ESMO-Kongress: Wie die Krise Onkologie (und Onkologen) beeinträchtigt

Anlässlich des virtuellen ESMO-Kongresses präsentierte Daten unterstreichen, dass die Coronakrise die Versorgung von Krebspatienten ins Stocken gebracht hat. Neue Studien zeigen zudem eine Zunahme von Burnout und Depression bei Onkologen.

Anlässlich des virtuellen ESMO-Kongresses präsentierte Daten unterstreichen, dass die Coronakrise die Versorgung von Krebspatienten ins Stocken gebracht hat. Neue Studien zeigen zudem eine Zunahme von Burnout und Depression bei Onkologen.

Auch der Kongress der European Society for Medical Oncology (ESMO) fand in diesem Jahr virtuell statt. Am Datum der ursprünglich geplanten Präsenzveranstaltung in Madrid (19.–21. September) findet ein 'Science Weekend' und vom 16.–18. Oktober ein 'Education Weekend' statt, für welches sich ESMO­‑Mitglieder kostenfrei registrieren können.

Verzögerungen in der Diagnostik und Verschiebungen oder Ausfälle von Therapien und weitere Corona-Maßnahmen haben erhebliche Arbeitsrückstände in der onkologischen Versorgung und Forschung generiert, resümieren Experten anlässlich des Kongresses.1

Unterversorgung und Arbeitsrückstau als Hauptsorgen

Zwei zu Beginn der virtuellen Konferenz präsentierte Studien (die zusätzlich in der Fachzeitschrift Annals of Oncology erscheinen werden) machen dies anhand von Zahlen aus der ganzen Welt greifbar.
An einer zwischen Mitte Juni und Mitte Juli durchgeführten Erhebung nahmen über einhundert Stellvertreter der Onkologie aus 18 Ländern teil (62,4% akademische Krankenhäuser).2 Dieser zufolge waren die von Streichung oder Aufschub am meisten betroffenen Therapiemodalitäten chirurgische Eingriffe (44,1%) und Chemotherapien (25,7%). In 32,1% der Zentren kam es zu früherer Beendigung palliativer Therapien und knapp zwei Drittel (64,2%) äußerten Untertherapie als eine wesentliche Sorge. Mehr als die Hälfte der Befragten (60,9%) gab eine reduzierte klinische Aktivität an.

Wie sieht es mit der digitalen Vernetzung aus? Auf dem Höhepunkt der Krise wurde häufig auf Telekonsultationen zurückgegriffen: für 94,5% der Nachuntersuchungen, 92,7% der oralen Therapien, aber auch für Patienten unter Immuntherapie (57,8%) oder Chemotherapie (57,8%). Auch virtuelle Tumorkonferenzen und Team-Besprechungen kamen häufiger zum Einsatz.
Etwa jeder zweite Umfrageteilnehmer (45%) empfand virtuelle Kongresse nicht als akzeptable Alternative zu "live"-haftigen internationalen Treffen. Diese Resonanz hatten wir auch schon vom ASCO gehört.
Knapp jeder Fünfte (18%) ging davon aus, dass sich sein Wohlbefinden bis zum Jahresende nicht auf das frühere Niveau erholt haben wird.

Corona-Maßnahmen gehen auch für die Onkologie mit beispiellosen Belastungen einher

Studienautor Dr. Guy Jerusalem fasst zusammen: "COVID-19 hatte einen erheblichen Einfluss auf die Organisation der Patientenversorgung, das Wohlbefinden des medizinischen Personals und auf klinische Studienaktivitäten. Es besteht das Risiko, dass Diagnosen neuer Krebsfälle verzögert werden und dass mehr Patienten in fortgeschritteneren Stadien ihrer Erkrankung diagnostiziert werden."1

