Was können wir tun, um die MS-Inzidenz zu senken?

Etwa 15–20% der MS Neuerkrankungen wären potenziell vermeidbar, wenn wir nur Übergewicht im Kindesalter und Rauchen verhindern könnten.

Etwa 15–20% der MS‑Neuerkrankungen wären potenziell vermeidbar, wenn wir nur Übergewicht im Kindesalter und Rauchen verhindern könnten.

"Pathways to a Cure" heißt ein von der National MS Society organisiertes Programm, in dessen Rahmen Spezialisten für Betroffene über Fortschritte in der Forschung sprechen. Die Veranstaltungen werden live übertragen und Zuhörer haben die Möglichkeit, per Chat Fragen zu stellen oder die Videos zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal anzuschauen. Eine Registrierung ist über die NMSS-Webseite möglich. Die Pathways-Reihe 2020 fokussiert darauf, was Patienten mit MS selbst tun können, um ihre Gesundheit und Lebensqualität zu verbessern. Täglich anwendbare Empfehlungen zu Lebensstilfaktoren und körperlicher Aktivität spielen dabei eine große Rolle.

MS-Prävention bedeutet Aufklärung, Aufklärung und noch mehr Aufklärung

Beim letzten Pathways-Treffen im Januar 2020 in Washington DC ging es darum, welche modifizierbaren Risikofaktoren wir besser kontrollieren könnten, um MS präventiv anzugehen. Unter den eingeladenen Sprechern war einer der weltweit führenden MS‑Spezialisten, Prof. Gavin Giovannoni, PhD, von der Barts and The London School of Medicine and Dentistry, London. Er möchte dem Zucker den Kampf ansagen, denn ein wichtiger Risikofaktor für die Entwicklung einer MS ist Übergewicht im Kindes- und Jugendalter. Geschätzt 15–20% der MS‑Neuerkrankungen wären potenziell vermeidbar, wenn wir nur Adipositas bei Kindern und Rauchen verhindern könnten.1 

Ein Erklärungsansatz geht davon aus, dass Übergewicht das MS‑Risiko durch Interaktion mit Vitamin D beeinflusst – entweder über eine Senkung der Spiegel aufgrund des Vitamin D-Abbaus im Fettgewebe oder im Gefolge systemischer Inflammation, die mit Adipositas einhergeht.
Eine nächsten Monat in der offiziellen Zeitschrift der AAN erscheinende, genomische Studie spricht dafür, dass Übergewicht das MS‑Risiko auch direkt und unabhängig von den Vitamin D‑Spiegeln erhöht.1,2

MS‑Patienten sollten ihren Zuckerkonsum minimieren

Prof. Giovannoni führt aus, dass Übergewicht nicht nur ein Risikofaktor ist, der MS mitverursachen kann, er ist auch von kritischer Relevanz für diejenigen, die bereits an MS erkrankt sind. Adipogene Ernährungsweisen können einen metabolischen Dominoeffekt in Gang setzen, der sich indirekt auf die Erkrankung auswirkt.1 Das metabolische Syndrom (Hypertonus, Insulinresistenz, Glukoseintoleranz, Diabetes und Dyslipidämie) und das systemische inflammatorische Syndrom sind Folgen von Übergewicht, die eine MS verschlechtern.

Allgemeinmediziner Dr. Colin Bannon erinnert in diesem, über den Kanal der MS Society verfügbaren Vortrag daran, dass wir eigentlich nicht darauf ausgelegt sind, überhaupt zugesetzte Zucker zu uns zu nehmen. Und wir alle kennen die Statistiken: der durchschnittliche(!) Pro‑Kopf-Verbrauch an raffinierten Zuckern liegt bspw. in den USA bei 126 g/ Tag (Platz 1) und in Deutschland bei 103 g/ Tag (Platz 2).3 Letzteres entspräche 380 TL/ Woche. Einer von Dr. Bannons Patienten kam (über alle Lebensmittel zusammengerechnet) auf 600 TL/ Woche. Daher war es ihm ein Bedürfnis, in seiner eigenen Praxis ein kleines Projekt durchzuführen. Zunächst wog er 250 fortlaufende Patienten (ca. ein Viertel aller Patienten, die seine Praxis betreut) und stellte fest, dass drei Viertel von ihnen Übergewicht hatten. Dann überlegte er sich, welche Ernährungsempfehlung so kompakt wäre, dass er sie in der Dichte der normalen Sprechstunde unterbringen könnte und beschränkte sich auf drei simple Empfehlungen: Verzicht auf zusätzlichen Zucker in Tee oder Kaffee, Verzicht auf extrem zuckerhaltige Softdrinks wie Cola und Reduzierung von Süßigkeiten und Fertiggebäck auf Ausnahmen oder idealerweise kompletter Verzicht.
Diese simple Intervention brachte nicht nur diesen 250 Patienten, sondern auch ihm Freude und Motivation. Alle Patienten reduzierten ihr Gewicht (im Schnitt um 7%) und die Blutdruck- und Laborwerte etlicher Patienten normalisierten sich derart, dass er zum Teil Medikamente ausschleichen und Diagnosen wie Hypertonus oder Diabetes streichen konnte.

