Die Vitiligo wird heute immunpathogenetisch definiert – ein fundamentaler Wandel gegenüber dem Verständnis von vor zehn Jahren. Prof. Böhm beschreibt, wie zielgerichtete Therapien, insbesondere topische und systemische JAK-Inhibitoren, dieses neue Krankheitsmodell in die Praxis übersetzen. Substanzen, die das immunologische Krankheitsgedächtnis adressieren, rücken dabei zunehmend in den Fokus.
Stress, Neurohormone und Immunsystem bilden bei Vitiligo ein komplexes Zusammenspiel. Prof. Böhm verweist auf aktuelle Daten chinesischer Arbeitsgruppen, die zeigen, dass CGRP-Antagonisten – bekannt aus der Migränetherapie – Neuroinflammation reduzieren und Repigmentierung induzieren können. Damit zeichnet sich ein völlig neuer therapeutischer Ansatz ab, der neuroimmunologische Mechanismen gezielt adressiert.
Prognostische Marker, die eine gezielte Patientenselektion für kostenintensive Therapien ermöglichen, fehlen bislang. Prof. Böhm sieht jedoch Fortschritte bei minimal-invasiven Methoden, mit denen sich aus der Haut molekulare Signaturen gewinnen lassen. Diese könnten künftig anzeigen, ob eine Läsion auf eine bestimmte Therapie anspricht – ein entscheidender Schritt hin zu einer präziseren Versorgung.
Mit neuen Therapieoptionen steigen die Erwartungen der Patienten. Prof. Böhm betont die Bedeutung von Shared Decision Making: Patienten müssen wissen, was eine Therapie leisten kann – und was nicht. Difficult-to-Treat-Areas etwa sprechen auch auf neueste Wirkstoffe nur begrenzt an. Gleichzeitig ermutigt er, Patienten auf die Dynamik der aktuellen Forschungslage hinzuweisen: Zahlreiche Substanzen befinden sich in klinischer Prüfung.
Für systemische Immunmodulatoren braucht es belastbare Langzeit- und Real-World-Daten. Prof. Böhm verweist auf das Register VitiBest, das unter seiner Co-Leitung gemeinsam mit Prof. Augustin aufgebaut wurde. Insbesondere die Frage nach Malignomraten bei langfristiger Immunmodulation müsse systematisch beantwortet werden.
Junge Forschende rücken die psychosoziale Krankheitslast von Pigmentstörungen stärker in den Fokus – mit Arbeiten zu Stigmatisierung, Leidensdruck und digitalen Interventionen. Prof. Böhm sieht in E-Mental-Health-Programmen einen wichtigen Baustein für die holistische Versorgung von Vitiligo-Patienten in Deutschland.