Supplemente: Wenn der Hype gefährlich wird

Drei Viertel der Deutschen nehmen Supplemente, oft auf Anregung von Social Media. Doch wann wirken sie wirklich, wo herrschen eher Mythen und wann führen Wechselwirkungen oder Überdosierung zu Risiken?

Ein wachsender Markt mit prominenten Vorbildern

Ein typisches Beispiel für den Hype um Nahrungsergänzungsmittel ist Brian Johnson, ein amerikanischer Multimillionär, der nach dem Motto „Don't die" lebt. Unterstützt von einem Gesundheitsteam konsumierte er zeitweise täglich über 100 verschiedene Substanzen, jeweils morgens, mittags und abends.

Auch abseits solcher Einzelfälle ist der Markt für Nahrungsergänzungsmittel sehr umfangreich und umfasst klassische Vitamine und Mineralstoffe, Proteinpulver, Fokus-Booster, Detox-Produkte sowie Fatburner. Studien belegen, dass Personen, die sich über soziale Medien informieren, häufiger zu bestimmten Präparaten wie Eisen (27,6 % vs. 18,5 %), Omega-3-Fettsäuren (23,3 % vs 17,6 %) oder Proteinen (21,6 % vs. 13,8 %) greifen.

Beispiel 1: Vitamin D – Korrelation ist nicht Kausalität

In sozialen Medien wird Vitamin D häufig mit verschiedenen Erkrankungen wie Typ-1- und Typ-2-Diabetes, Krebs oder Schlaganfällen in Verbindung gebracht. Ein beobachteter Zusammenhang bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass Vitamin D die Ursache ist:

  • Confounding: Menschen mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln sind häufig auch insgesamt seltener draußen aktiv oder weniger gesundheitsbewusst.
  • Reverse Kausalität: Starke Entzündungsprozesse senken das Vitamin-D-Bindeprotein im Blut und damit auch die Spiegel. Die Erkrankung ist hier die Ursache des Mangels, nicht umgekehrt.

Randomisierte kontrollierte Studien zeigen, dass Personen mit ausreichendem Vitamin-D-Spiegel nicht von zusätzlichen Supplementen profitieren. Die Behandlung eines tatsächlichen Mangels bleibt jedoch essenziell und sollte hausärztlich begleitet sowie durch regelmäßige Kontrollen des Vitamin-D-Spiegels überwacht werden.

Die Definitionen der Fachgesellschaften ergeben sich wie folgt:

  • Robert-Koch-Institut und Deutsche Gesellschaft für Ernährung: 
    • Mangel: unter 12 ng/ml, 
    • suboptimal: unter 20 ng/ml, 
    • Zielbereich: 20–50 ng/ml.
  • Die Endocrine Society hat 2024 ihre zuvor festgelegten Zielwerte abgeschafft und gibt keine konkreten Zielbereiche mehr an.

Empfehlungen aus sozialen Medien, Vitamin-D-Werte von 100 bis 200 ng/ml anzustreben, sind nicht nur überflüssig, sondern können auch gesundheitsschädlich sein.

Beispiel 2: Magnesium – das Märchen der Spezialformen

In sozialen Medien wird häufig behauptet, dass spezifische Magnesiumverbindungen gezielt in bestimmten Organen wirken: Mg-Malat für die Muskulatur, Mg-Taurat für das Herz-Kreislauf-System, Mg-Citrat für die Verdauung und Mg-Threonat für das Gehirn.

Aus physiologischer Sicht ist diese Annahme nicht haltbar: Jede Magnesiumverbindung dissoziiert im Darm zunächst in das jeweilige Anion und das Magnesium-Kation. Resorbiert und ins Blut aufgenommen wird vorwiegend das ionische Magnesium, unabhängig davon, aus welcher Ursprungsverbindung es stammt. Sobald das Magnesium im Blut zirkuliert, trägt es kein „Etikett“ mehr, das es zu einem bestimmten Organ wie Gehirn, Muskel oder Herz leiten würde. Die Vorstellung, eine bestimmte Magnesiumverbindung könne gezielt in einem Zielorgan wirken, lässt sich physiologisch daher nicht begründen.

Auch die klinische Datenlage widerspricht dieser Annahme. Zum Beispiel bei der Migräneprophylaxe: Laut Leitlinie haben Mg-Citrat, Mg-Oxid und das ältere Mg-Pidolat eine Wirksamkeit gezeigt, nicht jedoch das als „Gehirn-Magnesium" beworbene Threonat.