Er benennt noch einen weiteren Effekt: wer Nahrungsmittel mit zugesetzten Zuckern meidet (er nennt sie liebevoll "EFLS": Edible Food Like Products), isst automatisch mehr "echte" Nahrungsmittel, mit allen damit verbundenen Vorteilen.
Im umgekehrten Fall ist auch die Assoziation von raffinierten Zuckern zu Nährstoffmangelzuständen zu bedenken: in 0,7 l Limo sind etwa 50 g Zucker enthalten, meist kristalline Fruktose (die sich noch verheerender auf den Stoffwechsel auswirkt als normaler Haushaltszucker). Diese Menge kann der Leber bereits das ATP entziehen, welches diese benötigt, um Nährstoffe in für den Körper nutzbare Formen zu wandeln und den Organismus von Abfallmetaboliten zu entgiften. Ohne das nötige ATP kann die Leber also die (hoffentlich) im Essen enthaltenen Nährstoffe nicht verwerten und es kommt zur Auslaugung des Körpers von Vitaminen und Mineralstoffen. In Reaktion auf den Energiemangel steigert der Körper Hungersignale und stimuliert den Appetit zu noch größerer Kalorienaufnahme.4

Das Märchen von der Ernährungspyramide

Die Übergewichts-Pandemie begann mit der Einführung der Ernährungsempfehlungen der 1970er und 1980er. Hierzu sei auch auf die Dokumentation Foodlies verwiesen. Fette wurden damals als quasi alleinverantwortlich für kardiovaskuläre Erkrankungen hingestellt und basierend auf den unwissenschaftlichen Empfehlungen begann ein regelrechter "Low Fat"-Boom. Der oft fehlende Geschmack fettarmer Lebensmittel wurde durch billige Zucker ersetzt und mehr und mehr Einfachkohlenhydrate landeten auf unserem Speiseplan. Seither kämpfen wir mit dem explosiven Anstieg von Übergewicht und zahlreichen Krankheiten.
Das Problem hat sich inzwischen noch verschärft. Auf Druck der Zuckerindustrie wurde eine Quotenregelung, die den Zusatz von Isoglukose zu Lebensmitteln auf 5% beschränkte, zum Oktober 2017 abgeschafft, wie wir an anderer Stelle berichteten. Dies betrifft auch Nahrungsmittel, die wir gar nicht als zuckerhaltig wahrnehmen, wie Brot, Suppen oder Soßen (selbst bei einem Glas saure Gurken griff ich unlängst versehentlich solch eine Maissirup-"Bombe" und wunderte mich zu Hause über den fürchterlichen Geschmack). Die Deutsche Diabetes-Hilfe und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft warnte schon damals vor einer "Zuckerschwemme" und einer Zunahme von Übergewicht und Diabetes.5

Bereits vor dieser Gesetzesänderung nahm laut Daten der National Diet and Nutrition Survey ein durchschnittlicher 13‑Jähriger innerhalb von zwei Jahren sein eigenes Körpergewicht an Zucker zu sich, in schlecht gestellten Familien mehr. Ein durchschnittliches Dreijähriges brauchte dafür nur 12 Monate.6 Dr. Bannon meint: "Dies ist nicht mit guter Gesundheit kompatibel und stellt ein epidemiologisches Desaster dar."1

Referenzen:
1. Prof. G. Giovannoni. The war on sugar. Multiple Sclerosis Research Blog https://multiple-sclerosis-research.org/2020/01/the-war-on-sugar/ (2020).
2. Jacobs, B. M., Noyce, A. J., Giovannoni, G. & Dobson, R. BMI and low vitamin D are causal factors for multiple sclerosis: A Mendelian Randomization study. Neurol Neuroimmunol Neuroinflamm 7, (2020).
3. 45 Alarming Statistics on American’s Sugar Consumption and the Effects of Sugar on Americans’ Health - TheDiabetesCouncil.com. https://www.thediabetescouncil.com/45-alarming-statistics-on-americans-sugar-consumption-and-the-effects-of-sugar-on-americans-health/.
4. DiNicolantonio, J. J. & Berger, A. Added sugars drive nutrient and energy deficit in obesity: a new paradigm. Open Heart 3, (2016).
5. Isoglukose: Warum der Zuckersirup zum Problem werden könnte. https://www.aerztezeitung.de/news/news_ticker/article/945677/isoglukose-zuckersirup-problem-koennte.html.
6. Daily added sugar intake by age groups. https://ichef.bbci.co.uk/news/624/cpsprodpb/40ED/production/_88812661_2010623_daily_added_sugar_v4.gif.

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