziehen.

Hausärzten und Neurologen kommt eine zentrale Rolle bei der Untersuchung, Aufklärung und ggf. der Aussprache eines ärztlichen Fahrverbotes zu. Fehler und Unterlassungen können unter Umständen juristische Konsequenzen nach sich ziehen.

Ältere Erwachsene sind heute häufiger und über weitere Strecken mit dem PKW unterwegs als in der Vergangenheit. Für die meisten von uns wird es nötig sein, das Autofahren irgendwann aufzugeben. Im Schnitt leben Männer 6 Jahre, nachdem sie das Autofahren einstellen mussten, Frauen 10 Jahre.1

Ursachen für eine Beeinträchtigung der Fahrtauglichkeit

Höheres Alter per se muss nicht unbedingt ein Risikofaktor für gefährdendes Fahrverhalten sein. Wie bei jüngeren Fahrern auch, können einige ältere Fahrer nach Behandlung relevanter medizinischer Probleme das Autofahren wieder aufnehmen.

Häufige, potenziell korrigierbare Ursachen für unsicheres Fahren sind:

Zumeist nicht therapierbare oder progrediente Erkrankungen:

Auch psychiatrische Störungen, Krampfanfälle, Synkopen, häufige Stürze oder Schwindel und Hypoglykämie sind von Bedeutung.2

Dunkelheit, plötzliche Gefahrensituationen oder hohes Verkehrsaufkommen können schon geistig unauffällige Rentner an ihre Grenzen bringen. Treten noch kognitive Defizite hinzu, die exekutive Leistungen, visuell-räumliches Denken und Verhaltenskontrolle beeinträchtigen, können diese Fahrer eventuell nicht mehr fehlerfrei oder schnell genug reagieren. Daher kann bereits eine milde kognitive Beeinträchtigung (MCI) zur Aufhebung der Fahrtauglichkeit führen.3,4

Drei Viertel der an Unfällen beteiligten über 75‑Jährigen tragen die Hauptschuld

Im Vergleich zum Durchschnitt aller Altersgruppen verunfallen Senioren zwar zahlenmäßig seltener, hierbei ist allerdings zu beachten, dass ältere Menschen weniger unterwegs sind als jüngere. Werden ältere Menschen jedoch in Unfälle verwickelt, ist ihr Risiko für Verletzungen und Tod höher. Laut Daten des statistischen Bundesamtes wurden 26% der verunglückten älteren Menschen schwer verletzt, der entsprechende Anteil bei den unter 65‑Jährigen war mit 15,6% deutlich geringer.Auch tragen Senioren ein etwa dreimal höheres Risiko, bei einem Unfall oder an dessen Folgen zu versterben als jüngere Verkehrsteilnehmer.6

Ein Problem vieler Statistiken liegt darin, dass oft alle über 65‑Jährigen in die Kategorie "ältere Fahrer“ zusammengefasst werden. Wie Daten des statistischen Bundesamtes verdeutlichen, spielt das Alter jedoch eine erhebliche Rolle: Wenn über 64‑Jährige als PKW‑Fahrer an einem Unfall beteiligt waren, trugen sie in zwei Drittel (67%) der Fälle die Hauptschuld, bei den über 75‑Jährigen waren es dagegen 75%. Zu den häufigsten Unfallursachen gehörten Vorfahrtsfehler (18%) und Fehler beim Abbiegen, Wenden, Rückwärtsfahren, Ein- und Anfahren (17%).

Andere Gründe, die vor allem bei jüngeren Fahrern zu Unfällen führten, wie Abstandsfehler, Alkoholeinfluss, falsches Verhalten gegenüber Fußgängern oder nicht angepasste Geschwindigkeit, spielten dagegen bei den "Oldies" eine geringere Rolle.6 Häufigstes Fehlverhalten von Senioren als Fußgänger war "falsches Verhalten beim Überschreiten der Fahrbahn" (81%). In zwei Dritteln dieser Fälle achteten die Senioren dabei nicht auf den Fahrzeugverkehr.

Schauen Sie regelmäßig nach der Fahrtauglichkeit Ihrer Patienten?

