Lichtexposition, Schlafentzug und Schilddrüsenkrebs

Eine große Studie aus den USA bringt eine Exposition gegenüber nächtlichem Licht mit erhöhtem Schilddrüsenkrebsrisiko in Verbindung.

Eine große Studie aus den USA bringt eine Exposition gegenüber nächtlichem Licht mit erhöhtem Schilddrüsenkrebsrisiko in Verbindung.

Schilddrüsenkrebs ist die häufigste Neoplasie des endokrinen Systems und die Inzidenz ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich angestiegen.1 Insulinresistenz scheint einer der wichtigsten modifizierbaren Risikofaktoren zu sein, aber auch Umweltfaktoren, wie Störungen der zirkadianen Uhr, finden zunehmend Aufmerksamkeit.

Lichteinwirkung in Zeiten, in denen die innere Uhr eigentlich Dunkelheit erwartet, resultiert in Vorverlagerungen oder Verzögerungen des zirkadianen Rhythmus, die als Phasenverschiebungen bekannt sind. Typischerweise verursacht Lichtexposition am frühen Morgen eine Phasenvorverlagerung, die zu einem früheren Aufwachen führt. Lichtexposition zur Schlafenszeit führt zu einer Phasenverzögerung, also späterem Erwachen.2

Biologischer Zusammenhang zwischen Störungen der zirkadianen Uhr und der Entwicklung von Schilddrüsenkrebs

Nächtliches Licht hemmt die Melatonin-Freisetzung und kann den zirkadianen Rhythmus stören, was ein Risikofaktor für Krebs sein könnte. So haben neuere Studien eine hohe Exposition gegenüber Licht in der Nacht mit einem erhöhten Brustkrebsrisiko in Verbindung gebracht.3

In Anbetracht der Tatsache, dass für Brust- und Schilddrüsenkrebs eine gemeinsame hormonabhängige Ätiologie vermutet wird und dass zirkadiane Rhythmen eine Rolle bei der Regulierung der Schilddrüsenfunktion spielen, untersuchten Autoren der Universität Texas die Assoziation zwischen der Exposition gegenüber nächtlichem Kunstlicht und dem späteren Auftreten von Schilddrüsenkrebs anhand von Daten aus der amerikanischen 'NIH-AARP (National Institutes of Health–American Association of Retired Persons) Diet and Health Study'.4

"Menschen, die in Regionen leben, in denen nachts viel künstliches Licht im Freien vorhanden ist, haben möglicherweise ein höheres Risiko, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken"

Unter 464.371 Teilnehmern zwischen 50 und 71 Jahren, die durchschnittlich 12,8 Jahre lang nachbeobachtet wurden, traten 856 neue Fälle von Schilddrüsenkrebs auf (384 bei Männern, 472 bei Frauen). Im Vergleich zum niedrigsten Quintil der nächtlichen Lichtexposition war das höchste Quintil mit einem um 55% höheren Risiko verbunden, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken (HR 1,55; 95% Konfidenzintervall 1,18‐2,02).

Der Zusammenhang bestand vor allem für die häufigste Form von Schilddrüsenkrebs, dem papillären Schilddrüsenkarzinom, und war bei Frauen stärker als bei Männern.
Bei Frauen war die Assoziation stärker für lokalisierten Krebs ohne Metastasierung, während bei Männern die Assoziation bei fortgeschritteneren Krebsstadien stärker war. Die Ergebnisse waren über verschiedene Tumorgrößen und bei Teilnehmern mit unterschiedlichen soziodemographischen Merkmalen und Body-Mass-Index konsistent.

Zur Abschätzung der Lichtexposition an den Wohnsitzen der Teilnehmer wurden Satellitendaten herangezogen, wie bei der Vorarbeit zum Brustkrebs auch. Andere Faktoren, die zum Schilddrüsenkrebsrisiko beitragen könnten, fanden ebenfalls Berücksichtigung (Registerdaten zu soziodemographischen, Lebensstil- und anderen Umweltfaktoren).5
Die Studie ist eine Beobachtungsstudie und beweist daher keine Kausalität, aber die Ergebnisse legen nahe, dass weitere Forschung unbedingt nötig wäre.

