Die Therapie des Nierenzellkarzinoms hat sich in den vergangenen Jahren verändert: von der Zurückhaltung bei kleinen Tumoren bis zum breiten Einsatz immunbasierter Kombinationen im metastasierten Stadium. Im Vortrag ordnete Prof. Dr. Jan Roigas, Berlin, Small Renal Masses (SRM) als häufiges klinisches Szenario ein. Diese Tumoren werden meist zufällig entdeckt; etwa 20 Prozent sind benign, viele maligne SRM zeigen ein indolentes biologisches Verhalten. Die Metastasierungswahrscheinlichkeit bei inzidentellen cT1a-Läsionen ist sehr niedrig. Entsprechend steht im klinischen Alltag häufig die Frage im Raum, ob der Tumor behandelt oder beobachtet werden sollte.
Diagnostisch sei eine hochwertige Schnittbildgebung mittels multiphasischem CT oder MRT essentiell. Leitlinien empfehlen grundsätzlich eine Bildgebung von Abdomen und Thorax zur Stadieneinteilung, erlauben bei cT1a-Tumoren (≤ 4 cm) jedoch den Verzicht auf ein Thorax-CT aufgrund des geringen Metastasierungsrisikos. Eine Nierentumorbiopsie ist nicht routinemäßig erforderlich, wird aber vor ablativen Verfahren empfohlen. Zystische Läsionen ohne solide Anteile sollten nicht biopsiert werden.
Therapeutisch bleibt bei organbegrenztem Nierenzellkarzinom (RCC) die Operation der Standard. Bei T1-Tumoren ist die nierenerhaltende Operation zu bevorzugen, sofern möglich. Roigas nannte die roboterassistierte partielle Nephrektomie als etablierten minimalinvasiven Standard und verwies auf intraoperative Hilfsmittel wie Ultraschall zur Lokalisation endophytischer Tumoren.
Adjuvante Therapien
Dr. Philipp Ivanyi, Hannover, gab einen Überblick über adjuvante Strategien. VEGF- beziehungsweise TKI-basierte Ansätze zeigten lange keinen konsistenten Überlebensvorteil. Ein Wendepunkt war die Phase-III-Studie KEYNOTE-5642, in der Patienten mit klarzelligem RCC und erhöhtem Rezidivrisiko über etwa ein Jahr Pembrolizumab oder Placebo erhielten. Im aktuellen Interims-Update zeigte sich ein signifikanter Vorteil im Gesamtüberleben sowie ein stabiler Benefit im krankheitsfreien Überleben.
Ivanyi ging zudem auf die M1-NED-Konstellation ein, also auf Patienten, die nach Metastasenbehandlung tumorfrei sind. In dieser biologisch besonderen Gruppe müsse der potenzielle Nutzen der adjuvanten Immuntherapie sorgfältig gegen Immuntoxizität und Therapieabbrüche abgewogen werden. Zudem sei zu berücksichtigen, dass ein Teil der Betroffenen auch ohne Adjuvanz geheilt wäre, während andere trotz Therapie rezidivieren. Daraus leitete er den Bedarf an prädiktiven Biomarkern ab.
PREPARE-Studie: Nebenwirkungen und Lebensqualität
Dr. Viktor Grünwald, Essen, präsentierte Ergebnisse der PREPARE-Studie3 bei einem fortgeschrittenen oder metastasierten RCC. In der randomisierten Phase-III-Studie wurde ein strukturiertes, proaktives Onko-Coaching mit der Standardversorgung verglichen. Ziel war eine Verbesserung der patientenberichteten Lebensqualität, gemessen unter anderem mit dem FKSI-15-Fragebogen.
Die Studie lief unter schwierigen Bedingungen: Während der Laufzeit wandelte sich die Therapielandschaft von TKI-Monotherapien hin zu immunbasierten Kombinationen, zudem beeinträchtigte die COVID-19-Pandemie die Rekrutierung und Nachsorge. Das Coaching-Konzept erwies sich dennoch als organisatorisch umsetzbar und erreichte eine gute Adhärenz. In der Interventionsgruppe wurden mehr Nebenwirkungen dokumentiert, was als Effekt einer systematischeren Erfassung gewertet wurde.
Das primäre Studienziel wurde jedoch nicht erreicht: Eine klinisch relevante Verbesserung der Lebensqualität ließ sich nicht nachweisen. Interessant war ein explorativer Hinweis auf einen möglichen Vorteil im Gesamtüberleben bei fehlender PFS-Differenz. Aufgrund der begrenzten Fallzahl ist dieses Signal jedoch nicht als gesichert zu interpretieren.
Systemtherapie im metastasierten Stadium
Ramona Stelmach, Heidelberg, stellte den IMDC-Score als zentrale Entscheidungsgrundlage für die Erstlinientherapie vor. Der Score basiert auf sechs klinischen und laborchemischen Faktoren und teilt die Patienten in günstige, intermediäre und ungünstige Risikogruppen ein.
Kombinationstherapien aus Immuntherapie (IO) und Tyrosinkinase-Inhibitoren (TKI) sind heute über alle Risikogruppen hinweg etablierte Standards, während die duale Immuncheckpoint-Blockade mit Ipilimumab/Nivolumab primär für Patienten mit intermediärem oder ungünstigem Risiko empfohlen wird.
Zweit- und Folgelinientherapien
Prof. Dr. Maike de Wit, Berlin, fokussierte sich auf die Zweit- und Mehrlinientherapie. Sie betonte, dass kleinere radiologische Progressionen ohne klinische Verschlechterung nicht zwingend einen sofortigen Therapiewechsel erfordern. Bei oligoprogressiven Läsionen können lokale Verfahren eine wirksame Ergänzung sein. Zentrales Prinzip bleibe das Sequenzdenken nach Substanzklassen.
Als evidenzbasierte Option nannte sie Cabozantinib, das in der METEOR-Studie4 gegenüber Everolimus Vorteile beim progressionsfreien und Gesamtüberleben zeigte. Die Kombination Lenvatinib plus Everolimus könne in späteren Linien ein längeres PFS erzielen, gehe jedoch mit höherer Toxizität einher. Eine erneute Immuncheckpoint-Therapie nach vorangegangener Immuntherapie zeigte in Studien wie CONTACT-03 und TiNivo-2 keinen Nutzen, sondern eher mehr Toxizität.
Abschließend ordnete de Wit den HIF-2α-Inhibitor Belzutifan als relevante Option in späteren Therapielinien ein, der seit Februar 2025 in der EU für stark vorbehandelte RCC-Patienten zugelassen ist.
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37. Deutscher Krebskongress (DKK), 18.-21. Februar 2026, CityCube, Berlin. https://www.deutscher-krebskongress.de/. Highlight-Sitzung: Therapie des Nierenzellkarzinoms – aktueller Standard und Ausblick, 20. Februar 2026
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https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMoa2106391
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https://www.researchgate.net/publication/389096770_A_phase_III_study_testing_the_role_of_proactive_coaching_on_patient_reported_outcome_in_advanced_or_metastatic_renal_cell_carcinoma_treated_with_sunitinib_or_a_combination_of_axitinib_pembrolizumab_or
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https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27279544/