Auch wenn weder Eigen- noch Fremdanamnese immer verlässlich sind, sollte neben klinischer Untersuchung und neuropsychologischen Tests nach Änderungen von Fahrgewohnheiten, Ordnungswidrigkeiten, Unfällen oder Beinahe-Zwischenfällen gefragt werden. Fragen Sie Angehörige, ob der Patient sich bspw. auf Strecken, die er eigentlich kennt, verfährt, ob neue Kratzer oder Beulen bemerkt wurden, ob derjenige zuweilen ohne Grund zu schnell oder langsam fährt und ob sie ihre Kinder noch zu Oma/Opa ins Auto setzen würden. Eventuell ergeben sich auch Anhaltspunkte für fahrspezifische Probleme, wie Schwierigkeiten beim Einordnen, Abbiegen, Folgen von Schildern, Parken, Halten der Spur oder Rückwärtsfahren.

Bei körperlichen Defiziten ist eventuell eine Überweisung zu rehabilitativen Maßnahmen angezeigt. Bei motorischen oder sensorischen Ausfällen kann ggf. ein Spezialist für Fahr-Rehabilitation helfen. Wenn finanziell machbar, können bspw. Modifikationen am Auto oder ein neues Auto die Sicherheit optimieren.

Versuchen zu vermitteln, dass das gemeinsame Ziel sichere Verkehrsteilnahme für so lange wie möglich ist

Der schwierigste Teil ist jedoch das Gespräch. Nicht Auto zu fahren, bedeutet nicht nur, nicht Auto zu fahren. Es stellt eine Reduktion von Status, Freiheit, Unabhängigkeit und Möglichkeiten dar. Es macht alles schwieriger, für den Rest des Lebens, vom Einkaufen, vom Wahrnehmen von Terminen, Zugang zu medizinischer Versorgung, über Arbeiten, Freunde treffen, bis hin zur Aufrechterhaltung des Selbstrespektes.2 Der betreuende Arzt sollte seine Einschätzung deutlich kommunizieren: fahrgeeignet, nicht fahrgeeignet, fahrgeeignet mit Einschränkungen oder möglicherweise fahrgeeignet nach Therapie und Reevaluation.

Die Autorin eines aktuellen Artikels zum Thema im New England Journal of Medicine2 schließt aus ihren Erfahrungen, dass es am besten ist, das Thema früh genug anzugehen, bevor es für den Patienten bedrohlich wird und auf die Ängste und Bedürfnisse des Patienten einzugehen. So kann es gelingen, den Patienten in die Lage zu versetzen, eigenverantwortlich die Transition von Fahrer zu Passagier vorzubereiten, wenn es soweit ist. Nach dem Einstellen des Autofahrens sollten engmaschiges Follow-Up und Unterstützung angeboten werden.

Unsere Aufgabe als Ärzte ist es, Gesundheit und körperliche Funktion im Sinne einer sicheren Teilnahme am Straßenverkehr zu maximieren, Patienten über sicheres Fahren aufzuklären, Hochrisiko-Fahrer zu identifizieren und, wenn nötig, bei der Führerscheinstelle zu melden. Unzureichende Information oder Dokumentation stellt einen gravierenden Aufklärungsfehler dar. Bekommen Sie mit, dass ein Patient trotz Fahrverbot weiterhin fährt und ignorieren das bewusst, drohen ggf. zivil- und strafrechtliche Konsequenzen.3

Referenzen:
1. Clinician’s Guide to Assessing and Counseling Older Drivers, 3rd Edition by American Geriatrics Society. Available at: https://geriatricscareonline.org/ProductAbstract/clinicians-guide-to-assessing-and-counseling-older-drivers-3rd-edition/B022. (Accessed: 12th March 2019)
2. Don’t Ruin My Life — Aging and Driving in the 21st Century | NEJM. Available at: https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMp1613342. (Accessed: 12th March 2019)
3. Fett, M. B. Fahrtauglichkeit von Senioren: Schon leichte kognitive Defizite erfordern Prüfung. Medical Tribune (2018). Available at: https://www.medical-tribune.de/medizin-und-forschung/artikel/fahrtauglichkeit-von-senioren-schon-leichte-kognitive-defizite-erfordern-pruefung/. (Accessed: 12th March 2019)
4. Schmidtke, K. Fahrtauglichkeit bei Leichter Kognitiver Störung und Demenz. Fortschr Neurol Psychiatr 86, 37–42 (2018).
5. Unfallstatistik: Ältere Verkehrsteilnehmer - DVR. Available at: https://www.dvr.de/unfallstatistik/de/aeltere-menschen/. (Accessed: 12th March 2019)
6. Unfälle von Senioren. Deutsche Verkehrswacht e.V. Available at: https://www.deutsche-verkehrswacht.de/home/bmvi-projekte/senioren/unfallstatistik-senioren.html. (Accessed: 12th March 2019)

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