Warum Kliniken daran gelegen sein müsste, die Hindernisse für adäquate Hydrierung und Ernährung ihres Personals zu beseitigen

In der Hektik der Arbeit bleiben die eigenen Bedürfnisse oft auf der Strecke. Wir wissen zwar, dass Pausen, regelmäßiges Trinken und Essen kritische Voraussetzungen dafür sind, dass wir unser Bestes geben können und möglichst wenig Fehler machen, doch die Realitäten liegen oft anders.

In der Hektik der Arbeit bleiben die eigenen Bedürfnisse oft auf der Strecke. Wir wissen zwar, dass Pausen, regelmäßiges Trinken und Essen kritische Voraussetzungen dafür sind, dass wir unser Bestes geben können und möglichst wenig Fehler machen, doch die Realitäten liegen oft anders.

Und, haben Sie Neujahrsvorsätze?
Manch einer hat sich vielleicht vorgenommen, körperlich fitter und aktiver zu werden.
Im Rahmen einer repräsentativen Meinungsumfrage Ende 2018, bei der fast 9.000 Deutsche die Frage beantworteten: "Welchen Neujahrsvorsatz würden Sie sich am ehesten für 2019 vornehmen?", war "Mehr Sport treiben" mit 23,5% immerhin die häufigste Antwort.1 Leider gab es kein Follow-Up, bei wie vielen die Umsetzung glückte. Ebenfalls weit oben auf der Liste stand "Gesünder ernähren" mit 15,6%. Ein guter Teil wollte außerdem mehr Zeit mit der Familie (7,3%) oder weniger Zeit online verbringen (6,5%).

Mit den ersten beiden guten Ideen hat auch unser heutiger Beitrag zu tun. Vielleicht wäre ein guter Vorsatz, freundlich mit sich selbst umzugehen und sich auch im Arbeitsalltag gut um sich selbst zu kümmern. Ein Artikel im 'British Medical Journal' (BMJ) greift zwei bei Ärzten oft vernachlässigte Aspekte heraus: jemand, der nicht gesund isst und trinkt, kann nicht das Maximum seiner Leistungsfähigkeit erreichen.2
Obwohl Anzeichen für Durst auftreten, bevor die Effekte geringer Hydratation einsetzen, ist medizinisches Personal oft einfach so sehr in Zeitdruck, sodass das Trinken auf der Strecke bleibt. Eine Studie stellte fest, dass junge Ärzte auf einer Intensivstation eine größere Wahrscheinlichkeit hatten, oligurisch zu sein als ihre Patienten.3

Ausgelaugte Helfer sind keine Helfer

Die Medizin ist eine anspruchsvolle Profession. Die Tage beginnen oft früh und enden spät und die Arbeitsbedingungen moderner, betriebsamer Kliniken lassen es für viele Angestellte fast schon zur Gewohnheit werden, keine regelmäßigen Pausen zu nehmen, nicht genug Flüssigkeit zu trinken oder Mahlzeiten zu überspringen. Dabei gehört all das zu den basalsten Aspekten, die nicht nur zur Erhaltung von Energie, Konzentration und Leistung beitragen, sondern auch das Risiko für menschliches Versagen reduzieren.

Wir wissen, dass selbst geringe Wasserdefizite im Körper die Leistungsfähigkeit beeinträchtigen und in zunehmender Dehydrierung und in der Folge in Kopfschmerzen, Müdigkeit, Apathie oder Ungeduld resultieren.
In der Luftfahrt werden Sicherheit und Optimierung oft ernster genommen und auch wenn wir diese nicht unmittelbar mit der Medizin vergleichen wollen, lassen sich doch wichtige erprobte Prinzipien für uns ableiten. Untersuchungen an Piloten in Simulatoren zeigten signifikante Abnahmen von Arbeitsgedächtnis, räumlicher Wahrnehmung und Fluggenauigkeit unter Dehydrierung.4

Mit gesundem Essen sieht es in Klinikumgebungen oft nicht besser aus, was das Problem noch verstärkt. Fertignahrungsmittel und Fastfood sind mit schlechterer Leistung verknüpft.5
Doch für wie viele ist irgendein Schrank mit Gummibärchen oder ein Automat mit Schokoriegeln im Dienst die einzige Rettung, die zwischen zwei Aufgaben hastig hinuntergestürzt wird? Eine britische Erhebung zu den Hindernissen für gesunde Ernährung in Krankenhäusern ergab, dass der Mangel von gesunden Verpflegungsoptionen die meiste Unzufriedenheit verursachte. Die Mehrheit (88%) hatte den Eindruck, dass der National Health Service (NHS) gesunde Ernährung nicht unterstützt.6 Das Ergebnis wäre in Deutschland sicher ähnlich.
Krankenhäuser könnten durch 24 h geöffnete Kantinen, die eine abwechslungsreiche Auswahl frisch zubereiteten Essens anbieten, einen großen Beitrag zur Wiederherstellung der Gesundheit von Patienten bzw. zur Erhaltung der Gesundheit von im Schichtbetrieb arbeitenden Mitarbeitern leisten. Doch viele Häuser verfügen nicht einmal mehr über eine richtige Küche. Wie oft werden nur Tüten aufgerissen, das "Essen" eingefroren, von einer zentralen Produktionsstätte durch das halbe Land gefahren und anschließend in Großraum-Mikrowellen wieder erwärmt? So etwas kann für niemanden gut sein, am wenigsten für bereits geschwächte Kranke oder für Mitarbeiter, die täglich fit und leistungsbereit sein müssen.

