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Chronische Müdigkeit bei Krebs – was kann zur Verbesserung der Lebensqualität getan werden?

Fatigue trägt bei vielen Patienten wesentlich zur Schwere ihres Krankheitsgefühles bei. Doch die gute Nachricht ist: verschiedene nicht-medikamentöse Verfahren können die Symptome verbessern. Was können wir unseren Patienten wirklich empfehlen und wie sieht die Studienlage aus?

Ein Blick in Patientenforen bestätigt: wenn es um den Umgang mit der Erkrankung geht, ist chronische Erschöpfung ein Thema, welches sehr viele Patienten beschäftigt. Beispielsweise unter www.krebs-infozentrum.de erhalten Sport, Ernährung und Fatigue in dieser Rubrik besonders viele Klicks. Die Patienten wollen Hintergründe wissen und herausfinden, was sie selbst dafür tun könnten, damit es ihnen wieder besser geht. Durch gute Beratung und einfach umsetzbare Techniken können wir ihnen ein Stück weit dazu verhelfen.

Fatigue ist mehr als chronische Erschöpfung

Normalerweise stellen Müdigkeit und Erschöpfung eine vorübergehende physiologische Schutzreaktion auf körperlichen oder mentalen Stress dar, die durch Schlaf und Erholung wieder nachlässt. Dies ist bei krankhafter Fatigue nicht der Fall, wie sie bei vielen Patienten mit fortgeschrittenen chronischen Erkrankungen auftritt – etwa bei Neoplasien, COPD, MS, HIV, Herzinsuffizienz und weiteren. Von tausend Patienten eines Palliativprogrammes gaben 84 % Fatigue, 66 % Schwäche und 61 % Energiemangel an.1 Die Folge ist ein massiver Verlust von Lebensqualität, Interessen und körperlicher Belastbarkeit.

Die Ursachen sind mannigfaltig. Für die primäre Fatigue spielen die aus den Tumorzellen freigesetzten Zytokine eine Rolle, bei der sekundären die krankheitsbedingten Folgeerscheinungen (Anämie, Kachexie, Infektionen, Schlafstörungen, Hypothyreodismus, Hypogonadismus, Nebennieren-Erschöpfung, Schmerzen) oder Nebenwirkungen der Therapien.2 Auch die psychische Belastung (Angst, Depression, Stress) ist als Auslöser nicht zu unterschätzen.

Wirksame Maßnahmen

Ein dem Allgemeinzustand des Patienten angepasstes körperliches Training (etwa 3‑5 Trainingseinheiten von 15‑30 Minuten pro Woche) ist empfehlenswert und sollte so früh wie möglich begonnen werden, da dies neben der Fatigue den Verlauf, die Lebensqualität und die Mortalität günstig beeinflussen kann und der Schwächung durch den Verlust von Muskelmasse vorbeugt. An dieser Stelle wollen wir es bei dem kurzen Hinweis belassen, da es bereits einen eigenen ausführlichen Beitrag zu dem Thema gibt.

Eine neuere, im Journal of the American Medical Association erschienene Auswertung von über einhundert randomisierten klinischen Studien ergab, dass körperliches Training und psychologische Interventionen bei Fatigue wirksamer sind als medikamentöse Therapien.3
Neben diesen beiden Behandlungsmodalitäten wurden in anderen Untersuchungen und größeren Reviews zusätzlich Entspannung/ Stressbewältigung, Yoga und Taichi besonders hervorgehoben.4

Weitere "Mind-Body"-Techniken wie Hypnose, Meditation, Qigong, Musik- und Kunsttherapien sind ebenfalls sehr gut geeignet und zeigen gleichzeitig für andere tumorassoziierte Symptome gute Wirkung, darunter Schmerzen, Ängste und Depressionen.5 Einige davon verbessern darüber hinaus auch "harte Zahlen" wie Biomarker, Stresshormone und Immunparameter, weswegen sie bspw. von der ASCO (American Society of Clinical Oncology) empfohlen werden (siehe zu den Empfehlungsgraden einzelner Verfahren unseren Beitrag über die SIO‑Leitlinien zur integrativen Therapie).
Viele davon können von den Patienten unter Anleitung oder komplett selbstständig durchgeführt werden, sind nebenwirkungsarm bzw. -frei und kostengünstig.

Überlappung mit anderen Symptomen

Zuweilen kann es schwierig sein, Ursache und Symptom klar auseinanderzuhalten. Tumorbedingte Müdigkeit wirkt sich oft stark auf das psychische Befinden aus, was sich in Lust- und Motivationslosigkeit, Affektlabilität (Traurigkeit oder Reizbarkeit), sozialer Isolation, Konzentrationsstörungen oder völliger psychischer Erschöpfung äußern kann. Eine Behandlung mit Antidepressiva ist bei dieser Ursache nicht wirksam.
Umgekehrt kann Müdigkeit aber auch Ausdruck einer Depression sein. Gezielte anamnestische Fragen können hier grundlegende Hinweise liefern ("Kannten Sie Episoden depressiver Stimmung schon vor Ihrer Tumorerkrankung?", „"Ging der Müdigkeit eine depressive Verstimmung voraus?" oder Fragen nach Tendenzen zur Selbstentwertung, Gedanken an den Tod).

Kondition erhalten, um Abwärtsspirale zu verhindern

Wichtig ist, den Patienten wenn möglich dabei zu unterstützen, trotz mangelnder Energiereserven und erhöhtem Ruhebedürfnis für sich das richtige Maß an Bewegung zu finden. Exzessive Anstrengung ist ebenso wenig die Antwort wie Inaktivität. Bei starker Erschöpfung und gedrückter Stimmung ist es verständlich, dass eine Tendenz besteht, gar nicht mehr allzu viel tun zu wollen. Krankhafte Erschöpfung wird aber nachweislich durch nur "Ausruhen" nicht besser. Tagelanges Nichtstun führt nicht dazu, dass man anschließend mehr Kraft gesammelt hat, im Gegenteil: die nicht genutzte Kondition baut sich ab und der Patient kann mit der Zeit immer weniger tun.

Referenzen:
1. Walsh, D., Donnelly, S. & Rybicki, L. The symptoms of advanced cancer: relationship to age, gender, and performance status in 1,000 patients. Support. Care Cancer Off. J. Multinatl. Assoc. Support. Care Cancer 8, 175–179 (2000).
2. Mücke, M. et al. Pharmacological treatments for fatigue associated with palliative care. Cochrane Database Syst. Rev. CD006788 (2015). doi:10.1002/14651858.CD006788.pub3
3. Mustian, K. M. et al. Comparison of Pharmaceutical, Psychological, and Exercise Treatments for Cancer-Related Fatigue: A Meta-analysis. JAMA Oncol. 3, 961–968 (2017).
4. Hilfiker, R. et al. Exercise and other non-pharmaceutical interventions for cancer-related fatigue in patients during or after cancer treatment: a systematic review incorporating an indirect-comparisons meta-analysis. Br. J. Sports Med. 52, 651–658 (2018).
5. Carlson, L. E. et al. Mind-Body Therapies in Cancer: What Is the Latest Evidence? Curr. Oncol. Rep. 19, 67 (2017).