Lungenkrebs: Neue Standards in der Therapie des NSCLC

Aktuelle Daten zum metastasierten nicht-kleinzelligen Lungenkrebs könnten die Erstlinientherapie für viele Patientengruppen verändern. Im Fokus stehen neue und bestätigte Zieltherapien für EGFR-, HER2- und ALK-veränderte Tumore.

Verlängertes Überleben bei klassischen EGFR-Mutationen

Bei klassischen EGFR-Mutationen hob Prof. Durm zwei Studien hervor, deren Ergebnisse einen Anstieg des Gesamtüberlebens zeigen: Amivantamab plus Lazertinib sowie Chemotherapie plus Osimertinib. Beide Regime zeigten im Vergleich zu den bisherigen Standardoptionen einen klaren Vorteil. Die Hazard Ratios lagen in beiden Studien bei 0,75 bzw. 0,77. Die Drei-Jahres-Überlebensraten betrugen rund 60 bzw. 63 Prozent. Für diese Patientengruppe ist das ein wichtiger Fortschritt, weil das metastasierte Lungenkarzinom trotz aller Fortschritte weiterhin zu den tödlichsten Krebserkrankungen zählt.

Für die Praxis bedeutet das: Beide Schemata sind nun als Erstlinienoptionen relevant. Welche Therapie im Einzelfall besser passt, hängt vor allem von der Toxizität, den prophylaktischen Maßnahmen und den individuellen Patientencharakteristika ab. Osimertinib allein kann bei einem kleinen Teil älterer, gebrechlicher Patienten mit geringer Krankheitslast weiterhin sinnvoll sein.

Ein zentrales Thema war zudem die Frage, wie die Wahl der Erstlinie die spätere Behandlung beeinflusst. Gerade bei EGFR-positiven Tumoren ist die Sequenz entscheidend, weil Resistenzentwicklungen die Wirksamkeit von Zweit- und Drittlinientherapien beeinflussen können. Hier besteht weiterhin Forschungsbedarf, um die optimale Reihenfolge der verfügbaren Medikamente zu bestimmen.

EGFR Exon 20: Sunvozertinib rückt nach vorn

Eine besondere Herausforderung bleibt die EGFR-Exon-20-Insertion. Diese Mutation ist schwerer zu behandeln und macht etwa fünf Prozent der EGFR-Fälle aus. In der vorgestellten Studie wurde Sunvozertinib in der Erstlinie mit platinbasierter Chemotherapie verglichen. Die Ergebnisse fielen zugunsten von Sunvozertinib aus: Das mediane progressionsfreie Überleben lag bei etwa 10,3 Monaten gegenüber 7,5 Monaten unter Chemotherapie. Auch nach einem Jahr zeigte sich ein Vorteil für den zielgerichteten Ansatz mit Sunvozertinib.

Bemerkenswert war, dass ein sehr hoher Anteil der Patienten aus der Chemotherapie-Gruppe später auch noch Sunvozertinib erhielt. Trotz dieses Crossovers blieb der Vorteil für die Erstlinientherapie mit Sunvozertinib bestehen. Das spricht dafür, dass auch die Therapie-Reihenfolge eine Rolle spielt. Für die Praxis wird Sunvozertinib daher als neue Erstlinienoption für EGFR-Exon-20-Insertionen in Betracht gezogen. In den USA bestehen derzeit Lieferprobleme, obwohl das Medikament bereits in der Zweitlinie zugelassen ist.

Offen bleibt, ob Sunvozertinib oder die Kombination aus Chemotherapie und Amivantamab die bessere Wahl ist. Beide Strategien haben unterschiedliche Nebenwirkungsprofile und unterschiedliche Stärken. Weitere Daten sollen helfen, die optimale Erstlinientherapie für diese seltene, aber klinisch wichtige Untergruppe zu definieren.

HER2: Zongertinib überzeugt in der Erstlinie

HER2-Mutationen bei mutiertem nicht-kleinzelligen Lungenkrebs machen etwa zwei bis vier Prozent der NSCLC-Fälle aus und sind damit selten, aber therapeutisch relevant. Zongertinib, ein oraler irreversibler TKI, wurde in einer therapienaiven Kohorte untersucht. Das Medikament bindet selektiv an HER2 und schont den Wildtyp-EGFR, was die Toxizität reduzieren soll.

