Abnehmspritzen und ihre Effekte auf die Haut

GLP‑1‑Rezeptor‑Agonisten sind als „Abnehmspritzen“ weit verbreitet. Neben metabolischen Effekten beeinflussen sie auch Entzündungsprozesse und Hautstruktur.

Die Rolle der Abnehmspritzen für die Haut

Die Entwicklung von Glucagon-like Peptide-1 (GLP-1) reicht über drei Jahrzehnte zurück. Bereits vor mehreren Jahrzehnten zeigten erste Studien, dass GLP-1 die diabetische Stoffwechsellage signifikant verbessern kann. 1983 wurde GLP-1 erstmals als Gensequenz innerhalb des Proglukagons identifiziert. 1993 wurde die stimulierende Wirkung auf die Insulinsekretion entdeckt, gefolgt von der Identifikation zentralnervöser Effekte im Jahr 1996. Im Jahr 2000 begannen klinische Testphasen mit den ersten GLP-1-RA-Derivaten. Neben der Feststellung signifikanter Gewichtsverluste wurde 2016 auch ein kardioprotektiver Effekt nachgewiesen. Seit 2023 werden orale GLP-1-RA in Phase-II- und Phase-III-Studien untersucht.

Synergistische Effekte durch GLP-1-RA und GIP-RA

GLP-1 wird nach der Nahrungsaufnahme von endokrinen Darmzellen ausgeschüttet und fördert die glucoseabhängige Insulinsekretion sowie die Reduktion der Glucagonsekretion. Dadurch wird die Blutzuckerkontrolle durch die Nahrungsaufnahme unterstützt. Darüber hinaus zeigen GLP-1-RA eine signifikante Wirkung auf die Gewichtskontrolle und reduzieren das Risiko für Herz-Kreislauf- sowie Nierenerkrankungen. Diese Effekte könnten auf eine verbesserte Gewichtskontrolle oder auf weitere Mechanismen, etwa die Modulation systemischer Entzündungen, zurückzuführen sein. Zusätzlich senken GLP-1-RA das Risiko metabolischer Lebererkrankungen.

GLP-1-RA wirken nur an den GLP-1-Rezeptoren; Beispiele hierfür sind Semaglutid (bekannt als Ozempic und Wegovy), Liraglutid und Dulaglutid.

Das glukoseabhängige insulinotrope Polypeptid (GIP) stellt eine neue Substanzklasse dar. Dual-Agonisten wie Tirzepatid aktivieren sowohl GLP-1- als auch GIP-Rezeptoren, was zu einem synergistischen Effekt mit verstärkter metabolischer Wirkung führt. Der Triple-Agonist Retatrutid aktiviert zusätzlich den Glukagon-Rezeptor und führt zu einem ausgeprägten Gewichtsverlust sowie zu Verbesserungen der Blutzucker- und Blutfettwerte. Retatrutid befindet sich derzeit in Phase-II-Studien, wobei ein Gewichtsverlust von bis zu 24 % beobachtet wurde. Diese Ergebnisse sind mit denen der bariatrischen Chirurgie vergleichbar; Greiner-Krüger bezeichnet diese Entwicklung als bedeutenden Fortschritt.

Zugelassene Indikationen für GLP-1-RA und Dual-Agonisten:

  • Typ-2-Diabetes
  • Adipositas (ohne oder mit Diabetes) ab BMI 30 oder ab BMI 27 mit mindestens einer gewichtsassoziierten Komorbidität
  • kardiovaskuläre Prävention (bei Patienten mit Typ-2-Diabetes, manifester kardiovaskulärer Erkrankung)
  • Neue Indikationen: Fettleber, Nierenerkrankungen, obstruktive Schlafapnoe

Achtung – keine formale Indikation für die Dermatologie

Wichtig und häufig missverstanden – es besteht keine zugelassene Indikation für:

  • Akne
  • Psoriasis
  • Atopische Dermatitis
  • Hidradenitis suppurativa
  • andere entzündliche Dermatosen

Absolute Kontraindikationen für GLP-1-RA und Dual-Agonisten sind das medulläre Schilddrüsenkarzinom, das MEN-2-Syndrom sowie Schwangerschaft und Stillzeit. Relative Kontraindikationen sind schwere gastrointestinale Motilitätsstörungen, ausgeprägte Essstörungen sowie eine akute Pankreatitis in der Vorgeschichte.