Eine weitere Studie sammelte im April und Mai Daten aus 356 Krebszentren in 54 Ländern.3 Die überwiegende Mehrheit (88%) berichtete von Schwierigkeiten in der Versorgung von Patienten. Die Hälfte (55,3%) hatte ihre Versorgungsleistungen vorsorglich heruntergefahren, andere wurden von den Umständen dazu gezwungen (20%).
Knapp die Hälfte der Zentren gab an, dass mehr als 10% ihrer Patienten einen oder mehr Therapiezyklen verpasst hatten. Einige Zentren schätzten, dass bis zu 80% ihrer Patienten durch die Auswirkungen der Krise geschädigt wurden: 36,5% der Zentren berichteten, dass Patienten durch Unterbrechung krebsspezifischer Versorgung gefährdet wurden und 39% gaben an, dass Patienten durch eine Verknappung der Versorgung für nicht onkologische Begleiterkrankungen Schaden erlitten.

Pressesprecher Dr. Stefan Zimmermann merkte in der Eröffnungspressekonferenz an, dass es darüber hinaus weitere Faktoren gäbe, die für starke Belastungen des Gesundheitssystems sorgten. Die Krise habe die Schwachstellen des Systems in der Organisation und Ressourcenverteilung verdeutlicht.

Krise hat nicht nur Folgen für onkologische Patienten, sondern auch für das Personal

Die ESMO Resilience Task Force hat zudem zwei Erhebungen unter Fachkräften durchgeführt – die bislang größten mit Covid‑19 in Zusammenhang stehenden bei onkologischem Personal.4
Eine erste Umfrage im April/ Mai, an der 1.520 Teilnehmer aus 101 Ländern teilnahmen, zeigte, dass sich mehr als ein Drittel (38%) ausgebrannt fühlten und 25% waren in Gefahr, unter Disstress zu geraten. Nicht nur das Wohlbefinden, auch die Leistungsfähigkeit im Beruf nahm ab. So fühlte sich die Mehrheit (66%) nicht in der Lage, ihren Aufgaben so gut wie vor der Pandemie gerecht zu werden.

Eine Follow-Up-Erhebung im Juli/ August ergab zwar – im Sinne einer Anpassung an die neue Situation – eine Erholung der selbst eingeschätzten Arbeitsleistung, doch alarmierenderweise hatten sich Wohlbefinden und Burnout-Raten weiter verschlechtert. Eine Erhöhung der Arbeitszeiten und reduzierte Resilienz stellten sich als primär mit Disstress und Burnout assoziierte Faktoren dar, aber auch Sorgen um das Wohlbefinden und Beunruhigung hinsichtlich Weiterbildung und beruflicher Laufbahn spielten eine Rolle.
"Dringende Maßnahmen zur Verbesserung des Wohlbefindens und zur Verbesserung der Widerstandsfähigkeit sind unerlässlich", schließen die Studienautoren.

Referenzen:
1. ESMO. COVID-19 Pandemic Halts Cancer Care and Damages Oncologists’ Wellbeing [ESMO Press Release]. https://www.esmo.org/newsroom/press-office/esmo2020-covid-pandemic-halts-cancer-care-oncologist-wellbeing.
2. Guy Jerusalem. Expected medium and long term impact of the COVID-19 outbreak in oncology. Annals of Oncology (2020) 31 (suppl_4): S1142-S1215. 10.1016/annonc/annonc325. https://oncologypro.esmo.org/meeting-resources/esmo-virtual-congress-2020/expected-medium-and-long-term-impact-of-the-covid-19-outbreak-in-oncology.
3. Global Study Estimates Widespread Impact of COVID-19 on Cancer Care and Potential Harm to Patients. OncLive https://www.onclive.com/view/global-study-estimates-widespread-impact-of-covid-19-on-cancer-care-and-potential-harm-to.
4. The impact of COVID-19 on oncology professionals: Initial results of the ESMO resilience task force survey collaboration. Annals of Oncology (2020) 31 (suppl_4): S1142-S1215. 10.1016/annonc/annonc325. https://oncologypro.esmo.org/meeting-resources/esmo-virtual-congress-2020/the-impact-of-covid-19-on-oncology-professionals-initial-results-of-the-esmo-resilience-task-force-survey-collaboration.

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