Adenoid-zystisches Karzinom: ein neuer Zielmechanismus
Harrington machte deutlich, dass das adenoid-zystische Karzinom (ACC) nicht nur langsam verlaufen kann, sondern auch in einer aggressiven Form früh rezidivieren und ungewöhnliche Metastasenmuster zeigen kann, etwa in Leber oder Knochen. Klassisch wird das Tumorwachstum durch Genfusionen geprägt, vor allem durch Veränderungen rund um die Gene MYB und NFIB. Laut Harrington ermöglicht diese molekulare Besonderheit nun erstmals gezielte therapeutische Ansätze.
Spleißfaktor-Mutationen spielen beim ACC eine zentrale Rolle. Sie verändern die Genexpression drastisch und treiben so das Tumorwachstum und die Metastasierung voran. Harrington hob besonders Strategien hervor, die mittels Spleiß-Inhibitoren in diesen Mechanismus eingreifen. Ziel ist es dabei, die Verarbeitung der Messenger-RNA so zu beeinflussen, dass ein vorzeitiges Stopp-Signal erhalten bleibt und der Tumor die krankheitsauslösende Fusion nicht mehr in ein funktionsfähiges Protein übersetzen kann.
In den präsentierten Daten zeigte sich eine deutliche Reduktion der MYB-RNA im Tumorgewebe sowie ein Rückgang des entsprechenden Proteins in der Immunhistochemie. Damit wurde erstmals ein direkter Angriff auf den molekularen Treiber dieses Tumors gezeigt.1
Antikörper-Wirkstoff-Konjugate beim Speicheldrüsenkrebs
Neben den Spleiß-Inhibitoren wurde auch das Antikörper-Wirkstoff-Konjugat (ADC) Emi-Le vorgestellt. Der Ansatz richtet sich gegen B7-H4, ein Oberflächenmerkmal, das bei ACC häufig exprimiert wird. Der verwendete Wirkstoff trägt eine Auristatin-Nutzlast (Payload) und wurde in einer Patientengruppe mit ungünstigem Risikoprofil getestet, darunter Patienten mit solider Morphologie, früher Metastasierung und NOTCH-Mutationen. Auch hier zeigten sich klinische Ansprechraten von 36 Prozent.2
Harrington betonte, dass möglicherweise Faktoren wie die solide Tumormorphologie, der NOTCH-Mutationsstatus und die B7-H4-Expression für die Vorhersage des Ansprechens relevant sein könnten. Das Sicherheitsprofil wird als beherrschbar beschrieben; schwere Nebenwirkungen wie Keratitis oder Neuropathie traten nur selten auf. Damit rückt auch diese Wirkstoffklasse als mögliche Option für schwer behandelbare Speicheldrüsentumoren in den Fokus.
EGFR-Therapien: Renaissance im Kopf-Hals-Bereich
Harrington sprach von einer Renaissance der EGFR-gerichteten Therapien bei rezidiviertem oder metastasiertem Kopf-Hals-Plattenepithelkarzinom. Dabei wurden zwei neue Wirkstoffe vorgestellt, die sich in fortgeschrittenen klinischen Prüfungen befinden. Der erste ist der bispezifische Antikörper Petosemtamab, der gegen EGFR und LGR5 gerichtet ist.
Der zweite Wirkstoff ist der bifunktionale EGFR/TGF-β-Antikörper Ficerafusp alfa. Er soll nicht nur die Tumorzellen direkt beeinflussen, sondern auch das Tumormikromilieu verändern. In den präsentierten Daten wurden mehrere Dosierungen untersucht. Besonders eindrucksvoll waren die tiefen und dauerhaften Remissionen in Kombination mit Pembrolizumab.3
Kurative Ansätze: Protonen und Immuntherapie
Harrington stellte auch kurative Konzepte bei neu diagnostizierten Kopf-Hals-Tumoren vor. Viel diskutiert wird die Protonentherapie bei neu diagnostiziertem Oropharynxkarzinom. Frühere Daten hatten gezeigt, dass Protonen im Vergleich zur Radiotherapie nicht unterlegen sind und möglicherweise die Notwendigkeit einer Ernährungssonde verringern. Gleichzeitig wurde darauf hingewiesen, dass die in den Studien beobachteten Raten der Sondenernährung in beiden Studienarmen aus Sicht vieler internationaler Experten sehr hoch erschienen.
