Seit 2019 ist die KI-basierte Polypendetektion fester Bestandteil der endoskopischen Routine. Die Evidenzlage ist robust: Über 35 randomisierte kontrollierte Studien mit mehr als 30.000 Patienten zeigen konsistent, dass die Kombination aus Ärzte und KI mehr Krebsvorstufen detektiert als der Arzt alleine. Der Effekt betrifft jedoch überwiegend kleine Polypen, also jene Läsionen, die einen fraglich relevanten Einfluss auf die Krebsinzidenz haben.
Bei klinisch relevanten Befunden wie fortgeschrittenen Adenomen sieht es anders aus. Studien mit mehr als 4.000 Patienten zeigen hier keinen Vorteil der KI-Unterstützung. Der Grund liegt auf der Hand: Seltene Befunde kommen im Trainingsmaterial zu selten vor. Während die KI häufige kleine Polypen gut erkennt, funktioniert sie bei ungewöhnlichen Fällen nicht, hier sind Erfahrung und Erinnerungsvermögen der Ärzte entscheidend.
Prof. Hann berichtet von einer eigenen Erfahrung: In einem Fall widersprach er der Einschätzung der KI, entfernte einen scheinbar harmlosen Polypen und lag mit der Diagnose einer Krebsvorstufe richtig. Solche Situationen zeigen, wie wichtig Erfahrung und Selbstvertrauen im Umgang mit KI sind. Es braucht Mut, einem zertifizierten Medizinprodukt zu widersprechen.
Es besteht auch ein praktisches Risiko: Wer sich zu sehr auf die KI verlässt und Darmabschnitte nicht gründlich genug untersucht, erhält keine KI-Detektion. Das System kann nur erkennen, was auf dem Bild zu sehen ist. Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass die regelmäßige Nutzung von KI zu einem Verlust an eigenen Fähigkeiten führen kann.
Prof. Hann stellt fest, dass jüngere Ärzte oft bewusst Abstand zur KI halten: Viele schalten sie in Testphasen aus, um das Erkennen von Polypen selbst zu üben. Das Erfolgserlebnis, einen Polypen selbst zu finden, ist ein wichtiger Antrieb beim Lernen. Die KI kann diesen Effekt nicht ersetzen, sondern ihn sogar schwächen.
Prof. Hann plädiert für eine differenzierte Indikationsstellung:
Das Team von Prof. Hann entwickelt KI-Anwendungen gemeinsam mit anderen Fachrichtungen und testet sie im Voraus, nutzt im Alltag jedoch keine kommerzielle KI dauerhaft. Er betont, dass die Einführung von KI wissenschaftlich begleitet und nicht von der Industrie bestimmt werden sollte. Trotz aller Begeisterung ist Zurückhaltung wichtig, vor allem dort, wo die Verantwortung beim Arzt bleibt.