Ketogene Diät bei Multipler Sklerose (MS)

Ketogene Diäten könnten die Immunantwort modifizieren und somit den Erkrankungsverlauf einer MS verändern. Tierexperimente bekräftigen dies, doch wie sieht es beim Menschen aus?

Ketogene Diäten könnten die Immunantwort modifizieren und somit den Erkrankungsverlauf einer MS verändern. Tierexperimente bekräftigen dies, doch wie sieht es beim Menschen aus?

Übergewicht ist ein bekannter Risikofaktor für MS und die Ernährung ist ein potentiell modifizierbarer Faktor, der den Erkrankungsprogress beeinflussen könnte. Aktuelle Studien deuten auf einen Zusammenhang zwischen Essgewohnheiten und dem Grad der erlittenen Behinderung bzw. der Symptomschwere hin.1,2 In einer großen Querschnittstudie waren die Qualität der Ernährung und ein aktiver Lebensstil außerdem mit geringerer Fatigue, Depression, kognitiver Beeinträchtigung und weniger Schmerzen assoziiert.

Alternative Energiequelle für vulnerable Neuronen

Ketogene Diäten bedeuten viel Fett, wenig Kohlenhydrate und imitieren somit einen Fasten-Zustand. Es kommt zu einer Umstellung des Metabolismus weg von der Energiegewinnung mittels Glykolyse und hin zur Beta-Oxidation von Fettsäuren als primärer Energiequelle, wobei Ketonkörper entstehen. Wir wollen keine Stoffwechsel-Physiologie-Vorlesung daraus machen, sondern nur einige wesentliche Mechanismen benennen, über die sich eine ketogene Diät günstig auswirken könnte:

Im Mausmodell der experimentellen Autoimmun-Enzephalitis führte eine ketogene Diät zur Umkehr motorischer Behinderung, verbesserter Lern- und Gedächtnisleistung, höheren Hippocampus-Volumina und Re-Myelinisierung periventrikulärer Läsionen.3 Dies ging einher mit einer supprimierten Produktion inflammatorischer Zytokine und gesteigerten neuronalen Reparaturprozessen.

Ketogene Diät verbessert Fatigue, Depression und Gewicht bei MS‑Patienten

Die Ergebnisse einer kleinen Pilot-Studie2 an 20 Patienten mit schubförmig remittierender MS wurden im Juli 2019 in der Neurology, der offiziellen Zeitschrift der AAN (American Academy of Neurology) veröffentlicht. Die Adhärenz an eine modifizierte Atkins-Diät wurde mittels täglichem Ketontest im Urin überprüft. Nach 6 Monaten waren eine Abnahme von Körperfett und BMI (p < 0,0001) sowie eine Verbesserung der Scores für Fatigue (p = 0,002) und Depression (p = 0,003) zu beobachten. Nach 3 Monaten war die Leptin-Konzentrationen im Serum (ein proinflammatorisches Adipokin) deutlich gesunken (p < 0,0001).

Alternative Modelle der MS: Ketogene Diät verbessert auch neurodegenerative Komponente von MS

Die Hinweise darauf verdichten sich, dass bei MS neben der Neuroinflammation auch eine Neurodegeneration eine wichtige Rolle spielt, auch wenn kein Konsens besteht, ob die Neurodegeneration die Inflammation auslöst oder umgekehrt – oder ob beide Mechanismen parallel existieren. Zentral für die neurodegenerative Komponente der Pathogenese der MS scheint eine Dysfunktion der Mitochondrien zu sein. Diese resultiert in geringerer Verfügbarkeit von ATP, was eine axonale Atrophie und Degeneration begünstigen könnte. In Vitro- und Tierstudien zufolge verbessert eine ketogene Diät die mitochondriale Funktion und fördert somit das Überleben von Axonen, indem sie die ATP‑Produktion und mitochondriale Biogenese fördert, gestörte Prozesse innerhalb der Mitochondrien umgeht, die Level von Antioxidantien steigert und oxidative Schäden senkt.4

Normalisierung des bei MS gestörten Mikrobioms unter ketogener Diät

Im ersten Beitrag dieses Blogs ging es um die Rolle von Darmbakterien und deren Genen für die MS. Diverse Studien berichteten über deutlich abweichende Konzentration, Diversität und Zusammensetzung der Darmbakterien bei MS‑Patienten und deren Einfluss auf die Immunregulation. Nach etwa 3 Monaten unter ketogener Diät verbesserte sich bei MS‑Patienten auch dieser Zustand.5

Noch ist die Evidenzlage beim Menschen sehr dünn, aber wir dürfen auf weitere, hoffentlich größere und kontrollierte Studien gespannt sein.

Referenzen:
1. Fitzgerald, K. C. et al. Diet quality is associated with disability and symptom severity in multiple sclerosis. Neurology 90, e1–e11 (2018).
2. Brenton, J. N. et al. Pilot study of a ketogenic diet in relapsing-remitting MS. Neurol Neuroimmunol Neuroinflamm 6, (2019).
3. Kim, D. Y. et al. Inflammation-mediated memory dysfunction and effects of a ketogenic diet in a murine model of multiple sclerosis. PLoS ONE 7, e35476 (2012).
4. Storoni, M. & Plant, G. T. The Therapeutic Potential of the Ketogenic Diet in Treating Progressive Multiple Sclerosis. Mult Scler Int 2015, 681289 (2015).
5. Swidsinski, A. et al. Reduced Mass and Diversity of the Colonic Microbiome in Patients with Multiple Sclerosis and Their Improvement with Ketogenic Diet. Front Microbiol 8, 1141 (2017).

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