Viel sitzende Tätigkeit ist ein unabhängiger Faktor für späteres Krebsrisiko

Eine wertvolle Studie verwendete Beschleunigungsmesser, um die Bewegungsmuster von über 8.000 Menschen und den Zusammenhang zwischen Bewegungsarmut und dem zukünftigen Krebssterblichkeitsrisiko zu untersuchen.

Eine wertvolle Studie verwendete Beschleunigungsmesser, um die Bewegungsmuster von über 8.000 Menschen und den Zusammenhang zwischen Bewegungsarmut und dem zukünftigen Krebssterblichkeitsrisiko zu untersuchen.

Krebs hat kardiovaskuläre Erkrankungen als häufigste Todesursache inzwischen eingeholt. Mehr als 50% der Krebstodesfälle wären durch gesunde Lebensführung potenziell verhinderbar.1 Körperlich aktiv zu sein, ist einer der wichtigsten Lebensstilfaktoren, der sowohl mit einem niedrigeren Risiko, Krebs zu bekommen, als auch mit einem niedrigeren Risiko, an Krebs zu versterben, assoziiert ist (siehe dazu unseren früheren Beitrag: Sport kann Krebs vorbeugen und Outcomes optimieren).
Viele Leitlinien empfehlen als Primär- und Sekundärprävention onkologischer Erkrankungen mindestens 150 Minuten mittlere bis starke körperliche Aktivität pro Woche.
Doch die Adhärenz selbst an diese Mindestanforderung ist gering, in den USA erreichen sie weniger als 25% der Erwachsenen.2

Prolongierte Zeitspannen im Sitzen stellen einen klinisch besonders relevanten Aspekt des Aktivitätsprofils dar

Belege aus epidemiologischen Studien konnten insbesondere Bewegungsmangel durch zu viel sitzende Tätigkeit mit einer erhöhten Gesamtmortalität und kardiovaskulären Mortalität in Verbindung bringen, vor allem bei Personen, die das empfohlene Maß an Bewegung nicht erreichen.
Ein systematisches Review deutete darauf hin, dass zu viel im Sitzen verbrachte Zeit dabei unabhängig von der sonstigen körperlichen Aktivität mit negativen gesundheitlichen Langzeitfolgen einhergeht, wie erhöhten Raten von Hospitalisationen, Mortalität, kardiovaskulären Komplikationen, Diabetes und Krebs.3

Das Autorenteam einer vor Kurzem im JAMA Oncology (Journal of the American Medical Association) erschienenen prospektiven Studie wollte dies noch genauer wissen.4 Sie bestimmten die Zeit im Sitzen objektiv und untersuchten die Assoziation zur Krebsmortalität sowie zur körperlichen Aktivität. Hierfür statteten sie 8.002 Erwachsene aus einer populationsbasierten Stichprobe in den USA (mittleres Alter 69,8 Jahre) für eine Woche mit tragbaren Akzelerometern aus und erfassten so das Gesamtvolumen der Zeit im Sitzen sowie separat die Häufigkeit längerer, ununterbrochener Perioden im Sitzen.

Weniger Zeit im Sitzen verbringen – möglicherweise ein alternatives und erreichbareres Ziel für die Prävention von Krebstodesfällen

Über die Nachbeobachtungszeit hinweg (im Mittel 5,3 Jahre) verstarben 268 Probanden (3,3%) an einer Tumorerkrankung.
Das Hauptergebnis war, dass eine längere insgesamt sitzend verbrachte Zeit mit einem erhöhten Krebssterblichkeitsrisiko verknüpft war, und zwar unabhängig vom restlichen körperlichen Aktivitätslevel.

Diejenigen, die an Krebs verstarben, hatten etwas höhere Gesamtzeiten im Sitzen pro Tag, eine etwas längere Dauer von ununterbrochenen sitzenden Phasen, weniger Pausen vom Sitzen und geringe Level körperlicher Aktivität.
Um einige Zahlen zu nennen: die Autoren teilten die Kohorte nach der insgesamt im Sitzen zugebrachten Zeit pro Tag in drei gleich große Gruppen. Teilnehmer aus der höchsten Tertile hatten im Vergleich zu denjenigen aus der untersten Tertile eine 82% höhere Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu versterben, der selbe Vergleich, stratifiziert nach der Dauer der ununterbrochenen Zeitspannen im Sitzen, ergab einen Risikozuwachs um 61%.

Nach Korrektur für sonstige körperliche Aktivität, Alter, Geschlecht, Ethnizität, Rauchstatus, BMI, Begleiterkrankungen, geographische Region, Bildungsniveau und Jahreszeit, in der das Akzelerometer getragen wurde, war dieser Zusammenhang noch immer zu beobachten, wenn auch in abgeschwächter Form. Statt der eben genannten 82% war das Krebssterblichkeitsrisiko im Vergleich zwischen erster und dritter Tertile dann immer noch um 52% erhöht.

Zu den Limitationen solcher Studien gehört selbstverständlich, dass sich nur ein Bruchteil der Faktoren in den Berechnungen berücksichtigen lässt, auch wenn sicher noch weitere Aspekte eine Rolle spielen. So wurden hier beispielsweise keine Daten zu Tumorcharakteristika oder Therapien erhoben.

Botschaft: sitzende Tätigkeit reduzieren, mehr bewegen, um lange Lebensdauer zu fördern

Eine rechnerische Modellierung ergab, dass das Ersetzen von Zeit im Sitzen mit entweder leichter oder mittelstarker körperlicher Aktivität die Krebsmortalität reduzieren könnte.
Nur 30 Minuten leichten Sports anstelle von Sitzen ergaben rechnerisch eine Senkung des Mortalitätsrisikos um 8%; bei mittelstarkem Training wären es 31% pro 30 Minuten.

Referenzen:
1. Anand, P. et al. Cancer is a Preventable Disease that Requires Major Lifestyle Changes. Pharm Res 25, 2097–2116 (2008).
2. Katzmarzyk, P. T., Lee, I.-M., Martin, C. K. & Blair, S. N. Epidemiology of Physical Activity and Exercise Training in the United States. Progress in Cardiovascular Diseases 60, 3–10 (2017).
3. Biswas, A. et al. Sedentary Time and Its Association With Risk for Disease Incidence, Mortality, and Hospitalization in Adults. Annals of Internal Medicine 162, 123–132 (2015).
4. Gilchrist, S. C. et al. Association of Sedentary Behavior With Cancer Mortality in Middle-aged and Older US Adults. JAMA Oncol (2020) doi:10.1001/jamaoncol.2020.2045.

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