GLP-1-RA zeigen ein breites Spektrum dermatologischer Effekte, das sowohl immunmodulatorische Vorteile als auch unerwünschte Hautreaktionen umfasst. Zu den Nebenwirkungen zählen Juckreiz, Rötungen an der Injektionsstelle, Arzneimittelexantheme, Effluvium und Akne. Zudem treten unter GLP-1-RA häufiger Wundinfektionen auf, und die Wundheilung ist beeinträchtigt.

Eine Arbeit aus 2025 zeigt direkte zelluläre Effekte von GLP-1-RA auf Keratinozyten, Sebozyten, Makrophagen, dendritischen Zellen und T-Zellen. „Alle diese Zellen werden direkt von den GLP-1-RA beeinflusst; das hat natürlich Folgen für viele dermatologische Krankheitsbilder“, sagt Greiner-Krüger. Immunologisch werden NF-κB, Th17 und Zytokine herunterreguliert, weshalb sich GLP-1-RA positiv auf Psoriasis auswirken. GLP-1-RA regulieren die interzellulären Entzündungsenzyme herunter und verhindern zudem die Leukozytenmigration auf vaskulärer Ebene. Greiner-Krüger weist darauf hin, dass der Insulin-Growth-Faktor ebenfalls reduziert wird. Relevant ist das, weil der IGF-1 für die Produktion von Wachstumshormonen verantwortlich ist und damit sowohl den Muskelaufbau als auch die Knochendichte beeinflusst.

Positive Effekte auf Psoriasis und Hidradenitis suppurativa

Bei Patienten mit Psoriasis, die häufig mit dem metabolischen Syndrom assoziiert ist, können GLP-1-RA Vorteile bieten. Sie reduzieren nicht nur die systemische Entzündung, sondern verbessern auch die Insulinresistenz und senken den PASI-Wert. Laut Greiner-Krüger sind GLP-1-Rezeptor-Agonisten bei Adipositas und Diabetes indiziert; die Verbesserung des Hautbildes stellt einen zusätzlichen Nutzen dar. Auch bei Hidradenitis suppurativa, bei der Adipositas ein wesentlicher Risikofaktor ist, führt die Gewichtsreduktion zu einer Verbesserung des Schweregrads, einer geringeren Rezidivrate und einer höheren Lebensqualität. Obwohl GLP-1-RA nicht primär gegen Hidradenitis suppurativa wirken, sind sie bei stark adipösen Patientinnen metabolisch sinnvoll.

Akne kann durch eine Hyperinsulinämie, die IGF-1-Achse und Adipositas verstärkt werden. GLP-1-RA können den Insulinspiegel senken und das hormonelle Milieu verändern. Deshalb wird beim PCOS ein gutes Ansprechen beobachtet. „Bei Patientinnen und Patienten mit einem nicht ganz so hohen BMI – zwischen 27 und 30 – kann es hingegen sein, dass sich die Akne unter GLP-1-RA verschlechtert“, erklärte Greiner-Krüger.

Einfluss der GLP-1-RA auf ästhetische Behandlungen

Eine Studie aus dem Jahr 2025 belegt, dass GLP-1-RA auf aus Fettgewebe gewonnene Stammzellen (ADSC) sowie auf Fibroblasten wirken, die GLP-1R auf ihrer Zelloberfläche exprimieren. Die Stimulation dieser Rezeptoren verringert die Fähigkeit der ADSC, schützende Zytokine zu produzieren. Das Fehlen dieser Zytokine fördert die Bildung reaktiver Sauerstoffspezies (ROS) und verursacht oxidative Schäden an den Fibroblasten. Darüber hinaus reduziert GLP-1-RA die Glukoseaufnahme der ADSC, was zu einer verminderten ATP-Produktion und Apoptose führt. Greiner-Krüger betont: „Man muss festhalten, dass viele Patienten, die GLP-1-RA erhalten, unter dem ‚Ozempic-Gesicht‘ und unter Gesichtsalterung leiden.“ Diese Komplikation scheint nicht ausschließlich mit einem Rückgang der Fettanteile im Gesicht zusammenzuhängen; offenbar gibt es weitere Alterungsmechanismen, die noch aufgeklärt werden müssen.“

Eine Studie aus 2019 zeigt, dass gesundes Fettgewebe eine dynamische extrazelluläre Matrix (ECM) reich an Kollagen IV und VI, Laminin und Elastin sowie eine geordnete Adipozytenarchitektur und Elastizität aufweist. Bei einer Gewichtsabnahme von über 10 % erfolgt jedoch eine Umwandlung der adipösen ECM durch ungeordnete Degradation, Fibrose und Makrophagen-Infiltration sowie durch veränderte Matrixmetalloproteinasen (MMP). „Das Fett geht zurück, aber es entsteht eine Art von Fibrose“, erklärt die Expertin.

