In der medizinischen Ausbildung muss sich etwas ändern, wenn wir nichtübertragbare Krankheiten an der Ursache anpacken wollen

Lebensstilfaktoren und soziale Determinanten für Gesundheit müssen Einzug in die Curricula halten, argumentiert ein sehr guter aktueller Artikel im 'British Medical Journal', den wir auch für Deutschland 1:1 unterschreiben können.1

Lebensstilfaktoren und soziale Determinanten für Gesundheit müssen Einzug in die Curricula halten, argumentiert ein sehr guter aktueller Artikel im 'British Medical Journal', den wir auch für Deutschland 1:1 unterschreiben können.1

Nichtübertragbare Krankheiten (NCDs) sind in armen und reichen Ländern gleichermaßen auf dem Vormarsch. Die vier Hauptgruppen von NCDs (kardiovaskuläre Erkrankungen, Krebs, Diabetes und chronische respiratorische Erkrankungen) sind laut WHO jährlich für 41 Mio. Todesfälle verantwortlich, das entspricht 71% aller Todesfälle weltweit.2

Nichtübertragbare Krankheiten sind vermeidbar

Wir wissen, wie viel präventives Potential in der Modifikation von Risikofaktoren steckt, wie u. a. schlechter Ernährung, Nikotin- und Alkoholabusus und Bewegungsmangel. Doch diese und bestimmende soziale Faktoren erhalten noch immer nicht genügend Aufmerksamkeit. Zahlreiche soziale Determinanten, wie schlechte frühe Lebenserfahrungen, Bildung, Einkommen, Arbeitsleben und Umweltbedingungen wirken sich nachteilig auf Gesundheit und Lebenserwartung aus und tragen somit zum Anstieg von NCDs weltweit bei.1,3

Die Autoren eines im Mai 2019 erschienenen Beitrages im BMJ1 sprechen sich dafür aus, dass sichergestellt werden muss, dass die Ausbildung von Medizinern dem besser gerecht wird.
Die weit verbreitete Herangehensweise an die medizinische Ausbildung hat einen Fokus auf Krankheiten und ein schmales Verständnis für Kontextfaktoren. Traditionelle Curricula sind nicht dazu angelegt, den Zusammenhang zwischen Lebensbedingungen und Krankheiten aufzuzeigen und die Therapien stehen oft mehr im Vordergrund als präventive Strategien.

Um Qualität und Effektivität zu verbessern, müssten Mediziner dazu ausgebildet werden, soziale Determinanten der Gesundheit in ihre klinische Praxis zu integrieren. Hierfür müsste eine fundierte biomedizinische Bildung mit einem Ansatz kombiniert werden, der kritisches Denken, Teamwork und vor allem vernetztes und professionsübergreifendes Arbeiten bewillkommnet und fördert.

Nicht nur das Curriculum der Ärzte, auch das der Patienten muss sich ändern

Aber das Gesagte gilt natürlich nicht nur für die späteren "Leistungserbringer" des Gesundheitssystems, sondern in gleichem Maße für die Patienten. Auch hier müsste noch viel mehr Aufklärung dahingehend geschehen, dass jeder selbst mit seiner Lebensführung die wichtigste Säule des Gesundheitssystems ist. Bereits in die Lehrpläne der Schulen müsste dies.
Zwar scheint es mehr und mehr ins Bewusstsein zu rücken, dass kein Arzt, kein Medikament und keine OP wirklich wieder gutmachen kann, was jemand tagtäglich über lange Zeit tut (oder im Fall von Bewegung und gesunder Ernährung: unterlässt). Doch noch immer begegnet uns die Vollkasko-Mentalität: "Machen Sie was, Sie sind doch der Arzt!".
Selbst wenn der Leidensdruck erheblich ist, scheinen sich Viele auf eine Lösung von außen zu verlassen – lieber lassen sie passiv eine Therapie oder OP über sich ergehen, schlucken Tabletten etc., als womöglich selbst etwas tun zu müssen. Manchmal entstand aber bei mir der Eindruck, dass es beileibe nicht bei allen der blanke Unwillen ist, selbst Verantwortung zu übernehmen, sondern auch eine ehrliche Wissenslücke – als hätten die Betroffenen die Überzeugung anerzogen bekommen, dass sie selbst ohnmächtig sind, kaum oder keinen Einfluss auf ihre Liste von Diagnosen haben, nichts tun können und (nur) der Arzt es retten könne.