Mehr Ärzte denn je sind in einem Zustand von Disstress

Ein früheres Editorial des BMJ7 räumt ebenfalls mit dem verklärten Bild auf, dass Ärzte die Nicht-Erfüllung von Grundbedürfnissen heroisch wegtolerieren können müssten. "Persönliche Resilienz war nie ausreichend – die Systeme müssen sich ändern", heißt es auch dort.

Disstress ist unter Ärzten so ubiquitär wie nie zuvor – und zwar unabhängig von Alter, Fachbereich, Geschlecht, Dienstalter oder Ethnizität.8 Psychische Erkrankungen, emotionale Erschöpfung und Ängste nehmen unter Gesundheitsdienstleistern zu.9
Die Ursachen sehen auch die Autoren dieses Editorials nicht beim Einzelnen, sondern im System, in dem jeder von ihnen arbeitet: Zeitmangel (insbesondere am Patienten), Verlust von Kontinuität, die Industrialisierung des Gesundheitswesens, die selbiges in ein Fließband verwandelt, wachsende Belastung durch administrative Aufgaben und die Erwartung, mit weniger Ressourcen mehr zu leisten. Ärzte sind zunehmend mit einer Kultur von Rechtsstreitigkeiten und Vorwürfen konfrontiert und tragen die volle Last der Verantwortung, obwohl sie Autonomie und Weisungsbefugnis eingebüßt haben. Sie fühlen sich schlecht, wenn sie Patienten nicht mit dem hohen Standard versorgen können, den sie verdient hätten. Hinzu kommen Einsparungen bei Annehmlichkeiten wie Bereitschafts- und Pausenräumen und Schichtsysteme, die die Unterstützung durch gleichaltrige und erfahrenere Kollegen aushebeln.7

Angesichts der Tatsache, dass Behandlungsfehler nach wie vor regelmäßig auftreten und die mentale Verfassung des Personals ein dringendes Anliegen ist, brauchen wir prinzipielle Änderungen, um das Wohlergehen von Mitarbeitern und Patienten zu verbessern.
Einfache Maßnahmen zur Optimierung könnten bereits einen bedeutenden Unterschied machen. Das BMJ hat hierzu auch eine Kampagne in den sozialen Medien gestartet. Unter dem Hashtag #giveusabreak können sowohl Positiv- als auch Negativ-Beispiele geteilt werden. Ärzte sollen die Möglichkeit haben, die Pausen zu nehmen, die sie brauchen – für ihr eigenes Wohlbefinden und für die Patientensicherheit.2

Referenzen:
1. Neujahrsvorsätze 2019: Deutsche wollen mehr Sport treiben. https://www.wr.de/panorama/neujahrsvorsaetze-2019-deutsche-wollen-mehr-sport-treiben-id216099287.html (2018).
2. Brennan, P. A., Oeppen, R., Knighton, J. & Davidson, M. Looking after ourselves at work: the importance of being hydrated and fed. BMJ 364, (2019).
3. Solomon, A. W. et al. Urine output on an intensive care unit: case-control study. BMJ 341, c6761 (2010).
4. Lindseth, P. D., Lindseth, G. N., Petros, T. V., Jensen, W. C. & Caspers, J. Effects of hydration on cognitive function of pilots. Mil Med 178, 792–798 (2013).
5. Burrows, T., Goldman, S., Pursey, K. & Lim, R. Is there an association between dietary intake and academic achievement: a systematic review. J Hum Nutr Diet 30, 117–140 (2017).
6. Winston, J., Johnson, C. & Wilson, S. Barriers to healthy eating by National Health Service (NHS) hospital doctors in the hospital setting: results of a cross-sectional survey. BMC Res Notes 1, 69 (2008).
7. Gerada, C., Chatfield, C., Rimmer, A. & Godlee, F. Making doctors better. BMJ 363, (2018).
8. Lemaire, J. B. & Wallace, J. E. Burnout among doctors. BMJ 358, j3360 (2017).
9. Khan, A., Teoh, K. R., Islam, S. & Hassard, J. Psychosocial work characteristics, burnout, psychological morbidity symptoms and early retirement intentions: a cross-sectional study of NHS consultants in the UK. BMJ Open 8, e018720 (2018).

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