„Die Welt erforschen, gemeinsam handeln“ – Gerhard Steinbeck und die Herzmedizin

Wann ist der richtige Zeitpunkt für die ICD nach dem Myokardinfarkt? Gerhard Steinbeck über Studien, Learnings und VHF-Therapie – ausgezeichnet mit dem DGK-AFNET Lecture Award.

Gerhard Steinbeck im Porträt

Steinbeck, 1946 geboren, studierte 1966 bis 1971 Medizin in Berlin, Hamburg und Göttingen. Er promovierte 1972, ein DFG-Forschungsstipendium in Maastricht folgte. Steinbeck habilitierte sich 1981 an der LMU München und unternahm Forschungsaufenthalte in Oklahoma bei Prof. Warren Jackman. Von 1994 bis 2014 war er Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik I der LMU München und hatte den Lehrstuhl inne. Seit 2014 ist Steinbeck am Zentrum für Kardiologie und Angiologie des Klinikums Starnberg tätig.

Er half dabei mit, AFNET zu gründen und ein starkes kooperatives Netzwerk aufzubauen, das die VHF-Forschung bis heute vorantreibt. 2013 war er Teil des AFNET-Lenkungsausschusses und ist seitdem Mitglied des AFNET-Vorstandes. Er ist Herausgeber der „Therapie innerer Krankheiten“ und hat mehr als 300 Originalarbeiten veröffentlicht. Sein Motto „Die Welt erforschen, Persönlichkeit entfalten, gemeinsam handeln“ habe bei seinen Studierenden einen großen Eindruck hinterlassen und sie nachhaltig geprägt, sagte Prof. Ravens.

ICD nach Myokardinfarkt: Auf den richtigen Zeitpunkt kommt's an

In seiner Lecture rief Prof. Steinbeck Studien zur ICD-Implantation nach einem Myokardinfarkt sowie zu kardiovaskulären Ereignissen nach Fußball-Länderspielen in Erinnerung. Dass die prophylaktische ICD-Therapie bei Patienten mit akutem Myokardinfarkt und klinischen Merkmalen die Gesamtmortalität nicht senken konnte, wiesen Steinbeck und sein Team in einer Studie im Oktober 2009 nach1.

Bereits die DINAMIT-Studie hatte 2004 gezeigt: Die prophylaktische ICD-Therapie senkt die Gesamtmortalität bei Hochrisikopatienten nach einem Myokardinfarkt nicht. Zwar war die ICD-Therapie mit einem Rückgang der Sterblichkeitsrate aufgrund von Herzrhythmusstörungen verbunden, doch der Effekt wurde durch einen Anstieg der Sterblichkeitsrate aufgrund von nicht-arrhythmischen Ursachen wieder aufgehoben. „Die Frage war: Haben wir einen Fehler gemacht? Was hätten wir besser machen können?“, berichtete Steinbeck. Im Rückblick gelte: Ja, man habe es etwas besser machen können. Die ICDs wurden sehr früh implantiert, die Fähigkeit des Herzens, sich in gewissem Umfang zu erholen, wurde dabei nicht berücksichtigt.

Bei einem Teil der Patienten verbessert sich die EF wieder

Die CARISMA-Studie konnte 2009 zeigen, dass sich tödliche oder lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen bei Patienten mit verminderter LVEF nach akutem Myokardinfarkt mithilfe zahlreicher Methoden zur Risikostratifizierung vorhersagen lassen, insbesondere anhand der Herzfrequenzvariabilität3. Die Studie umfasste 188 Patienten mit reduzierter EF (34 %) nach einem Myokardinfarkt. Nach sechs Wochen erfolgte ein zweites Echo.

Dabei zeigten sich zwei Patientengruppen. Bei der Hälfte der Patienten blieb die EF reduziert. Bei einem Viertel der übrigen Patienten kam es zu einer milden Verbesserung, und ein weiteres Viertel wies schließlich eine substanzielle Verbesserung der EF auf. „Das hätten wir wissen sollen, als wir damals unsere Studie geplant haben“, sagte Steinbeck. Daraus lässt sich lernen, dass der Zeitpunkt der ICD-Implantation nach einem Herzinfarkt optimiert werden sollte; die ICD-Therapie lässt sich durch Programmierung des ICD und durch subkutane und substernale ICD-Implantation verbessern.

