- Diabetes Kongress (DDG) City Cube Berlin, 13. bis 16. Mail 2026. Symposium: Gesünder, aber….Perspektiven von Migrantinnen zur Ernährungsumstellung für die Prävention von Typ 2 Diabetes, 14. Mai 2026.
Wie bewerten Migranten mit Prädiabetes Ernährungsempfehlungen zur Diabetesprävention und wie setzen sie diese Empfehlungen um? Wie blicken Ernährungsberater und Diätassistenten auf die Situation? Diesen Fragen ging die Studie „Attitudes toward dietary change among migrants: Findings from a qualitative study with migrants and health professionals“ nach. Die Ergebnisse der Studie präsentierte Dr. Amoah in Bonn. In die Studie waren Migranten aus Ghana (n=35, 18 Männer, 17 Frauen) mit Diabetes-Typ-2-Risiko sowie Diätassistenten und Ernährungsberater (n=7, 7 Frauen) eingeschlossen.
Wie unterschiedlich Migrantinnen und Fachpersonal Bereitschaft und Motivation einschätzen, zeigte Amoah anhand von Berichten der Befragten auf. „Manchmal arbeite ich den ganzen Tag, ohne etwas zu essen, und wenn ich dann sehr spät nach Hause komme, koche ich mir nachts etwas und esse alles, was ich den ganzen Tag über nicht gegessen habe. Ein solcher Lebensstil wirkt sich auch darauf aus, wie und was wir essen, und selbst wenn man Ratschläge befolgen möchte, wird das schwierig“, schildert eine befragte Migrantin ihre Situation.
„Sie kam jede Woche, aber irgendwie fand sie jede Woche eine andere Ausrede, und nach einigen Sitzungen mussten wir die Beratung abbrechen, weil sie zu nichts führte. Es hat nicht funktioniert, weil ihr die Motivation fehlte und es nur auf den Druck des Arztes zurückging“, schildert die medizinische Fachkraft die Situation. „Diese unterschiedliche Bewertung und Interpretation ziehen sich durch die gesamte Studie“, so Amoah.
Amoah erinnerte daran, dass unter Migranten eine hohe Belastung durch Typ-2-Diabetes besteht. Doch trotz des Bewusstseins, dass Ernährung eine zentrale Rolle bei Prävention und Behandlung spielt, bleibt eine Umstellung der Ernährungsgewohnheiten schwierig. Als wichtigstes Fazit aus den Studienergebnissen hob Amoah hervor, dass eine Ernährungsumstellung keine bloße Befolgung von Anweisungen, sondern ein Verhandlungsprozess ist. Kultur, Identität, Wissen und Glauben, Handeln und Einschränkungen spielten dabei eine Rolle. „Essen bedeutet Identität, Geborgenheit und Zugehörigkeit“, berichtete Amoah. Ohne emotionale und kulturelle Übereinstimmung scheitert eine Beratung oder gestaltet sich schwierig.
Die Einstellung zum Essen wird geprägt von affektiven Faktoren (kulturelle Identität), verhaltensbezogenen Faktoren (strukturelle Einschränkungen) und kognitiven Faktoren (Wissen). Diese Faktoren stehen jedoch in dynamischer Wechselwirkung zueinander: Emotionen haben Vorrang vor Wissen, Einschränkungen haben Vorrang vor Absichten, Wissen allein führt nicht zu Veränderungen.
Die Studienautoren plädieren für die Entwicklung kulturell angepasster Ernährungsrichtlinien. Sie regen auch dazu an, dass Fachkräfte im Gesundheitswesen in interkultureller Kompetenz geschult werden und Patientenorganisationen Gesundheitsmaterialien anbieten, die kulturelle Unterschiede berücksichtigen.
Dass das Wissen um gesunde Ernährung nicht immer im Alltag umgesetzt wird, hat nach Einschätzung der Ernährungsberaterin Sahin Demirci der DRK Kliniken Berlin Mitte mehrere Gründe. „Dabei spielen nicht nur die eigenen Entscheidungen, sondern gerade bei Migrantinnen auch die Kultur, die sozialen Bedingungen und der Alltag eine Rolle.“
Das Essverhalten wird von kulturellen und sozialen Faktoren beeinflusst, traditionelle Gerichte sind wichtig für die Identität und Zugehörigkeit, die Ernährung ist häufig kohlenhydratreich und eiweiß- und ballaststoffarm. Standardempfehlungen passen oft nicht und führen zu Distanz. Gesunde Lebensmittel werden als teuer wahrgenommen, ungesunde hingegen als günstig und leicht verfügbar. Nicht zuletzt schränken finanzielle Probleme die Möglichkeit zu einer gesunden Ernährung erheblich ein.
Sahin Demirci warb für eine kultursensible Beratung: Traditionelle Gerichte sollten möglichst beibehalten und durch gesündere Alternativen ersetzt oder ergänzt werden. Weißbrot durch Vollkornbrot oder Nudeln durch Vollkornnudeln, eine Alternative sind Zucchini-Spaghetti. Sie riet auch dazu, eine einfache, anschauliche Sprache zu nutzen und ggf. Materialien in der Muttersprache der Patienten verwenden. Hilfreich sind zudem visuelle Erklärungen wie das Tellermodell: Patienten fotografieren ihre Mahlzeiten und bringen die Fotos zur Beratung mit.
Die Beratung sollte individuell angepasst sein und die finanzielle Situation, die Lebensbedingungen sowie die Zugänglichkeit berücksichtigen. Familie und soziales Umfeld sollten einbezogen werden (Veränderungen gemeinsam mit dem Umfeld). Sahin Demirci warb für kleine Schritte und nachhaltige Veränderungen, die gut in den Alltag passen. Wichtig ist, die intrinsische Motivation der Klienten zu stärken und Druck zu vermeiden.
Aus Sicht von Dr. Sawitzky-Rose, Berlin, spielen drei Faktoren bei der Vermittlung gesunder Ernährung zur Diabetesprävention eine zentrale Rolle und sollten in der Beratung unbedingt berücksichtigt werden:
Eine empathische Kommunikation bedeutet: Fragen statt Anordnen. „Bevor wir beraten, sollten wir zuhören und fragen, was gesundes Essen in der Heimat unseres Patienten bedeutet“, erklärte Sawitzky-Rose. Gerade traditionelle Küchen bieten mit Hülsenfrüchten und Gemüse gute Alternativen, auf denen sich eine gesunde Ernährung aufbauen lässt.