Künstliche Intelligenz in der Onkologie: Hype oder Fortschritt?
Der Deutsche Krebskongress 2026 beleuchtet KI-Anwendungen in der Onkologie – von der bildbasierten Diagnostik über Therapieplanung bis zu ethischen Fragen. Wo steht die Implementierung im klinischen Alltag wirklich?
Künstliche Intelligenz (KI) gilt als eine der großen Zukunftstechnologien der Medizin – und kaum ein Fachgebiet scheint dafür so prädestiniert wie die Onkologie. Große Datenmengen, komplexe Entscheidungsprozesse und der Wunsch nach immer präziseren Therapien machen den Einsatz algorithmischer Systeme besonders attraktiv.
Entsprechend nimmt das Thema auf dem Deutschen Krebskongress 2026 breiten Raum ein: In mehreren Sitzungen wird diskutiert, wo KI heute bereits sinnvoll eingesetzt wird, wo ihre Grenzen liegen – und was sie künftig tatsächlich leisten kann.
Doch jenseits visionärer Versprechen stellt sich die entscheidende Frage: Wie viel KI ist bereits im onkologischen Alltag angekommen?
Diagnostik: große Fortschritte – aber nicht ohne Fallstricke
Am weitesten fortgeschritten ist der Einsatz von KI derzeit in der bildbasierten Diagnostik. In der Radiologie und Pathologie zeigen zahlreiche Studien, dass KI-Systeme Tumorläsionen detektieren, klassifizieren und quantifizieren können – teils mit einer Genauigkeit, die der menschlichen Expertise nahekommt oder diese ergänzt.
In der Mammadiagnostik etwa sind KI-gestützte Systeme bereits in der Lage, Läsionen früher zu erkennen und die Befundungszeit zu reduzieren. Auch in der digitalen Pathologie werden Algorithmen eingesetzt, um Tumorgrading, Mitosezählung oder Biomarkerexpression zu unterstützen.
Gleichzeitig bleibt die Realität komplex: KI-Modelle sind stark abhängig von Trainingsdaten, anfällig für Verzerrungen (Bias) und bislang nur eingeschränkt generalisierbar. Auf dem DKK wird daher intensiv diskutiert, wie valide KI-Ergebnisse im klinischen Kontext interpretiert werden müssen – und warum sie ärztliche Expertise nicht ersetzen, sondern ergänzen sollten.
Therapieentscheidungen: Unterstützung statt Automatisierung
Ein weiteres zentrales Diskussionsfeld auf dem Kongress ist der Einsatz von KI in der Therapieplanung. Besonders in der Präzisionsonkologie, wo molekulare Profile, klinische Parameter und Studiendaten zusammengeführt werden müssen, verspricht KI Unterstützung.
Algorithmen können:
- große Mengen genomischer Daten analysieren,
- potenzielle Zielstrukturen identifizieren,
- Therapieoptionen priorisieren oder
- Studien vorschlagen, die für Patientinnen und Patienten infrage kommen.
Doch auch hier gilt: Die finale Entscheidung bleibt ärztlich. KI-Systeme liefern Wahrscheinlichkeiten, keine Gewissheiten. Auf dem DKK wird daher kritisch hinterfragt, wie solche Systeme in Tumorboards integriert werden können, ohne Entscheidungsprozesse zu verengen oder intransparent zu machen.
Prognose & Verlauf: mehr Präzision – mehr Verantwortung
Ein besonders sensibles Einsatzgebiet ist die Prognoseabschätzung. KI-Modelle können anhand klinischer, bildgebender und molekularer Daten Überlebenswahrscheinlichkeiten oder Rezidivrisiken berechnen – oft präziser als klassische Scores.
Das wirft jedoch neue Fragen auf:
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Wie kommuniziert man KI-basierte Prognosen gegenüber Patientinnen und Patienten?
- Welche Rolle spielen Unsicherheiten und Modellannahmen?
- Wer trägt die Verantwortung bei Fehlprognosen?
Diese ethischen und rechtlichen Aspekte werden auf dem DKK bewusst nicht ausgeklammert, sondern als integraler Bestandteil der KI-Diskussion behandelt.
Klinischer Alltag: warum KI (noch) kein Selbstläufer ist
Trotz vieler Pilotprojekte ist KI im onkologischen Alltag bislang nicht flächendeckend etabliert. Gründe dafür sind unter anderem:
- fehlende Integration in klinische IT-Systeme
- unklare regulatorische Rahmenbedingungen
- mangelnde Transparenz der Algorithmen („Black Box“)
- fehlende prospektive Evidenz für patientenrelevante Endpunkte
Auf dem DKK 2026 wird deshalb nicht nur über technologische Möglichkeiten gesprochen, sondern auch über Implementierung, Akzeptanz und Schulung. Denn klar ist: KI kann nur dann Mehrwert schaffen, wenn Ärztinnen und Ärzte sie verstehen und kritisch einordnen können.
Blick nach vorn: KI als Werkzeug, nicht als Ersatz
Ein zentraler Tenor, der sich bereits im Vorfeld des Kongresses abzeichnet:
Künstliche Intelligenz wird die Onkologie verändern – aber nicht revolutionieren, indem sie den Menschen ersetzt. Vielmehr liegt ihr Potenzial darin, Routinen zu erleichtern, Muster sichtbar zu machen und komplexe Informationen besser nutzbar zu machen.
Der Deutsche Krebskongress 2026 bietet die ideale Plattform, um diese Entwicklung realistisch, evidenzbasiert und interdisziplinär zu diskutieren – jenseits von Hype und dystopischen Szenarien.
- Deutscher Krebskongress 2026: Themenschwerpunkte Digitalisierung und KI. www.deutscher-krebskongress.de
- National Cancer Institute (NCI): Artificial Intelligence in Cancer Research and Care. www.cancer.gov
- European Society for Medical Oncology (ESMO): Artificial Intelligence and Digital Oncology. www.esmo.org