Supportive Care bei Krebs: Was über die Tumortherapie hinaus wirkt

Soziale Isolation verschlechtert die Krebsprognose, Bewegung verbessert sie: Prof. Michelle Melisko (University of California) stellte neue Daten zu Supportive Care und Lebensstilfaktoren vor.

Verbesserte Behandlungsergebnisse durch Palliative Care

Melisko eröffnete ihren Vortrag mit einer Darstellung der Effekte der Palliative Care. Mittlerweile liegen umfangreiche Daten vor, die belegen, dass Palliative Care die Behandlungsergebnisse bei Krebserkrankungen verbessert. Insbesondere bei metastasierten Erkrankungen ist eine frühzeitige Einbindung spezialisierter Fachkräfte von Bedeutung, da diese nicht nur Symptome lindern, sondern auch die Lebensqualität und, laut einigen Studien, sogar das Überleben positiv beeinflussen können.

Bereits eine Studie aus dem Jahr 2010 zeigte den Nutzen einer frühzeitigen Palliativversorgung bei metastasiertem Lungenkrebs. Melisko betonte jedoch, dass nicht jede Studie einen Überlebensvorteil nachweisen konnte und dass die Details entscheidend seien. Sie hob hervor, dass eine frühzeitige und aktive Einbindung der Patienten in palliative und supportive Versorgungsstrukturen notwendig ist, statt erst am Lebensende zu intervenieren. Als Beispiel nannte sie die PRO-TECT-Studie, in der Patienten mittels eines ePRO-Monitoringsystems überwacht wurden, das bei Verschlechterungen automatisch Warnsignale an das Behandlungsteam übermittelte.

Auch wenn sich am primären Endpunkt kein Unterschied im Gesamtüberleben gegenüber der Kontrollgruppe zeigte, fielen mehrere klinisch relevante Vorteile auf. Dazu gehörten weniger Notfallaufnahmen im Krankenhaus, eine spätere Verschlechterung der körperlichen Funktion, eine bessere Symptomkontrolle und eine höhere gesundheitsbezogene Lebensqualität.

Die Auswirkungen sozialer Kontakte

Mehrere Studien haben bereits gezeigt, dass verheiratete Krebspatienten im Durchschnitt bessere Überlebensraten aufweisen als unverheiratete. Finanzielle und strukturelle Vorteile der Ehe können einen Teil dieses Effekts erklären, jedoch betont Melisko, dass auch soziale und emotionale Faktoren eine wesentliche Rolle spielen. Soziale Isolation und empfundene Einsamkeit verschlechtern die Prognose.

In diesem Zusammenhang sind die Ergebnisse einer retrospektiven Kohortenstudie mit mehr als 47.000 Patienten, die am British Columbia Cancer behandelt wurden, besonders relevant. In dieser Studie wurden fünf Dimensionen sozialer Isolation untersucht: Alleinleben, kürzlicher Verlust eines Partners, fehlender regelmäßiger sozialer Kontakt, fehlende emotionale Unterstützung und fehlende Hilfe bei Aktivitäten des täglichen Lebens. Zusätzlich wurden die Faktoren Angst, Depression, Alter, Geschlecht und Metastasierung berücksichtigt.

Die Ergebnisse waren deutlich: 32,5 Prozent der Betroffenen erlebten bei der Krebsdiagnose mindestens eine Form sozialer Isolation, meist das Alleinleben. Alle untersuchten Formen sozialer Isolation sowie Angst und Depression waren mit einem schlechteren Gesamtüberleben verbunden. Besonders auffällig war der Befund, dass der erst kürzlich eingetretene Verlust eines Ehepartners das Überleben um 21 Monate verkürzte. Auf der anderen Seite zeigte sich, dass fehlende Hilfe bei Alltagsaktivitäten in der multivariaten Analyse sogar mit einem besseren Überleben assoziiert war, vermutlich weil diese Patienten funktionell unabhängiger waren.

Psychosoziale Interventionen

Melisko verwies darauf, dass in den vergangenen Jahren verschiedene Studien Hinweise darauf geliefert hätten, dass psychosoziale Unterstützung die Lebensqualität verbessert und in bestimmten Situationen sogar das Überleben beeinflussen kann. Aus ihrer Sicht ist das ein wichtiger Punkt, auch wenn nicht alle Untersuchungen signifikante Effekte belegten. „Denn gerade bei Patienten mit Magen-, Pankreas-, Leber- und Darmkrebs müssen wir das nehmen, was wir an Verbesserungen kriegen können.“ 

Bei der EMPOWER-Studie5 – kurz für „Enhancing Management of Psychological Outcomes with Emotional Regulation“ – handelt es sich um eine fünfwöchige Intervention, die mithilfe einer Smartphone-App durchgeführt wird und deren Ziel es ist, das psychische Wohlbefinden junger Krebsüberlebender zu verbessern. Das Durchschnittsalter der 352 Teilnehmer lag bei 32 Jahren, und es gab einen hohen Prozentsatz von Patienten, die im letzten Monat entweder Angstzustände (57 %) oder Depressionen angaben. 

