Immuntherapie 2.0 – rasante Entwicklungen und neue Trends in der Krebsmedizin

Jedes Jahr benennt die American Society of Clinical Oncology den in ihren Augen größten onkologisch relevanten Fortschritt der vergangenen 12 Monate in Form eines prägnanten Titels oder Schlagwortes. Dieser "advance of the year" fasst entsprechend auch den Schwerpunkt des ASCO-Kongresses zusammen und ist wegweisend für künftige Forschungen.

Jedes Jahr benennt die American Society of Clinical Oncology den in ihren Augen größten onkologisch relevanten Fortschritt der vergangenen 12 Monate in Form eines prägnanten Titels oder Schlagwortes. Dieser "advance of the year" fasst entsprechend auch den Schwerpunkt des ASCO-Kongresses zusammen und ist wegweisend für künftige Forschungen.

Das zweite Mal in Folge betraf diese Ernennung nun die Immuntherapie als Ganzes. Während 2016 noch allgemein von "Immuntherapie bei Krebs" die Rede war, betonte der diesjährige Begriff "Immuntherapie 2.0" explizit die rapide Neu- und Weiterentwicklung auf diesem Gebiet.

Vor 10 Jahren noch Theorie, jetzt medizinischer Standard

Das Rad dreht sich in der onkologischen Wissenschaft im Moment so schnell, dass man leicht den Überblick verlieren kann. Wo in der Krebsmedizin jahrzehntelang die mehr oder minder effektiven, bewährten Säulen aus OP, Chemo- und Strahlentherapie dominierten, setzen sich nun in fast allen Entitäten neue Standards durch.

Doch welches sind aktuell die zentralen Entwicklungen in der Onkologie?

Nachfolgend ein ganz kurzer Abriss der in diesem Fachbereich zurzeit wohl wichtigsten Stichwörter und Schwerpunkte:

Früher, gezielter und individueller

Bisher wurden Immuntherapien primär für austherapierte Patienten mit fortgeschrittenen und/ oder metastasierten Krebsstadien zugelassen. Nach der in der EU erstmaligen Zulassung des Checkpoint-Inhibitors Pembrolizumab zur Erstlinien-Behandlung des nichtkleinzelligen Lungenkarzinoms deutet vieles darauf hin, dass ausgewiesene Immuntherapeutika bald auch bei anderen Entitäten bereits für den Therapieeinstieg genutzt werden dürfen. "First-line statt Reservemittel" wird die Devise hier wohl künftig  immer öfter lauten.

Auch in puncto Biomarker tut sich was: Nicht nur aus Kostengründen wäre es ideal, wenn man im Vorfeld einer Immunbehandlung ermitteln könnte, welche Patienten profitieren und welche, ohne erkennbaren Nutzen lediglich potentielle Nebenwirkungen ertragen müssten. Der ASCO 2017 präsentierte hier eine ganze Reihe von Ansätzen in Ermittlung neuer prognostischer Tumormarker. Nur beispielhaft wären hier zu nennen: Micro-RNAs im Speichel, zirkulierende Tumor-DNA, (1) Keimbahnmutationen oder die Zusammensetzung des Mikrobioms, wie die Besiedelung der Darmflora mit spezifischen Bakterien..

Erweiterte Spektren, wohin man schaut

Nachdem die Checkpoint-Inhibitoren jahrelang im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses standen, gab es bei den zielgerichteten molekularbiologischen Therapien zwischenzeitlich weitere vielversprechende und klinisch relevante Ansätze – so z. B. in Form der Adenosin-Rezeptor-2A (A2AR)-vermittelten Immunsuppression, der Signalblockade des Apoptose verhindernden Moleküls CD27 oder der Produktion innovativer Antikörper gegen das Lymphozyten-Aktivierungsgen 3 (LAG3). Alles in allem Möglichkeiten, noch mehr Patienten mit verschiedenartigen Krebsdiagnosen zu erreichen.

Therapeutika der nächsten Generation in den Startlöchern

Stichwort monoklonale Antikörper: Neben den effektiven traditionellen stehen aktuell auch neuere, quasi maßgeschneiderte Antikörper im Zentrum des Interesses. Ein Beispiel sind Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADC), welche Tumorzellen dazu veranlassen, ein ihnen angebotenes und letztlich den Zelltod provozierendes Zytotoxin zu internalisieren. Ein anderes Beispiel sind hier die bispezifischen oder auch Hybrid-Antikörper, die Krebszellen an Immunzellen ankoppeln und somit deren Zerstörung induzieren. Durch diese sehr spezifische und gezielte Elimination verringern sich zudem die oft belastenden systemischen Nebenwirkungen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Und auch die experimentelle CAR-T-Zell-Therapie, bei der ein synthetischer chimärischer Antigen-Rezeptor die T-Zellen zu einer zielsicheren Krebsbekämpfung animiert, wird sich voraussichtlich bald über die bisherigen hämatoonkologischen Indikationen hinausbewegen. Grund dafür ist die zunehmend erfolgreiche Zuhilfenahme weiterer Tumor-spezifischer Proteine wie des B-Zell-Reifungs-Antigens (BCMA) oder des, in vielen besonders aggressiven Malignomen exprimierten Mesothelins. Bei der CAR-T-Zell-Therapie scheint sich die intensive Forschungsarbeit der letzten zwei Dekaden seit einigen Jahren in besonderem Maße auszuzahlen und Früchte zu tragen.

Kombinationen sind die Zukunft

Mit Sicherheit wird ebenso das Thema onkolytische Viren und Vakzinierungen weiterhin ein heißes Thema bleiben, nachdem der antikanzeröse Effekt insbesondere von Herpes- und Coxsackieviren auf solide Tumoren bestätigt wurde und Studien mit diversen viralen Vektoren – auch in Kombinationen beispielsweise mit Checkpoint-Inhibitoren – mit Interesse verfolgt werden.

Apropos Kombination – auch das ist ein klarer Trend der modernen Krebsforschung. Um die Wirkung zu verbessern und ggf. sogar nicht-responsive Tumore doch noch "zugänglich" zu machen, setzen Wissenschaftler in der Immuntherapie derzeit stark auf Kombi- statt Monotherapien.

Momentan sind die Pipelines der forschenden Pharmaunternehmen mit mehreren hundert Kombinations-Studien maximal gefüllt und viele der Ergebnisse werden von Medizinern international mit großer Spannung erwartet. Aber auch von den Verknüpfungen mit konventionellen Maßnahmen wie der Chirurgie oder Strahlenmedizin verspricht man sich weitere positive Effekte.

Immuntherapie – here to stay

Fazit: Mit Blick auf die vielfältigen wissenschaftlichen Pfade und die teilweise ausgesprochen reifen Studien kann man davon ausgehen, dass die Immuntherapie die Fachwelt weiterhin nachhaltig beschäftigen wird. Und man könnte fast wetten, dass das Komitee der weltweit größten Krebsgesellschaft bei der Benennung des "Fortschritts des Jahres" sich auch 2018 thematisch nicht völlig umorientieren muss bzw. wird.

Gut möglich aber, dass einer oder mehrere der neuen Wirkstoffe einen weitreichenden Durchbruch erzielt und man den Progress dann noch stärker konkretisieren kann. Ein Jahr ist bei diesem wissenschaftlichen Tempo gerade eine sehr lange Zeit...

Quelle:
(1) Clinical Cancer Advances 2017: ASCO`s Annual Report on Progress Against Cancer, published in the Journal of Clinical Oncology (J Clin Oncol 2017; doi: 10.1200/JCO.2016.71.5292).