Die Ergebnisse waren überzeugend: Fast alle behandelten Patienten zeigten eine Tumorverkleinerung, viele davon mit tiefen Remissionen. Die Ansprechrate lag bei rund 76 Prozent, das mediane progressionsfreie Überleben bei über 14 Monaten. Auf dieser Basis erhielt Zongertinib eine beschleunigte Zulassung und ist nun über mehrere Therapielinien hinweg verfügbar. Für die Praxis ist das wichtig, weil HER2-mutierte Tumoren oft schlecht auf eine Immuntherapie ansprechen und bislang nur begrenzte Optionen hatten.

ALK: Lorlatinib bleibt Referenz

Bei ALK-positivem NSCLC wurde ein Update der CROWN-Studie mit Langzeitdaten vorgestellt. Lorlatinib bleibt eine der bevorzugten Erstlinienoptionen und zeigt auch nach sehr langer Nachbeobachtung eine außergewöhnliche Wirksamkeit. Nach einer mittleren Beobachtungszeit von 83 Monaten wurde das mediane progressionsfreie Überleben weiterhin nicht erreicht. 55 Prozent der Patienten waren zu diesem Zeitpunkt noch am Leben und ohne Progression.

Besonders eindrucksvoll waren die Daten zur intrakraniellen Kontrolle. Bei Patienten, die zu Beginn Hirnmetastasen aufwiesen, lag die intrakranielle Progressionsfreiheit bei 83 Prozent, bei Patienten ohne Hirnmetastasen sogar bei 96 Prozent. Auch Dosisreduktionen schienen die Wirksamkeit nicht wesentlich zu beeinträchtigen. Für die klinische Praxis bleibt Lorlatinib damit eine starke Erstlinienoption, auch wenn die Nebenwirkungen und die individuelle Verträglichkeit weiterhin berücksichtigt werden müssen.

Die Langzeitdaten zeigen, dass ein Teil der ALK-positiven Patienten mit Lorlatinib über Jahre hinweg krankheitskontrolliert bleiben kann. Das ist bei metastasiertem Lungenkrebs außergewöhnlich und unterstreiche den Stellenwert der Therapie, so Durm.

Neue ALK-Inhibitoren gegen Resistenz

Mit Neladalkib wurde ein neuer ALK-Inhibitor der vierten Generation vorgestellt. Das Medikament ist so konzipiert, dass es die Bluthirnschranke überwindet, mehrere Resistenzmutationen adressiert und weniger neurologische Nebenwirkungen verursachen soll als Lorlatinib. In der Phase-1/2 Studie zeigte Neladalkib bei vorbehandelten Patienten eine relevante Aktivität. Bei Personen ohne vorherige Lorlatinib-Therapie lag die Ansprechrate bei 46 Prozent, bei Lorlatinib-vorbehandelten Patienten immerhin noch bei 26 Prozent.

Auch die ZNS-Aktivität war bemerkenswert. In der TKI-naiven Kohorte lag die Ansprechrate bei 86 Prozent, die intrakranielle Ansprechrate bei 78 Prozent. Zudem schien das Medikament gut verträglich zu sein, mit wenigen Dosisreduktionen und wenigen Therapieabbrüchen. Noch ist Neladalkib nicht verfügbar, und es braucht eine längere Nachbeobachtung, um Dauerwirkung und Langzeitverträglichkeit sicher einzuordnen.

Was bleibt für die Praxis?

Die vorgestellten Daten zeigen, dass sich die Behandlung des metastasierten nicht-kleinzelligen Lungenkrebses weiter in Richtung präziser, molekular gesteuerter Therapie entwickelt. Für klassische EGFR-Mutationen stehen nun zwei Erstlinienoptionen zur Verfügung, die das Überleben verlängern. Bei EGFR-Exon-20-Insertionen rückt Sunvozertinib als neue Option nach vorne. Patienten mit HER2-mutierten Tumoren profitieren von Zongertinib, und bei ALK-positiver Erkrankung zeigt Lorlatinib eine außergewöhnliche Langzeit- sowie ZNS-Wirksamkeit. Neue ALK-Inhibitoren wie Neladalkib könnten künftig Therapieresistenzen entgegenwirken.

Quelle
  1. ASCO Annual Meeting 2026. 29.05.-02.6.2026, Chicago, IL, McCormick Place. https://www.asco.org/annual-meeting. Sitzung: Highlights of the Year in Metastatic NSCLC- Expanding the Use of. Targeted Therapies, 31.05.2026.