Fußball-Länderspiele gehen aufs Herz

Wie stressig ist das Schauen von Länderspielen der deutschen Nationalmannschaft fürs Herz? Kardiovaskuläre Ereignisse bei Patienten im Großraum München wurden während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 von Notärzten prospektiv erfasst. Steinbeck und sein Team verglichen diese Zahlen mit Ereignissen, die im Kontrollzeitraum 2006, 2003 und 2005 auftraten4. Sie fanden heraus:

Das Anschauen eines spannenden Fußballspiels erhöht das Risiko für ein akutes kardiovaskuläres Ereignis um mehr als das Doppelte. Inzwischen bestätigen viele Studien diesen Zusammenhang.

Nicht so eine zwei Jahre später erschienene Analyse des Instituts für Gesundheitsökonomie und Klinische Epidemiologie in Köln, das Daten von 7,2 Millionen Versicherten ausgewertet hatte. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass Länderspiele das kardiovaskuläre Risiko nicht erhöhen. „Ein Blick in diese Analyse hat aber gezeigt: Die meisten Fälle wurden an Montagen verzeichnet, was nur bedingt mit Notfällen nach Fußball-Länderspielen zu tun hatte.“ Das Studiendesign sei wohl eher ungeeignet gewesen, um das Phänomen realistisch abzubilden. Entsprechend überrascht waren Steinbeck und sein Team, als die Süddeutsche Zeitung auf ihrer Seite 1 seinerzeit dazu titelte: „Fußball fürs Herz. Länderspiele erhöhen das Infarktrisiko nicht – außer in München.“

Transformativer Behandlungsansatz für VHF gefordert

In ihrem 10. Positionspapier fordert die AFNET EHRA auf, einen transformativen Ansatz zur Behandlung von VHF zu verfolgen, berichtet Dr. Sinner. Die Behandlung geht über die Schlaganfallprävention hinaus und umfasst nun auch die Therapie von Begleiterkrankungen sowie die Verringerung der Belastung durch VHF, wobei Rhythmuskontrolltherapien eine immer wichtigere Rolle spielen. Die Autoren des Papiers fordern integrierte, patientenzentrierte Ansätze, die Rhythmuskontrolle, Schlaganfallprävention und KI-gestützte Risikobewertung einsetzen, um die Behandlungsergebnisse zu verbessern und die Gesundheitskosten zu senken.

CLOSURE-AF: Medikamente schlagen LAAO

Bei Patienten mit VHF und hohem Schlaganfall- und/oder Blutungsrisiko sind Medikamente zur Schlaganfallprävention effektiver als der Verschluss des linken Vorhofohres (LAAO). Die LAAO-Strategie erreichte nicht die Nichtunterlegenheit; das ergab die CLOSURE-AF-Studie, erinnerte Prof. Eitel.

Ob möglicherweise andere Patientengruppen (z. B. mit niedrigem Risiko) eher von der LAAO-Behandlung profitieren, müssen zukünftige Studien zeigen.

Eitel betonte, dass sich das Fachgebiet rasant weiterentwickle. Laufende RCTs (CATALYST, LAAOS-4, LAA-KIDNEY) werden das Fachgebiet neu definieren.

Im Anschluss erhielt Prof. Steinbeck den „DGK-AFNET Lecture on Arrhythmias Award“ durch die Chairmen Dr. Renate Schnabel, Hamburg, und Dr. Reza Wakili, Frankfurt a. M. überreicht.

Quellen:
  1. Studie: https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa0901889 
  2. DINAMIT-Studie: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15590950/
  3. CARISMA-Studie: https://academic.oup.com/eurheartj/article/30/6/689/641369
  4. Studie Steinbeck: https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa0707427
  5. Analyse: Coded diagnoses of patients admitted to hospital because of angina pectoris, cardiac arrtythmias, cardiac arrest and ventricular fibrillation, taken from 7,2 million members of BARMER Insurance Company. PD. Dr. Markus Lüngen, 2010.
  6. 92. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), 8. bis 11. April 2026, Congress Center Rosengarten Mannheim. Session: 23 years of AFNET: current AF therapy – rhythm control and prevention of thromboembolism. 10. April 2026.