Demgegenüber zeigen Daten aus einer Radiotherapie-Studie sehr gute Ergebnisse bei der lokoregionären Tumorkontrolle.4 Die Lebensqualität verschlechterte sich vor allem gegen Ende der Bestrahlung, erholte sich danach aber wieder. Offen bleibt damit, in welchen Patientengruppen Protonen tatsächlich einen klaren Zusatznutzen bieten. Für Kostenträger, Behandler und Betroffene ist dies eine wichtige Frage, weil die Entscheidung zwischen Protonen und moderner Photonenbestrahlung nicht nur medizinische, sondern auch organisatorische und ökonomische Folgen hat.
Neoadjuvante Immuntherapie vor OP
Viel diskutiert wird auch die perioperative Immuntherapie. Harrington stellte Daten zu neoadjuvanten und adjuvanten Konzepten vor und nach der Operation vor. Ein Regime mit Pembrolizumab hat bereits eine Zulassung erhalten und wurde in die Leitlinien aufgenommen. Ein anderes perioperatives Konzept zeigte ebenfalls einen Benefit, verfügt aber bislang über keine Zulassung.
Die präsentierten Ansätze könnten laut Harrington die klinische Praxis verändern, lassen aber noch viele Fragen offen. Dazu zählen die Auswahl geeigneter Patienten sowie die optimale Sequenz von Operation, Immuntherapie und Bestrahlung. Entsprechend lebhaft ist die Diskussion in der Fachwelt. Insgesamt zeige sich: Die perioperative Immuntherapie ist ein Feld mit großem Potenzial, aber auch mit erheblichem Klärungsbedarf.
Was die Daten für die Praxis bedeuten
Harrington bilanzierte, dass sich die Behandlung von Kopf-Hals-Tumoren in mehreren Bereichen weiterentwickelt hat. Beim ACC entstehen erstmals realistische zielgerichtete Optionen gegen einen bislang schwer behandelbaren Treiber. Bei rezidivierten und metastasierten Plattenepithelkarzinomen könnten bispezifische und bifunktionale EGFR-Strategien die Wirksamkeit der Immuntherapien deutlich verstärken. Und im kurativen Setting wird neu verhandelt, wie Bestrahlung, Protonen und Immuntherapie sinnvoll kombiniert werden können.
Für die klinische Praxis bedeutet das vor allem eines: Die Therapieentscheidungen werden komplexer, aber auch präziser. Molekulare Merkmale, Tumorbiologie, Risikoprofil und Behandlungsziel müssen stärker zusammengedacht werden. Gerade bei seltenen Tumoren und fortgeschrittenen Erkrankungen könnten die neuen Ansätze in den kommenden Jahren zu spürbaren Verbesserungen führen.
ASCO Annual Meeting 2026 | 29. Mai - 2. Juni 2026 | Online und Chicago, IL, USA. https://www.asco.org/annual-meeting. Session: Highlights of the Year: Exciting Advances in Rare and Not-So-Rare Head and Neck Cancers. 1. Juni 2026.
- https://ascopubs.org/doi/10.1200/JCO.2026.44.16_suppl.3089
- https://www.asco.org/abstracts-presentations/260507
- https://docs.publicnow.com/viewDoc?filename=244606%5CEXT%5CCC604554625DD6B3B86EEB04D9B4DA76F8C7CB84_A182A75A38C4A5BAE524AC9F17E7FFE95E70DE87.PDF
- https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41391462/