Nachlese vom MSVirtual2020

Vom 11.–13. September fand der gemeinsame Jahreskongress der ACTRIMS und ECTRIMS virtuell statt. Ausgewählte Highlights und klinische Studien zu Remyelinisierung, EBV-spezifischen Immuntherapien und zur Prodromalphase der MS finden Sie in diesem Beitrag.

Vom 11.–13. September fand der gemeinsame Jahreskongress der ACTRIMS und ECTRIMS virtuell statt. Ausgewählte Highlights und klinische Studien zu Remyelinisierung, EBV-spezifischen Immuntherapien und zur Prodromalphase der MS finden Sie in diesem Beitrag. 

Der jährliche ECTRIMS-Kongress (European Committee For Treatment And Research In Multiple Sclerosis) ist der weltweit größte zur Grundlagen- und klinischen Forschung bei Multipler Sklerose (MS).
Wie bereits in einigen vergangenen Jahren, war ursprünglich für September 2021 eine Veranstaltung gemeinsam mit der Jahrestagung des ACTRIMS (Americas Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis) in Washington D.C. geplant.1 Aufgrund der Coronakrise wurde daraus der 'MSVirtual2020', bei dem fast 200 führende Spezialisten aus Forschung und Klinik ein etwas gestraffteres Programm präsentierten.
Falls Sie es verpasst haben: die aufgezeichneten wissenschaftlichen Vorträge und ePoster werden bis Ende Februar 2021 on demand verfügbar sein (allerdings kostenpflichtig). Einige interessante Themen haben wir in diesem Beitrag zusammengestellt, auch wenn diese natürlich nur eine sehr kleine Auswahl darstellen können.

MS in den frühesten Stadien aufhalten – Prodromalphase bei MS

Im Gegensatz zu anderen neurologischen Erkrankungen, wie M. Parkinson, hat die Existenz einer Prodromalphase im Kontext der MS bislang wenig Berücksichtigung erhalten. Historisch glaubte man gar nicht, dass den klassischen MS­-Symptomen überhaupt eine solche Phase vorausginge.
Dr. Helen Tremlett von der Universität British Columbia, Kanada, lieferte in einem Keynote-Vortrag überzeugende Argumente dafür, dass eine frühere Erkennung von Patienten mit einer hohen Wahrscheinlichkeit für eine MS-Entwicklung möglich wäre, bevor klassische Zeichen klinisch apparent werden. Aus ihren präsentierten Daten geht unter anderem hervor, dass in den 5 Jahren vor einer definitiven MS­‑Diagnose bereits eine signifikante Zunahme von Hospitalisationen und eine vermehrte Inanspruchnahme von ärztlichen Leistungen und rezeptpflichtigen Medikamenten (im Vergleich zur Normalbevölkerung) zu beobachten seien. Grund sind in der Regel unspezifische Symptome, die über Monate oder sogar bis zu 10 Jahre vor Beginn klassischer MS-Symptome auftreten können, wie Störungen der Kognition, des Gastrointestinaltraktes, der Haut, der Blase, aber auch Schmerzen, Depressionen, Fatigue, Kopfschmerzen oder Anämie.
Die Tatsache, dass ähnliche Prodromal-Phänomene bei anderen Autoimmunerkrankungen, wie Rheumatoider Arthritis oder entzündlichen Darmerkrankungen, vorkommen, legt eine autoimmune Dysregulation als zugrundeliegenden Mechanismus nahe.2

Myelin-Reparatur – ein hoch aktives Forschungsfeld

Neben dem Schutz von Nervenfasern vor Schädigungen beschäftigen sich viele Studien mit Strategien zur Remyelinisierung.
Einer von zwei Hauptansätzen besteht darin, die körpereigenen Reparaturprozesse anzukurbeln. Eine Referentin aus Frankreich verwies in diesem Zusammenhang auf eine kleine randomisierte kontrollierte Studie, die gerade beginnt. Nachdem experimentelle Evidenz dafür spricht, dass elektrische Aktivität in Nerven die Myelin-Reparatur stimuliert, untersucht diese neue Studie die Wirkung einer transorbitalen elektrischen Nervenstimulation bei Patienten nach akuter Optikusneuritis-Episode, einer Myelin-Schädigung, die oft ein erstes Zeichen einer MS ist.3

