- Dermatologie kompakt + praxisnah (KoPra), 26. – 28. Februar 2026, Congress Center Leipzig. Impulsvortrag: Patientensteuerung – digital gedacht: Neue Wege in der Akutdermatologie. 27. Februar 2026. https://www.derma-tagungen.de/
Auf immer weniger Ärzte kommen immer mehr, zunehmend ältere und damit auch multimorbidere Patienten. Eine Auswertung aus 2021 (DOI: 10.1111/ddg.14620_g) zeigt: Die Gesamtzahl der stationären Behandlungsfälle ist in Deutschland zwischen 2000 und 2018 um durchschnittlich 17,5% gestiegen, bei Hautkrankheiten um 26,6% und die Zahl der Hautkrebsfälle hat sich fast verdoppelt.
„Unser Hauptproblem ist, dass die Akutkranken nicht rechtzeitig Termine erhalten“, berichtete Overbeck. Ob in der Klinik oder in der Praxis – häufig höre man von Patienten, dass sie leider keinen früheren Termin bekommen hätten. In Anbetracht des steigenden Patientenaufkommens sind digitale und telefonische Verfahren zur Ersteinschätzung essentiell. Die drei Wege in die akutdermatologische Versorgung sind:
Dass sich die Menge an Patienten allein durch Primärärzte steuern lässt, hält Overbeck für nicht realistisch, zumal schon jetzt in vielen Bundesländern Hausärzte fehlen. In Niedersachsen beispielsweise waren im Dezember 2025 447 Niederlassungsmöglichkeiten für Hausärzte nicht besetzt, besonders auf dem Land ist die Versorgungslücke groß.
Möglicherweise könnte Teledermatologie eine Lösung sein, doch Overbeck gibt zu bedenken, dass auch solche Tools Limitationen haben. Bei der bildbasierten Fernbegutachtung stellen sich grundlegende Fragen: Welche Stelle wird fotografiert, und wie wird befundet? Auch die Aufnahmebedingungen (Handy), Bildqualität und Auflösung spielen eine wichtige Rolle. Kommen darüber hinaus KI-gestützte Analyseverfahren zum Einsatz, ist entscheidend, mit welchen Daten der Algorithmus trainiert wurde und ob beispielsweise auch seltene Diagnosen ausreichend berücksichtigt wurden.
Die Software Strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland (SmED) unterstützt gesondert geschultes medizinisches Fachpersonal der Patientenservicerufnummer 116117 seit 2020 bei der Abklärung des Versorgungsbedarfs durch einen Leitfaden an strukturierten Fragen. Ausgangspunkt sind die vom Anrufer geschilderten Beschwerden. Durch entsprechend gezielte Fragestellungen kann eine fundierte Empfehlung zur Behandlungsdringlichkeit und zum geeigneten Behandlungsort ermöglicht werden. Der Abfrageprozess von SmED erfasst systematisch Symptome (Haupt- und Nebenbeschwerden), Komorbiditäten und Vorerkrankungen sowie Risikofaktoren (sogenannte „Red Flags“). Auf dieser Basis generiert das System eine Empfehlung hinsichtlich der Versorgungsdringlichkeit, des geeigneten Behandlungsortes und ggf. notwendiger Ressourcen oder Kompetenzen, die als Entscheidungsgrundlage für die weitere Zuweisung oder Therapie dient.
SmED basiert auf dem evidenzbasierten Swiss Medical Assessment System (SMASS), ist allerdings nicht fachspezifisch. Um zu untersuchen, wie gut SmED in der Steuerung von Patienten mit akuten dermatologischen Problemen funktioniert, haben Overbeck und ihre Kollegen in ihrer Praxis im Süden von Niedersachsen das Pilotprojekt DermAkut durchgeführt. Es lief über ein halbes Jahr, über die Nummer 116117 konnten Patienten Praxistermine vereinbaren. Sie riefen dazu den Patientenservice an und schilderten ihr Problem. Für das Pilotprojekt waren nur die Patienten interessant, die als TSS (Akutfall) definiert waren, die also innerhalb von 24 Stunden einen Termin erhalten sollten. Bei Ersteinschätzung als Akutfall konnte der jeweilige Mitarbeiter des Patientenservices auf der Praxis-Homepage einen Slot für Akutfälle buchen.
Die Ziele des Projektes waren:
Overbeck betonte, dass gut geschultes Personal in den Callcentern immens wichtig ist, die KV Niedersachsen hatte deshalb zusammen mit einem externen Dienstleister ein Schulungsmodul für diese Mitarbeiter entwickelt. Das Projekt umfasste dabei folgende Maßnahmen und Ergebnisse:
„Unser Ziel, dass SmED mehr genutzt wird, hat funktioniert. Es gab eine Zunahme der TSS-Fallbuchungen um +106% für Haut-und Geschlechtskrankheiten“, berichtete Overbeck. Für den Vergleich Disposition durch SmED mit der fachärztlichen Bewertung wurden Fragebögen eingesetzt. Deren Auswertung ergab einen hohen Prozentsatz (90,6%) korrekt eingeschätzter dermatologischer Beschwerden durch SmED. Ebenfalls hoch war der Prozentsatz der korrekt eingeschätzten Versorgungsdringlichkeit über SmED, er lag bei 84,4%. Die Ersteinschätzung akuter dermatologischer Probleme über SmED ist Overbecks Einschätzung nach ein vielversprechender Weg.