Wie kommt es zum „Ozempic Face“?

Eine radiographische Untersuchung an 20 Patienten, die ein Jahr lang mit GLP-1-RA behandelt wurden und dabei durchschnittlich 11 kg abnahmen, zeigte, dass ein rascher Gewichtsverlust zu Fettabbau im Gesicht, Kollagenverlust und veränderter Hautelastizität führt. Diese Veränderungen äußern sich in Stirnfalten, Augenringen, eingefallenen Wangen sowie erhöhter Hautlaxizität an der Kieferlinie und am Hals. „Die Studienergebnisse zeigen: Pro 10 kg Körpergewicht kommt es zu einem Volumenverlust im Gesicht von 7 bis 10 %.“ Ähnliche Befunde wurden auch nach bariatrischer Chirurgie beobachtet. Der größte Volumenverlust tritt im Mittelgesicht auf, was zu einer Zunahme der Hautlaxizität am Hals, zu tiefen Nasolabialfalten und zu einer Abflachung der Wangen führt. „Unter Einnahme von Ozempic erscheinen Patienten 5 Jahre älter als solche ohne Gewichtsverlust. 41,8 % der Volumenverluste fanden im oberflächlichen temporalen Fettpolster statt, 69,9 % im Bereich der tiefen Wangenfettpolster.“

Bei Patienten mit GLP-1-RA: Worauf sollte man achten?

In der dermatologisch-ästhetischen Behandlung sollte bei Patienten, die 10 kg oder 10 % ihres Körpergewichts durch GLP-1-RA verloren haben, auf bestimmte Gesichtsbereiche besonders geachtet werden. Ausschlaggebend ist das Mittelgesicht – es entwickeln sich Augenringe. Augenringe sind die Folge eines Volumenverlusts im SOOF und in den mittleren Wangenkompartimenten. Es kommt zu einem Abbau der Kieferlinie, zur Ausbildung von Hängebäckchen sowie zu einem Qualitätsverlust der Haut (Elastizität und Trockenheit).

GLP-1-RA beeinflussen auch die Muskelmasse. Eine Studie mit 100 Patienten zeigte, dass 60 bis 75 % des unter GLP-1-RA erzielten Gewichtsverlusts auf den Abbau von Fettmasse und 25 bis 40 % auf eine Reduktion der Muskelmasse zurückzuführen sind. Innerhalb von 12 bis 18 Monaten nimmt zudem die Knochenmarksdichte um 1 bis 3 % ab. Daher wird empfohlen, täglich 1,2 bis 2 g Protein pro kg Körpergewicht zuzuführen, entweder durch eine proteinreiche Ernährung oder durch die Ergänzung mit Proteinpulver.

Wie sollten diese Patienten behandelt werden?

Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2023 zeigt den Aufbau der Haut. Greiner-Krüger betont, dass man für die Behandlung dieser Patienten in Schichten denken und jede einzelne Schicht adressieren müsse. Im oberflächlichen Fettkompartiment lässt sich gut mit Skin-Boostern arbeiten, also mit leicht vernetzter Hyaluronsäure. Polymilchsäure (PLLA) kommt infrage, ebenso Calciumhydroxyapatit. Für den Aufbau der tieferen Fettschicht wird Hyaluronsäure eingesetzt.

Der Konsens in der ästhetischen Dermatologie ist, dass Patienten mit Gewichtsverlusten von >10 % des Körpergewichts ästhetisch begleitet werden müssen. Dazu gehört:

  • effektives Management von Patienten mit Volumenverlust im Gesicht, Hauterschlaffung und Veränderung der Bodykontur
  • Frühzeitige Kombination aus Injektionen, energiebasierten Verfahren (EBD), topischen Behandlungen und ggf. chirurgischen Eingriffen
  • Verständnis der molekularen Mechanismen der Haut- und Fettgewebsveränderungen
  • Verständnis der Stabilisierung der oberflächlichen und tieferen Fettkompartimente
  • Förderung der körperlichen Fitness und des psychischen Wohlbefindens zur Erhöhung der Patientenzufriedenheit
  • chirurgisch-ästhetische Eingriffe erst nach Stabilisierung des Gewichts für 6 Monate
Quellen:
  1. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40135183/ 
  2. https://www.jaad.org/article/S0190-9622(25)00957-0/abstract 
  3. https://www.mdpi.com/2077-0383/13/21/6292 
  4.  https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32442310/ 
  5. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/39346804/ 
  6. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40135477/