Deutschland steht vor tiefgreifenden Veränderungen im Gesundheitssystem. Verkrustete Strukturen, langsame Digitalisierung und ineffiziente Prozesse könnten dazu führen, dass das System den Anschluss verliert. Während international neue Versorgungsmodelle entstehen, reagiert das deutsche Gesundheitswesen häufig zu zögerlich. Für Prof. Gerlach ist klar: Die Zukunft der Versorgung wird jetzt gestaltet – wer sie nicht aktiv mitgestaltet, wird von externen Akteuren gestaltet.
Digitale Plattformen verändern bereits heute viele Branchen – und zunehmend auch den Gesundheitsmarkt. Tech-Unternehmen und Plattformanbieter entwickeln komfortable digitale Angebote für Patienten: schnelle Terminvergabe, digitale Diagnostik und niedrigschwellige Therapiezugänge. Für Arztpraxen bedeutet das einen steigenden Wettbewerbsdruck. Lange Wartezeiten und fragmentierte Abläufe werden für viele Patienten künftig kaum noch akzeptabel sein.
Als Antwort auf diese Entwicklung skizziert Gerlach das Modell der „Praxis 2.0“. Im Zentrum steht eine interprofessionelle Teampraxis, in der verschiedene Gesundheitsberufe zusammenarbeiten. Hausärzte, Fachärzte und weitere Professionen könnten gemeinsam in Primärversorgungszentren tätig sein und Patienten sektorenübergreifend betreuen. Digitale Infrastruktur und gemeinsame Versorgungsnetzwerke sollen dabei eine effizientere und koordinierte Versorgung ermöglichen.
Ein großes Potenzial sieht Gerlach in der intelligenten Delegation von Routinetätigkeiten an KI-Systeme. Technologien wie Ambient Scribing könnten Arzt-Patienten-Gespräche automatisch dokumentieren und strukturieren. Während des Gesprächs erstellt die KI Anamnese, Befunddokumentation, Verdachtsdiagnose und Therapieentwurf – die Ärztin oder der Arzt überprüft lediglich die Vorschläge. Dadurch könnten administrative Belastungen deutlich reduziert und mehr Zeit für den direkten Patientenkontakt geschaffen werden.
Auch wenn KI viele Routineaufgaben übernehmen könnte, sieht Gerlach die ärztliche Rolle langfristig gestärkt. Komplexe Diagnostik, individuelle Therapieentscheidungen und empathische Patientenführung bleiben zentrale ärztliche Aufgaben. Gerade in einer zunehmend technisierten Medizin könnten Ärztinnen und Ärzte stärker als Lotsen und Berater auftreten – und Patienten auch vor Überdiagnostik oder unnötiger Therapie schützen.
Eine weitere zentrale Forderung betrifft die strukturelle Organisation der Versorgung. Die strikte Trennung zwischen ambulanter und stationärer Medizin gilt international als ungewöhnlich stark ausgeprägt. Für eine effizientere Versorgung müsse diese Grenze überwunden werden. Diagnostik und Therapie sollten künftig dort stattfinden, wo sie für Patientinnen und Patienten am sinnvollsten sind – unabhängig von sektoralen Zuständigkeiten.