Dennoch bestehen Unterschiede zwischen den Magnesiumsalzen hinsichtlich ihrer Bioverfügbarkeit, ihrer Verträglichkeit im Magen-Darm-Trakt sowie potenzieller Zusatzeffekte durch Begleitstoffe wie Glycin oder Taurin.

Beispiel 3: NAD-Booster – große Versprechen, wenig Evidenz

NAD-Booster werden in sozialen Medien häufig als Anti-Aging-Mittel beworben. Sie sollen angeblich die Zellenergie steigern, die Mitochondrienfunktion verbessern, Reparaturprozesse der DNA unterstützen, Entzündungen reduzieren, die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit erhöhen und dadurch sogar zur Lebensverlängerung beitragen. Diese Versprechen konnten in klinischen Studien jedoch nicht belegt werden. NAD ist ein zentrales Molekül im Stoffwechsel und spielt unter anderem in den Mitochondrien sowie bei antioxidativen Prozessen eine bedeutende Rolle. In Mausstudien wurden durch NAD-Supplementierung positive Effekte beobachtet, die jedoch nur selten auf den Menschen übertragbar sind. Beim Menschen ist bisher nur ein Effekt auf bestimmte Entzündungsmarker nachweisbar, dessen Bedeutung jedoch unklar bleibt. Ein Nutzen für die Lebensverlängerung ist nicht belegt.

Hinzu kommen mögliche Risiken: In einer Beobachtungsstudie standen die NAD-Metaboliten 2PY und 4PY im Verdacht, über vaskuläre Inflammation Gefäßschäden zu begünstigen. Personen mit den höchsten Spiegeln wiesen die höchste Inzidenz von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf.

Auch für die beworbenen NAD-Infusionen, die etwa 650 Euro pro Anwendung kosten, gibt es laut einem Review aus April 2026 keine einzige Studie, die einen positiven Effekt auf die Gesundheit oder die Lebensdauer belegt. Ein Preprint dokumentiert lediglich akute Nebenwirkungen wie plötzlichen Stuhldrang.

Beispiel 4: Peptide – ein riskanter Trend

Peptide werden in sozialen Medien zunehmend für Zwecke wie Gewichtsreduktion, Muskelaufbau und Anti-Aging beworben. Davon abzugrenzen sind zugelassene und wissenschaftlich gut untersuchte Peptid-Arzneimittel wie Insulin sowie die GLP-1-Agonisten Semaglutid und Tirzepatid.

Die in sozialen Medien gehandelten Substanzen sind dagegen:

  • nirgendwo auf der Welt als Arzneimittel zugelassen,
  • kaum oder gar nicht in Humanstudien untersucht (oft nur Pilotstudien, keine Phase-1-, Phase-2- oder Phase-3-Studien),
  • aus unklaren Quellen, häufig aus „Untergrundlaboren", ohne Garantie für Reinheit oder Sterilität.

Die Risiken sind erheblich: Bei einer „How-to-Live-Forever"-Konferenz in den USA mussten im vergangenen Jahr zwei Frauen nach der Einnahme solcher Peptide intensivmedizinisch behandelt werden. Ob dies durch Verunreinigungen oder durch den Wirkstoff selbst verursacht wurde, bleibt ungeklärt.

Fazit

Für viele Patienten gehören Nahrungsergänzungsmittel zum Alltag. Die Entscheidung für ein Präparat wird dabei zunehmend von Inhalten sozialer Medien beeinflusst. Zwischen Marketingversprechen und wissenschaftlichen Belegen gibt es oft große Unterschiede. Deshalb ist sachliche Aufklärung in der Praxis wichtig: Mängel sollten behandelt werden, aber unbegründete hohe Dosierungen und unkontrollierte Substanzen wie nicht zugelassene Peptide sollten klar vermieden werden.

Quelle:
  1. DIABETES KONGRESS 2026. Zwischen Hype und Evidenz: Nahrungsergänzungsmittel auf dem Prüfstand [Online video] https://ddg.meta-dcr.com/kongress2026/crs/zwischen-hype-und-evidenz-nahrungserganzungsmittel-auf-dem-prufstand. 13.05.2026. Alessandro Falcone.