- Vortrag von Julia-Annabell Georgi: “VEXAS-Syndrom – Die Diagnose, an die man (noch) zu selten denkt” GSK-Industriesymposium, DGHO 2026, Wien, 10.10.2026, 8:25–9:00 Uhr.
Das VEXAS-Syndrom wird durch eine im Laufe des Lebens erworbene genetische Mutation in blutbildenden Stammzellen ausgelöst.
Die Abkürzung steht für fünf charakteristische Merkmale:
Typisch sind chronische, oft schwer behandelbare Entzündungen, die verschiedene Organe betreffen können:
Bei einem Teil der Patienten entwickelt sich außerdem ein myelodysplastisches Syndrom (MDS).
Zur Geschichte: Vor knapp sechs Jahren führte eine Arbeitsgruppe um David Beck eine Reihe ungeklärter Entzündungssyndrome auf somatische Mutationen im Gen UBA1 zurück. Inzwischen liegen internationale Konsensusempfehlungen unter dem Dach des American College of Rheumatology und seit Juni 2026 die erste deutschsprachige Leitlinie in Onkopedia vor.
Zur Entstehung: Die in hämatopoetischen Stammzellen erworbenen Mutationen führen zum Verlust der aktiven Isoform des E1-Enzyms, das den ersten Schritt der Ubiquitinierung katalysiert. Der resultierende Zellstress aktiviert das angeborene Immunsystem – mit systemischer Autoinflammation, Suppression der Hämatopoese und klonalen Knochenmarkerkrankungen als Folge.1 Betroffen sind fast ausschließlich Männer über 50 Jahre. Frauen erkranken sehr selten, meist bei einer Monosomie X.1
In einer Analyse von 163.096 Teilnehmenden einer US-amerikanischen Bevölkerungskohorte lag die Prävalenz des VEXAS-Syndroms bei 1:13.591, unter Männern über 50 Jahren sogar bei 1:4.269. In myeloischen Genpanels fand sich bei knapp 1 % der Patienten eine UBA1-Variante. Für den deutschsprachigen Raum sind etwa 4.500 Betroffene zu erwarten, inklusive Dunkelziffer, so Georgi.1
VEXAS kann nahezu alle Organsysteme betreffen: Haut (meist neutrophile Dermatosen, oft Erstmanifestation), Lunge, Gelenke, Augen sowie Ohr- und Nasenknorpel. Hinzu kommen Fieber, Gewichtsverlust sowie dauerhaft erhöhte Entzündungswerte. Leitbefund ist die makrozytäre Anämie bei rund 95 % der Patienten. Auch Myelodysplastische Neoplasie (MDS) und Plasmazelldyskrasien können vorkommen.1
Das klinische Erscheinungsbild kann stark variieren: Das Spektrum reicht vom schwer kranken, therapierefraktären MDS-Patienten mit progredienter Panzytopenie bis hin zum MDS-Patienten mit progredienter Anämie, jedoch ohne systemische Symptomatik.
VEXAS-Patienten mit rezidivierender Polychondritis und persistierender makrozytärer Anämie werden oft zunächst beim HNO-Arzt vorstellig. Das VEXAS-Syndrom ist ein Chamäleon, das sich hinter vielen verschiedenen Diagnosen verstecken kann. Erst die UBA1-Diagnostik bringt Licht ins Dunkel.1
Zu den Vor- und Fehldiagnosen zählen u.a.:
Die Leitlinie nennt drei Konstellationen, wann gezielt getestet werden sollte:
Der MAEDA- und SWIM-Score helfen beim Priorisieren.1
VEXAS ist mit einer erhöhten Mortalität assoziiert.1 Schwere Infektionen betreffen vor allem die Lunge, oft mit atypischen oder opportunistischen Erregern wie Legionellen oder Pneumocystis jirovecii – auch ohne Immunsuppressiva. Eine Prophylaxe gegen Pneumocystis und Herpesviren muss laut Georgi früh erwogen werden. Venöse Ereignisse können trotz Antikoagulation auftreten.1
Glukokortikoide kontrollieren die Entzündung rasch, doch beim Ausschleichen flammt die Erkrankung häufig wieder auf.
Außerdem können JAK-Inhibitoren, IL-1- oder IL-6-Inhibitoren sowie konventionelle synthetische krankheitsmodifizierende Antirheumatika eingesetzt werden. Antiklonale Wirkung besitzen Azacitidin und die einzige potenziell kurative Option: die allogene Stammzelltransplantation. Diese kommt jedoch nur für wenige Patienten infrage. Für VEXAS ist keine dieser Substanzen zugelassen, betonte Georgi.1
Bislang beruhen alle Therapieempfehlungen auf retrospektiven Daten und Fallserien. Das soll sich nun mit zwei placebokontrollierten Studien ändern. In beiden Studien (ATLAS und PAXIS) soll die Wirksamkeit und Sicherheit des jeweiligen Inhibitors von JAK2, IRAK1 und ACVR1 (Aktivin-A-Rezeptor Typ I / ALK2) zur Prävention von VEXAS-Schüben nach dem Ausschleichen von Glukokortikoiden bewertet werden.1