Von der Hochleistungsforschung in die onkologische Versorgungspraxis
Die Onkologie sieht sich mit der zunehmenden Komplexität der Genomanalytik und der raschen Entwicklung neuer zielgerichteter Substanzen konfrontiert, was die Diskrepanz zur täglichen Versorgungsrealität in Klinik und Schwerpunktpraxis weiter vergrößert. Der ASCO-Kongress 2026 (29. Mai – 02. Juni 2026) liefert relevante Ansätze, wie wissenschaftliche Evidenz in eine praxisnahe, biomarkergesteuerte Patientenversorgung überführt werden kann.
Für die niedergelassene Onkologie stehen vier Themenfelder im Fokus: neue Benchmarks bei Lungen- und Pankreaskarzinomen, Innovationen in der gastrointestinalen Onkologie, angewandte Präzisionsmedizin einschließlich der NGS-Interpretation sowie interdisziplinäre Schnittstellen wie Geriatrie, Versorgungsforschung und Therapiekommunikation. Der Beitrag fasst die zentralen Sessions zusammen und unterstützt dabei, aus der Vielzahl an Daten aus Chicago versorgungsrelevante Erkenntnisse zu identifizieren.
Die Plenarsitzung: Neue Benchmarks bei Lunge und Pankreas
Die Plenarsitzung ist das zentrale Element des ASCO und präsentiert Daten mit dem Potenzial, den Standard of Care (SoC) unmittelbar zu verändern.
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Plenary Session (Sonntag, 31. Mai, 13:00 – 16:00 Uhr CDT): Im Fokus stehen in diesem Jahr das nicht-kleinzellige Lungenkarzinom (NSCLC) und das Pankreaskarzinom. Besonders diskutiert wird die Integration neuartiger RAS-Inhibitoren in die Erstlinientherapie des duktalen Pankreasadenokarzinoms.
Fokus GI-Onkologie: Innovationen bei Magen und Darm
Entwicklungen bei gastrointestinalen Tumoren sind für die onkologische Schwerpunktpraxis angesichts der hohen Patientenzahlen von zentraler Bedeutung.
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Gastrointestinal Cancer—Gastroesophageal, Pancreatic, and Hepatobiliary (Samstag, 30. Mai, 09:00 – 12:00 Uhr CDT): Diese Oral-Abstract-Session beleuchtet den Stellenwert der neoadjuvanten Immun-Chemotherapie beim Ösophaguskarzinom. Im Fokus steht die Frage, wie die pathologische Komplettremission (pCR) die Nachsorgealgorithmen beeinflusst.
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Gastrointestinal Cancer—Colorectal and Anal (Montag, 1. Juni, 08:00 – 11:00 Uhr CDT): Diskutiert werden Daten zur Verkürzung der adjuvanten Chemotherapie beim Kolonkarzinom auf Basis der ctDNA-Clearance.
Thoraxonkologie: Immuntherapie 2.0
In der Therapie des Lungenkarzinoms verschiebt sich der Fokus von der reinen Wirksamkeit hin zum Management von Langzeitüberlebenden sowie zu neuen Therapiekombinationen.
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Lung Cancer—Non-Small Cell Metastatic (Freitag, 29. Mai, 13:00 – 16:00 Uhr CDT): In dieser Sitzung werden die mit Spannung erwarteten 5-Jahres-Daten moderner Checkpoint-Inhibitor-Kombinationen vorgestellt. Im Mittelpunkt stehen Patientenprofile, die für eine therapiefreie Remission geeignet sind, sowie Kriterien für das klinisch vertretbare Absetzen der Immuntherapie.
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Lung Cancer—Non-Small Cell Local-Regional/Small Cell (Montag, 1. Juni, 08:00 – 11:00 Uhr CDT): Im Mittelpunkt stehen adjuvante und neoadjuvante Therapien. Die Sitzung liefert praxisorientierte Leitfäden zur interdisziplinären Abstimmung zwischen Onkologie, Chirurgie und Radioonkologie.
Angewandte Präzisionsmedizin: Vom Labor zum Patienten
Molekulare Diagnostik bildet inzwischen die Grundlage jeder Therapieentscheidung. Der Transfer dieser Erkenntnisse in die klinische Praxis bleibt jedoch eine Herausforderung.
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Molecular Oncology and Precision Medicine (Montag, 1. Juni, 13:15 – 14:30 Uhr CDT): Diese Rapid Oral Abstract Session konzentriert sich auf die Interpretation von NGS-Befunden (Next-Generation Sequencing). Im Fokus steht der Umgang mit „Variants of Unknown Significance“ (VUS). Die Experten geben Empfehlungen für das molekulare Tumorboard in der ambulanten Versorgung.
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Health Services Research and Quality Care (Samstag, 30. Mai, 13:15 – 14:30 Uhr CDT): Diese Session analysiert die Versorgungsrealität und untersucht, wie digitale Tools die Adhärenz bei oralen Tumortherapien verbessern sowie die Rolle der Telemedizin im Therapiemonitoring.
Interdisziplinäre Schnittstellen: Geriatrie und Toxizität
Für ältere Patienten mit Komorbiditäten ist eine spezialisierte onkologische Betreuung erforderlich.
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Geriatric Oncology (Samstag, 30. Mai, 13:15 – 14:30 Uhr CDT): Diese Session stellt praxisorientierte Instrumente für das geriatrische Assessment in der Sprechstunde vor. Ziel ist die Vermeidung von Über- und Untertherapie bei vulnerablen Patientengruppen.
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Care Delivery and Health Counseling (Sonntag, 31. Mai, 08:00 – 09:15 Uhr CDT): Die Session thematisiert die Kommunikation von Therapiezielen. Im Mittelpunkt stehen Strategien zur Steuerung der Patienteninformation und zum Management der Erwartungshaltung gegenüber neuen, kostenintensiven Substanzen.
Fazit für die Praxis
Der ASCO 2026 zeigt, dass die Onkologie zunehmend differenzierter und zugleich effektiver wird. Für die klinische Praxis bedeutet dies, biomarkergesteuerte Entscheidungen noch früher in den Behandlungsverlauf zu integrieren. Dieser Überblick erleichtert die Identifikation der relevantesten Datenströme für die Patientenversorgung.
Mehr Informationen
Der ASCO 2026 verspricht – ob vor Ort in Chicago oder digital – auch in diesem Jahr wieder ein vielseitiges Programm. Nutzen Sie den interaktiven ASCO Program Guide, um sich Ihre individuelle Agenda zusammenzustellen.