DKK: Klinikreform-Kompromiss gefährdet Qualität

Zum Auftakt des DKK warnt DKG-Präsident Ghadimi: Der Kompromiss zur Klinikreform verwässert onkologische Qualitätsstandards. Er fordert eine konsequente Konzentration der Versorgung in zertifizierten Zentren.

Klinikreform: Bund-Länder-Kompromiss verwässert Qualitätsanspruch 

Zur Eröffnung des Deutschen Krebskongresses in Berlin mahnte Professor Michael Ghadimi mehr Tempo und Stringenz bei der Durchsetzung hoher Qualitätsstandards an. Der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft sieht den Schlüssel hierfür in der Konzentration der Versorgung auf zertifizierte Zentren. Der sich aktuell abzeichnende Kompromiss bei der Krankenhausreform lasse jedoch befürchten, dass Deutschland seinen internationalen Rückstand im Kampf gegen Krebs nicht aufholen könne.

Angesichts der finanziellen Defizite der Krankenkassen und der schwierigen wirtschaftlichen und strukturellen Situation der Krankenhäuser sei der gesundheitspolitische Reformbedarf groß. „2026 müssen die Weichen für ein bezahlbares System gestellt werden, das eine qualitativ hochwertige Krebsversorgung sicherstellt“, sagte Ghadimi. Das Ende 2024 unter der Regie von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach verabschiedete Reformgesetz sei dazu ein geeigneter Ansatz gewesen. Mit dem sich jetzt abzeichnenden Kompromiss mit den Ländern werde diese Reform verwässert. 

Reformkompromiss auf Kosten der Patienten

„Hier brauchen wir eine Kehrtwende, denn mit den jetzigen Plänen besteht das Risiko, dass KrebspatientInnen weiterhin in Kliniken versorgt werden, die nicht ausreichend qualifiziert sind. Anpassungsbedarf sieht er bei den Qualitätsanforderungen der onkologischen Leistungsgruppen und bei onkochirurgischen Mindestmengen. Zudem lasse das Krankenhausreformanpassungsgesetz auf Länderebene zu viele Ausnahmen von Qualitätsvorgaben zu. Das hatten wenige Tage zuvor bereits der Krankenhausökonom Professor Boris Augurzky vom RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und der Intensivmediziner Professor Christian Karagiannidis, der der Expertenkommission für die Klinikreform angehört hatte, kritisiert. 

„Das geht auf Kosten der KrebspatientInnen. Wenn sich Krebsbetroffene – die sich ohnehin in einer vulnerablen Lage befinden – in eine Klinik begeben, müssen sie sichergehen können, dass diese auch die notwendige Expertise hat. Alles andere wäre Etikettenschwindel bei der Klinikreform“, mahnte Ghadimi. 

Notwendig sei es, dass in die Krankenhausreform diejenigen hohen Qualitätsstandards integriert werden, die die zertifizierten Krebszentren derzeit erfüllen. Das erfordere eine stärkere Zentralisierung der Krankenhauslandschaft. Mit der WiZen-Studie sei belegt worden, dass Patienten, die in zertifizierten Zentren behandelt werden, aufgrund besserer Behandlungsergebnisse profitieren. Zudem zeigten Studiendaten für Darmkrebs, dass bei der Versorgung in zertifizierten Zentren aufgrund einer effizienteren Versorgung geringere Kosten für die Solidargemeinschaft entstünden.  

„Jeder Krebspatient sollte zunächst in einem Comprehensive Care Center (CCC) oder in einem von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierten Zentrum behandelt werden“, forderte auch Gerd Nettekoven vom Vorstand der Deutschen Krebshilfe. „Solange es politisch gewollt ist, dass die Akuttherapie in Deutschland an jedem Krankenhaus möglich ist, werden wir in der Onkologie ein Qualitätsproblem haben, was nicht im Sinne der Patienten sein kann.“

Bessere Vernetzung von Zentren und ambulanten Onkologen

Gleichzeitig sei es aber auch notwendig, die Versorgungsstrukturen – CCCs, zertifizierte Zentren und ambulante onkologische Facharztpraxen – besser miteinander zu vernetzen, damit Innovationen und Forschungserkenntnisse sowie die neuesten Behandlungsmöglichkeiten rasch und auch flächendeckend die Patienten erreichen. Nach wie vor sei eine Benachteiligung von Patienten in strukturschwachen Regionen sichtbar. 

Mit zwei aktuellen Förderprogrammen der Deutschen Krebshilfe wird auf eine bessere Verzahnung der verschiedenen Versorgungsebenen hingearbeitet. Mit den Programmen „ONCOnnect“ und „Modelle für eine optimierte dezentrale onkologische Versorgung" habe die Krebshilfe bereits auf die Defizite in der Vernetzung der Versorgungsstrukturen reagiert. 

Beide Institutionen, die Träger des Deutschen Krebskongresses sind, fordern dringend bessere rechtliche, administrative und ökonomische Rahmenbedingungen insbesondere für die patientennahe klinische Forschung. Die Arbeit des Netzwerks Universitätsmedizin werde dazu nur wenig beitragen können, denn nach wie vor mangele es einerseits am Forschungspersonal in Unikliniken, andererseits behinderten immer noch bürokratische Anforderungen die klinische Forschung, kritisierte Ghadimi.

„Deutschland hat keine gute Studienkultur“

Als Beispiele für Länder mit einer guten Studien- und Datenschutzkultur nannte Ghadimi Spanien (hier werden inzwischen europaweit die meisten Studien durchgeführt) und Finnland. Seit 30 Jahren würden bei finnischen Patienten Longitudinaldaten über Krankheitsverläufe erhoben und gespeichert, wobei nur wenige hundert Bürger der Datenspeicherung widersprochen hätten. Behandelnde Ärzte, aber auch Forscher, können diese Daten als Erkenntnisquelle nutzen. Aufgrund des hohen Anteils von Finnen, die in Spanien ihren Urlaub verbringen, hätten inzwischen sogar spanische Kliniken eine Zugriffsmöglichkeit auf die Daten finnischer Patienten, die in Spanien akut erkranken, so Ghadimi. 

„Deutschland hat keine gute Studienkultur“, resümierte auch Krebshilfe-Vorstand Nettekoven. Noch immer sei es schwierig, Patienten als Probanden zur Teilnahme an klinischen Studien zu gewinnen, obwohl damit viel Wissen generiert werden könne. Immerhin adressiere nun das Bundesforschungsministerium im Rahmen der Dekade gegen den Krebs in einem eigenen Programm die Förderung klinischer Studien an sechs Zentren. Dabei sollten auch die CCC eingebunden werden, forderte Nettekoven.

Neuorientierung der Prävention

Dringend notwendig sei darüber hinaus eine grundlegende Neuorientierung in der Präventionspolitik erforderlich – nicht zuletzt, um die Finanzierbarkeit der immer teurer werden onkologischen Versorgung sicherzustellen. Aktuell erkranken jedes Jahr in Deutschland  500.000 Menschen neu an Krebs, etwa 40 Prozent dieser Neuerkrankungen seien potentiell vermeidbar. Mit der Adipositaswelle werde eine neue Welle an Krebsneuerkrankungen auf die Gesellschaft zulaufen. Neben ungesunder Ernährung und Bewegungsmangel seien Alkohol und Rauchen weitere wichtige Ursachen für die Entstehung von Krebs.