Steigende Raten kolorektaler Karzinome bei jungen Erwachsenen

Schlechte Ernährung, Übergewicht, körperliche Inaktivität und das Darm-Mikrobiom verändernde Substanzen drohen, den insgesamt abnehmenden Trend aufzuhalten oder gar umzukehren.

Schlechte Ernährung, Übergewicht, körperliche Inaktivität und durch das Darm-Mikrobiom verändernde Substanzen drohen, den insgesamt abnehmenden Trend aufzuhalten oder gar umzukehren.

Studien in Ländern mit hohem Einkommen zeigen (mit Ausnahme von Skandinavien) insgesamt einen Rückgang kolorektaler Karzinome (KRK). Doch bei jungen Erwachsenen findet sich der umgekehrte Trend – in fast allen Ländern wurden bereits seit 2003 zunehmende KRK­‑Raten bei unter 50‑Jährigen bemerkt, aber erst in letzter Zeit erhielt dies mehr Aufmerksamkeit. Ein wenige Tage junges, gutes Editorial im British Medical Journal1 sucht nach den Ursachen für diese Veränderung.

Anstiege in sukzessive jüngeren Kohorten zunehmend steiler

Eine aktuelle Studie wertete Daten von 144 Mio. Menschen aus 20 europäischen Ländern aus, von denen 188 Tsd. ein KRK entwickelten. Im Durchschnitt nahm die KRK‑Inzidenz von 2004 bis 2016 bei 20- bis 29‑Jährigen um 7,9% pro Jahr zu, bei 30- bis 39‑Jährigen um 4,9% und bei 40- bis 49‑Jährigen um 1,6%.2 Der Anstieg begann am frühesten bei 20- bis 29‑Jährigen und 10-20 Jahre folgten die nächsthöheren Alterskohorten.

Nicht nur wachsen die KRK‑Raten in dieser Alterssparte; bei Erstdiagnose werden auch mehr fortgeschrittene Stadien angetroffen, was auf einen tatsächlichen Anstieg der Entstehung invasiver Karzinome in jüngerem Alter hindeutet.1

Mögliche Ursachen – fast alle modifizierbar

Nun wird manchem Leser vielleicht der Gedanke kommen, dass jüngere KRK‑Patienten häufiger hereditäre Störungen aufweisen. Doch obwohl diese Patienten deutlich anfälliger gegenüber Umwelteinflüssen sind, können sie höchstens einen kleinen Teil der Verschiebung des gesamten Musters erklären.

Was wir hier wahrscheinlich sehen, sind Veränderungen von Konsumgewohnheiten und Aktivität, die die KRK‑Häufigkeit in aufeinanderfolgenden Geburtsjahrgängen europäisch-stämmiger Populationen in die Höhe treiben.
Risikofaktoren, die in zahlreichen Studien (zum Teil spezifisch) mit dem Auftreten des KRK in Zusammenhang stehen, sind der Konsum von rotem und verarbeitetem Fleisch, Alkohol, Zucker, Tabak, wenig pflanzlichen Nahrungsmitteln, Bewegungsmangel und Übergewicht.

Die Zunahme von KRKs bei jüngeren Menschen in Ländern mit hohem Einkommen nahm ihren Beginn mit der Generation der in den 1940ern Geborenen. Nach dem zweiten Weltkrieg kam es zu beträchtlichen Anstiegen des Konsums von Zucker, Tabak, Alkohol und Fleisch. Auch Übergewicht und Inaktivität nahmen ab dieser Zeit zu.
Weitere Umweltfaktoren, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts häufiger wurden, könnten ebenfalls zu diesem Wandel beigetragen haben. Hierzu gehört der verstärkte Einsatz antimikrobieller Therapien und somit Störungen der Darmflora, aber auch anderer Verbindungen mit antibiotischen Eigenschaften, wie Triclosan (welches zahlreichen antibakteriellen Produkten, Desinfektionsmitteln und Kosmetika zugesetzt wird). Auch das flächendeckend eingesetzte Herbizid Glyphosat ist bereits in geringen Dosierungen in der Lage, das gastrointestinale Mikrobiom signifikant zu verändern, insbesondere in der frühen Entwicklung, vor dem Einsetzen der Pubertät.3 Jegliche Störungen des Darm-Mikrobioms scheinen vorrangig mit sehr früh im Leben stattgefundenen Expositionen gegenüber Substanzen mit antibiotischer Aktivität zusammenzuhängen.

Populationsbasierte primärpräventive Strategien sind jetzt essentiell

Auch andere Krebserkrankungen sind bei jungen Erwachsenen auf dem Vormarsch, und zwar insbesondere solche, die mit Übergewicht in Zusammenhang stehen, wie Sie hier lesen können. Des Weiteren senkt körperliche Aktivität nicht nur das Krebsrisiko, sondern erhöht, auch bei schon bestehender Tumorerkrankung, die Chancen auf ein besseres Outcome, wie wir in einem Beitrag letzten Jahres untersucht hatten.

Die steigende KRK‑Häufigkeit bei jüngeren Erwachsenen über fortlaufende Jahrgänge könnte die insgesamt fallenden Raten irgendwann ausbremsen oder den Trend umkehren. Dieser Effekt wird durch Früherkennungsmaßnahmen wahrscheinlich verzögert werden. Sollten wir sodann in jüngeren Jahren mit dem Screening beginnen? Dies mag jeder bei sich bedenken - wie sinnvoll ist es, als Erstes an Sekundärprävention zu denken, wenn die Risikofaktoren ganz klar bekannt sind und damit effektive Primärprävention möglich wäre? Auch die Autoren des Editorials schließen mit der Botschaft, dass das Tempo und die Stoßkraft hinter dem Prävalenzanstieg der Risikofaktoren das Problem ist, welches deutlich effektiver angegangen werden muss.

Referenzen:
1. Potter, J. D. Rising rates of colorectal cancer in younger adults. BMJ 365, l4280 (2019).
2. Vuik, F. E. et al. Increasing incidence of colorectal cancer in young adults in Europe over the last 25 years. Gut (2019). doi:10.1136/gutjnl-2018-317592
3. Mao, Q. et al. The Ramazzini Institute 13-week pilot study on glyphosate and Roundup administered at human-equivalent dose to Sprague Dawley rats: effects on the microbiome. Environ Health 17, 50 (2018).

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