Zusammenhänge besser beleuchten

Eine Erklärung für die Verknüpfung von zirkadianen Störungen und Schilddrüsenkrebs könnte im Hervorrufen einer Insulinresistenz liegen. In der Zeitschrift Cancers schrieben italienische Wissenschaftler: "Störungen des internen Zeitsteuerungssystems – verursacht durch zirkadiane Verschiebungen, wie Schichtarbeit, chronisches Jetlag, unpassende Essenszeiten und abnormale Schlafmuster – könnten für Insulinresistenz, Diabetes mellitus Typ 2, Übergewicht, metabolisches Syndrom, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und verschiedene Arten von Krebs, einschließlich Schilddrüsenkrebs, mitverantwortlich sein."1,2

Nächtliche Lichtexposition kann außerdem Schlafprobleme verursachen und chronischer Schlafentzug stört die rhythmische Sekretion des schilddrüsenstimulierenden Hormons TSH, was mit einem erhöhten Risiko für Schilddrüsenkrebs einhergeht.6 Hyperthyreotropinämie, ein bekannter Risikofaktor für Schilddrüsenkrebs, ist sowohl mit Schlafstörungen als auch mit Insulinresistenz assoziiert. So wiesen Frauen, die an Insomnie litten, ein 44 % höheres Risiko für Schilddrüsenkrebs auf.6

Störungen des zirkadianen Systems können noch über weitere Mechanismen zu Schilddrüsenstörungen beitragen. Hierzu gehören eine Beeinträchtigung der Hypothalamus-Hypophysen-Schilddrüsen-Achse (HPT) sowie Modifikationen in Genen, die den Zellzyklus, die Apoptose, DNA-Schäden, Inflammation und die Immunfunktion kontrollieren.

Starke Veränderungen in der Expression verschiedener "Uhr"-Gene – darunter PER2-3, CRYs, BMAL1, REV-ERBs und RORs – wurden auch bei der Veränderung von Schilddrüsenknoten zu Krebs gefunden und wurden sogar als Biomarker für Schilddrüsenknoten vorgeschlagen, da sie möglicherweise prädiktiv für Schilddrüsenkrebs sein könnten.1,2

Nachts Licht meiden, tagsüber dafür sorgen, dass man Licht bekommt

Es ist wahrscheinlich, dass durch nächtliche Lichtexposition hervorgerufene Schlafstörungen über mehrere Mechanismen zur Krebsentstehung beitragen, einschließlich einer Unterdrückung der Immunfunktion durch Störung der zirkadianen Rhythmen, einer verminderten Melatoninproduktion und Förderung von Inflammation.6 Für die Krebsanfälligkeit aller wichtigen Organsysteme ist in epidemiologischen Studien eine Verbindung zu Störungen des zirkadianen Systems beschrieben.7

Etliche Autoren empfehlen daher – auch im Hinblick auf guten Schlaf und metabolische Gesundheit – künstliches und insbesondere blaues Licht (von hintergrundbeleuchteten Bildschirmen) in der Stunde unmittelbar vor dem Zubettgehen zu meiden, Lichtquellen aus dem Schlafzimmer zu entfernen, Lichtverschmutzung durch Verdunkelungsrollos abzublocken und in Zimmern, in denen man sich gerade abends viel aufhält, auf LED-Lampen (die in Verdacht stehen, die Melatonin-Produktion besonders effizient zu unterdrücken) zu verzichten. Auch das Gegenstück sollte nicht vergessen werden: tagsüber dafür sorgen, dass man Tageslicht bekommt, am besten gleich morgens, damit sich die innere Uhr "resetten" kann.2

Referenzen:
1. Malaguarnera, R. et al. Thyroid Cancer and Circadian Clock Disruption. Cancers (Basel) 12, (2020).
2. Light Exposure at Night Can Destroy Your Thyroid. Mercola.com http://articles.mercola.com/sites/articles/archive/2021/02/24/light-exposure-at-night-can-destroy-your-thyroid.aspx.
3. Xiao, Q. et al. Outdoor light at night and postmenopausal breast cancer risk in the NIH-AARP diet and health study. International Journal of Cancer 147, 2363–2372 (2020).
4. Zhang, D., Jones, R. R., James, P., Kitahara, C. M. & Xiao, Q. Associations between artificial light at night and risk for thyroid cancer: A large US cohort study. Cancer DOI: 10.1002/cncr.33392, (2021).
5. Study links exposure to nighttime artificial lights with elevated thyroid cancer risk. https://medicalxpress.com/news/2021-02-links-exposure-nighttime-artificial-elevated.html.
6. Luo, J., Sands, M., Wactawski-Wende, J., Song, Y. & Margolis, K. L. Sleep Disturbance and Incidence of Thyroid Cancer in Postmenopausal Women The Women’s Health Initiative. Am J Epidemiol 177, 42–49 (2013).
7. Rijo-Ferreira, F. & Takahashi, J. S. Genomics of circadian rhythms in health and disease. Genome Medicine 11, 82 (2019).

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