Der zweite Ansatz besteht darin, die Reparatur durch Transplantation von Zellen zu fördern.
Ein Team des San Raffaele Scientific Institute, Italien, zeigte an Mäusen, dass transplantierte neurale Stammzellen Faktoren produzieren können, welche die Inflammation reduzieren und die Myelin-Reparatur begünstigen. Das gleiche Team führt aktuell eine erste kleine Humanstudie durch. Zwölf Patienten mit progredienter MS erhielten drei Injektionen von Zellen. Bislang traten keine schweren Nebenwirkungen auf und die transplantierten Zellen überlebten für mindestens drei Monate. Erste Beobachtungen deuten auf reduzierte Entzündungszeichen im Liquor hin, aber in dieser Studienphase wird es zunächst primär um die Evaluation der Sicherheit gehen.4

Dr. Robin Franklin von der Universität Cambridge stellte in seinem Vortrag dar, dass die Myelin-Reparatur bei Fortschreiten der MS ausfallen kann und erklärt, warum alternde Gehirne der Remyelinisierung weniger zugänglich sind. Sein Team fand kürzlich heraus, dass das Gehirn mit dem Alter starrer wird, was zum Hemmnis für an Reparaturvorgängen beteiligte intrinsische Vorläuferzellen werden kann. In Labormodellen erprobten sie Möglichkeiten, Progenitorzellen dazu zu bringen, die Gehirnsteifheit nicht zu erkennen, was diese Zellen wieder auf Reparaturkurs zu setzen scheint.4

Neue Hoffnung: EBV-spezifische T‑Zell-Therapien

In den letzten Jahren hat sich die Evidenz für eine zentrale Rolle des Epstein-Barr-Virus (EBV) für die Pathogenese der MS verdichtet.5,6 Eine persistierende EBV‑Infektion im ZNS scheint eine T‑Zell-Antwort auszulösen, die eigentlich darauf abzielt, das Virus zu eliminieren, dabei jedoch unbeabsichtigt das ZNS schädigt (in dem Zusammenhang wird oft von "bystander damage" gesprochen).7
Einige, bereits anlässlich des ECTRIMS-Kongresses 2019 vorgestellte, kleine Studien berichteten erstaunliche Verbesserungen nach gegen EBV gerichteten T-Zell-Immuntherapien bei bereits fortgeschritten erkrankten MS‑Patienten. Auch in diesem Jahr wurde eine spannende, kleine Phase‑I-Studie zur Therapie progredienter MS‑Formen präsentiert.4,8 In einer ersten unverblindeten Dosisfindungsphase (1 Jahr) zeigte sich mit steigender Dosis bei einem wachsenden Anteil der Patienten eine Verbesserung der Behinderung bei guter Verträglichkeit. Patienten, die eine Verbesserung der Behinderung erreichten, behielten diese über alle späteren Zeitpunkte bei und verzeichneten auch weniger Fatigue, bessere körperliche Funktion und einen geringeren Verlust von Hirnvolumen im MRT. Nach diesen ermutigenden Ergebnissen geht die multizentrische Studie nun für vier Jahre in eine offene placebokontrollierte randomisierte Verlängerung.

Wir hoffen, dass diese Auswahl für Sie interessant war. Weitere Neuigkeiten vom Kongress finden Sie im nächsten Beitrag Mitte Oktober, hier im Neurologie-Blog.

Referenzen:
1. MSVirtual2020 | Virtual Joint ACTRIMS-ECTRIMS Meeting. MSVirtual2020 https://msvirtual2020.org/.
2. Segal, B. Highlights from MSVirtual2020. Neurodiem https://www.neurodiem.de/news/highlights-from-msvirtual2020-5AAAn6E7WxwHTAdvX1BQ2i?locale=en-US.
3. Effect of Transorbital Electrical STIMulation of Optic Nerve on Remyelination After an Acute Optic Neuritis - Full Text View - ClinicalTrials.gov. https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT04042363.
4. World’s Largest MS Research Conference Goes Virtual to Share Research Progress. National Multiple Sclerosis Society http://www.nationalmssociety.org/About-the-Society/News/World’s-Largest-MS-Research-Conference-Goes-Virtua.
5. Abrahamyan, S. et al. Complete Epstein-Barr virus seropositivity in a large cohort of patients with early multiple sclerosis. J. Neurol. Neurosurg. Psychiatry 91, 681–686 (2020).
6. Giovannoni, G. The cause of MS. Multiple Sclerosis Research Blog https://multiple-sclerosis-research.org/2019/10/the-cause-of-ms/ (2019).
7. Giovannoni, G. A smoking gun? Multiple Sclerosis Research Blog https://multiple-sclerosis-research.org/2019/10/a-smoking-gun/ (2019).
8. M. Pender. P0226 - Phase I study of ATA188, an off-the-shelf, allogeneic Epstein-Barr virus-targeted T-  cell immunotherapy for progressive forms of multiple scleros. https://msvirtual2020.org/wp-content/uploads/2020/09/P0226.pdf

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