"Gelegentlich müssen wir protestieren"

Interview mit Prof. Dr. Oliver Hakenberg von der Universitätsklinik Rostock über Inhalte, Kontroversen und Highlights des Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Urologie..

Der Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie steht vor der Tür, diesmal findet er in Hamburg statt. esanum befragt den Kongresspräsidenten Prof. Dr. Oliver Hakenberg von der Universitätsklinik Rostock vorab zu Inhalten, Kontroversen und Highlights des Kongresses.

esanum: Prof. Hakenberg, der Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Urologie ist dieses Jahr überschrieben mit vier Schlagworten: „Mensch, Maschine, Medizin, Wirtschaft“ – welche programmatischen Gedanken stecken hinter diesem Motto?

Hakenberg: Wir erleben einen Umbruch in der Medizin, der sich unter anderem in zunehmender Technisierung, Digitalisierung und Arbeitsverdichtung ausdrückt. Die Medizin soll immer mehr leisten, gleichzeitig sehen wir überall Personalknappheit. In diesem Zusammenhang steht einerseits natürlich der Patient im Fokus, aber auch die Ärzte und Pflegenden - die Frage, wie sich das alles in Zukunft entwickeln kann, die beschäftigt uns alle. Das Problem ist, dass wir eine zunehmende Ökonomisierung haben und wir andererseits immer teurer werden, dass Liegezeiten immer kürzer werden, dass der Durchlauf im Krankenhaus immer hektischer wird, und das bei gleichzeitig Personalmangel und Arbeitszeitgesetz. Hier haben wir ganz viele Konfliktbereiche, die zum großen Teil kaum auflösbar sind. Diese Problematik soll mit diesen vier Worten angerissen sein.

esanum: Wird das alles in der geballten Art, wie Sie es hier formulieren, auf dem Kongress diskutiert?

Hakenberg: Ja, wird es. Vieles davon, so die Arbeitsbelastung für die Ärzte, die Ökonomisierung, der Einsatz von künstlicher Intelligenz und die Digitalisierung. Wir versuchen, diese Problemfelder darzustellen und zu diskutieren. Lösen können wir sie natürlich nicht.

esanum: Was will der Kongress dann erreichen?

Hakenberg: Wir wollen darstellen, was auf uns alle zukommt und wie es weitergehen kann. Lösungsansätze werden ganz wesentlich von außen bestimmt, nämlich von der Gesundheitspolitik, die ja große Versprechungen macht hinsichtlich Qualitätssicherung, um nicht zu sagen: Kontrolle. Damit wird dem Gesundheitswesen immer mehr Bürokratisierung aufgebürdet, ohne dass sich das finanziell oder in entsprechendem Personalstellen abbildet. Es werden Mindestzahlen für das Pflegpersonal festgelegt, das ist zumindest angedacht. Aber es wird nicht bedacht, was das finanziell für die Krankenhäuser bedeutet. Das sind alles Dinge, die von außen kommen, wo wir gelegentlich auch protestieren müssen.

esanum: Ist Ihr Kongress demnach eine Art Hilfeschrei?

Hakenberg: So drastisch würde ich es nicht formulieren, aber es ist die Thematisierung aktueller Probleme.

esanum: Naturgemäß nimmt das Prostatakarzinom wieder einen großen Raum im wissenschaftlichen Programm ein. Was gibt es hier Neues zu berichten?

Hakenberg: Das Prostatakarzinom hat immer einen großen Raum eingenommen und dieses Jahr ganz besonders deutlich. Es hat mich auch etwas überrascht, dass die Einsendungen an wissenschaftlichen Beiträgen ganz überwiegend zum Prostatakarzinom kamen. Im Vordergrund stehen dabei die Biopsietechnik mit bildgebender Diagnostik in verschiedenen Varianten. Die meisten Patienten bekommen neuerdings vor einer Biopsie ein MRT. Darüber hinaus gibt es immer mehr und klarere Behandlungsempfehlungen für das hormonrefraktäre oder kastrationsresistente metastasierte Prostatakarzinom. Es kommen auch ständig neue Medikamente auf den Markt, beispielsweise Apalutamid. Das stellt immer weitere Option zur Lebensverlängerung dar.

esanum: Viele Urologen hoffen auf die Zulassung der PSA-Diagnostik, etliche finden diesen Schritt überfällig – wie ist der Stand?

Hakenberg: Wir empfehlen als Fachgesellschaft seit langem, den PSA-Wert zu bestimmen, wenn jemand eine Früherkennung möchte. Es ist aber nach wie vor eine IGEL-Leistung. Wir fordern seit Jahren, dass die Kassen das übernehmen sollen. Jetzt ist das Thema durch den Bundesverband der Prostatakrebsselbsthilfe an den G-BA herangetragen worden, damit dort eine Neubewertung stattfindet. Ich denke, das wird positiv entschieden werden.

esanum: Welche Highlights möchten Sie Kongressbesuchern ans Herz legen?

Hakenberg: Wir haben sehr schöne Operationssessions, auf denen mit Filmen gearbeitet wird. Da geht es häufig um Laparoskopie und roboterassistierte Operationen. Weitere Highlights sind gemeinsame Sessions mit benachbarten Fachdisziplinen, wie Nephrologie, Strahlentherapie, Radiologie, Pathologie, die immer wieder auftauchende Problemfelder in der gemeinsamen Patientenbetreuung diskutieren werden.

esanum: Bei allen Erfolgen - welche medizinischen Probleme Ihres Faches werden auf dem Kongress thematisiert?

Hakenberg: Ein großes Problem ist die Tumortherapie bei älteren Menschen. Da ist die Frage, wieviel Therapie kann man jemandem zumuten und ist es sinnvoll, jeden Tumor bei einem 85-Jährigen zu behandeln. Darüber wird auch in Hinblick auf geriatrische Fragen diskutiert. Ob man zum Beispiel Lebenserwartung und Leistungsfähigkeit künftig für den Einzelnen besser klassifizieren kann, um zu einem ausgewogenen Urteil zu kommen.

Auch Probleme der operativen Therapie bei Harninkontinenz bei Frauen und Männern werden diskutiert werden. Es geht hier zum Beispiel um die Besinnung auf bestimmte etablierte Dinge, die etwas in Vergessenheit geraten sind und die Konzentration auf wenige effektive Operationsmethoden. Beispielsweise haben wir die Problematik, dass die Bänder, die wir beim Prolaps der Frau und Inkontinenz verwenden, sehr effektiv waren, diese jetzt aber von der FDA in Amerika wegen der Fremdkörperproblematik verboten wurden. Dazu haben wir eine Pro-und Contra-Session, in der es um einen Weg geht, diese gute und effektive OP-Methode für uns zu retten. Es gibt aus meiner Sicht keinen Grund, das völlig aufzugeben, nur weil die Amerikaner das anders sehen.

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