Gelernte Hilflosigkeit oder mangelnde Aufklärung bei den Patienten?

Und bei den modifizierbaren Risikofaktoren, die in der Bevölkerung allgemein als solche anerkannt sind, wird die Tragweite oft einfach um Größenordnungen unterschätzt. Ich würde wetten, wenn man 100 zufällig ausgewählte Leute auf der Straße ansprechen würde, dass keiner oder nur wenige das Gewicht vermeidbarer Risikofaktoren korrekt einschätzen würden. Eine britische Studie kam zu dem Schluss, dass insgesamt 38% der Neoplasien modifizierbaren Risikofaktoren geschuldet sind – das entspricht allein in Großbritannien 2.500 Krebsfällen pro Woche oder 135.500 Fällen pro Jahr, die potentiell verhindert werden könnten.4,5
Beispielsweise wird jeder Patient wissen, dass Übergewicht nicht gut ist, aber gleichzeitig wird die Tragweite oft bagatellisiert, dabei ergab eine amerikanische Untersuchung bereits vor Jahren, dass zu hohes Körpergewicht bei Erwachsenen über 30 Jahren für 60% der Endometrium-Karzinome, 36% der Gallenblasen-Karzinome, 33% der Nierenkarzinome, 17% der Pankreaskarzinome und 11% der Multiplen Myelome verantwortlich sein könnte.6

Zu guter Letzt wäre auch eine Unterstützung von Arbeitgebern (z. B. Sportangebote, frisch gekochtes Personalessen und geregelte Pausenzeiten) und Politik nötig, um eine wirklich flächendeckende Änderung umzusetzen. Bekanntermaßen gesundheitsschädliche Entscheidungen müssten den Leuten schwergemacht werden. Zum Beispiel müsste ein ungesunder Softdrink um das Mehrfache teurer sein als Wasser. Ich musste neulich an einem Automaten am Flughafen feststellen, dass selbst alle Süßigkeiten und Riegel billiger gewesen wären als eine Flasche Wasser. Oder wenn der Gesetzgeber nicht unterbindet, dass überall (teils auf Kinder abzielende) Werbung für gesundheitsschädliche Produkte erscheint, wie soll das System in Zukunft die Behandlung all dieser diabetischen, übergewichtigen, krebs- und gefäßkranken Patienten leisten?

Referenzen:
1. Medical education must change if we are to tackle the causes of non-communicable diseases. The BMJ (2019). Available at: https://blogs.bmj.com/bmj/2019/05/19/medical-education-must-change-if-we-are-to-tackle-the-causes-of-non-communicable-diseases/. (Accessed: 9th June 2019)
2. Non communicable diseases. Available at: https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/noncommunicable-diseases. (Accessed: 9th June 2019)
3. Donkin, A., Goldblatt, P., Allen, J., Nathanson, V. & Marmot, M. Global action on the social determinants of health. BMJ Glob Health 3, e000603 (2018).
4. Brown, K. F. et al. The fraction of cancer attributable to modifiable risk factors in England, Wales, Scotland, Northern Ireland, and the United Kingdom in 2015. British Journal of Cancer 118, 1130–1141 (2018).
5. More than 2,500 cancer cases a week could be avoided. ScienceDaily Available at: https://www.sciencedaily.com/releases/2018/03/180323091000.htm. (Accessed: 11th May 2018)
6. Islami, F. et al. Proportion and number of cancer cases and deaths attributable to potentially modifiable risk factors in the United States. CA Cancer J Clin 68, 31–54 (2018).

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