Neben den EMPOWER-Komponenten wie Dankbarkeit, positivem Denken, erreichbaren Zielen etc. wurden sogenannte Kontrollkomponenten gestärkt. Dafür sollten die Teilnehmenden ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf Bereiche wie Ernährung, Sonnenschutz und Gewichtskontrolle richten. 

Mehrere Komponenten in beiden Gruppen führten zu statistisch signifikanten Steigerungen des positiven Affekts und zu einer deutlichen Verringerung der Angst. „Diese Studie weist auf den Nutzen einer selbstgesteuerten digitalen Gesundheitsstrategie mit geringem Eingriff für junge erwachsene Krebsüberlebende hin“, fasste Melisko die Ergebnisse zusammen.

Bewegung und Gewichtsmanagement bei Krebsüberlebenden

Bewegung und Gewichtsmanagement wurden in den vergangenen Jahren bei Krebsüberlebenden umfassend untersucht. Laut Melisko ist Bewegung die wichtigste Einzelmaßnahme im Lebensstil, die den größten Einfluss auf die Krebsergebnisse und das allgemeine Wohlbefinden haben kann.

Die CHALLENGE-Studie6 bei Patienten mit reseziertem Kolonkarzinom zeigte nach adjuvanter Chemotherapie Vorteile eines strukturierten Bewegungsprogramms. Im Vergleich zu reiner Gesundheitsinformation betrug der Unterschied beim krankheitsfreien Überleben nach fünf Jahren 6,1 Prozent und beim Gesamtüberleben nach acht Jahren 7,1 Prozent.

In der BWEL-Studie7 (Breast Cancer Weight Loss) wurden mehr als 3.000 Frauen mit Brustkrebs in Stadium II oder III randomisiert entweder einer Gruppe mit Gesundheitsaufklärung oder einer zweijährigen telefonbasierten Gewichtsabnahmeintervention zugeteilt. Die Interventionsgruppe verzeichnete im ersten Jahr einen durchschnittlichen Gewichtsverlust von 5,7 % des Ausgangsgewichts. In einer Substudie zu gesundheitsbezogenen Ergebnissen verbesserten sich die körperlichen Funktionen in beiden Gruppen, wobei die Zuwächse in der Gewichtsabnahme-Gruppe ausgeprägter waren. Darüber hinaus wurden Vorteile hinsichtlich der globalen körperlichen Gesundheit, der mentalen Gesundheit, der sozialen Rollen und Aktivitäten sowie der Fatigue festgestellt.

Die endgültigen Daten zum invasiven krankheitsfreien Überleben stehen noch aus. Bereits jetzt deuten zahlreiche Hinweise darauf hin, dass Gewichtsreduktion und Bewegung zentrale Bestandteile der Krebsnachsorge darstellen könnten, so Melisko.

Trainingsprogramm zur Prävention und Behandlung von CIPN

Ein praxisnahes Beispiel für den Nutzen von Bewegung ist eine randomisierte Phase-II-Studie zur Chemotherapie-induzierten peripheren Neuropathie (CIPN).8 In die Studie wurden Patientinnen und Patienten eingeschlossen, die in den vergangenen neun Monaten eine neurotoxische Chemotherapie erhalten hatten und weiterhin unter entsprechenden Symptomen litten. Die Teilnehmenden wurden entweder der Standardversorgung oder einem virtuell angeleiteten Heimprogramm mit progressivem Gehen und Krafttraining zugeteilt.

Die Beschwerden wurden mit dem CIPN20-Score, Monofilamenttests sowie einer subjektiven Skala für Taubheit und Kribbeln an Händen und Füßen erfasst. Das tägliche Bewegungsprogramm führte zu statistisch und klinisch relevanten Verbesserungen der sensorischen Symptome. Auf motorische Symptome und den Gesamtwert des CIPN20 hatte es hingegen nur einen schwachen Effekt, und die Monofilamenttests verbesserten sich nicht.​

Dennoch berichteten die Betroffenen von weniger Taubheit und Kribbeln, was im Alltag besonders wichtig ist. Der Nutzen setzte nach etwa drei Wochen ein und hielt auch nach Ende der Intervention an.

Potenzial für die onkologische Behandlung

Melisko zog ein klares Fazit: Viele der vorgestellten Maßnahmen seien zwar nicht spektakulär, aber praktisch, bezahlbar und weltweit einsetzbar. Palliative Care, soziale Unterstützung, Bewegung, Gewichtsmanagement und psychologische Begleitung können die Versorgung von Menschen mit Krebs spürbar verbessern. Sie müssten daher nicht nur Ergänzungen, sondern auch zentrale Bestandteile einer modernen Onkologie darstellen.

Quellen:
  1. ASCO Annual Meeting 2026. 29.05.-02.6.2026, Chicago, IL, McCormick Place. Sitzung: Highlights of the Year III, June 2, 2026. Highlights in Symptom Science, Michelle Melisko MD, Professor of Clinical Medicine at Helen Diller Family Comprehensive Cancer Center (University of California San Francisco)
  2. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20818875/
  3. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39920394/
  4. https://ascopubs.org/doi/10.1200/JCO.2026.44.16_suppl.12011
  5. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/41881905/
  6. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40450658/
  7. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9186690/
  8. https://ascopubs.org/doi/10.1200/JCO.2026.44.16_suppl.12014